Fontane: John Maynard – Analyse

John Maynard!…

Text

http://johnmaynard.net/Poem.html (Text mit engl. Übersetzung)

http://www.forums9.ch/sprachen/johnmaynard.htm (dito)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=669

Die Ballade ist vielleicht 1885 entstanden, jedenfalls 1886 in „Berliner Bunte Mappe“ veröffentlicht worden. Gegenüber „Archibald Douglas“ oder „Der 6. November 1662“ ist neu, dass der Stoff nicht der Sage und der Vergangenheit entstammt, sondern der Gegenwart und der Arbeitswelt – immerhin ein Versuch, das veraltete Balladenschema zu verändern!

Das Gedicht bezieht sich auf ein Unglück, das sich am 9. August 1841 ereignete: Der Raddampfer „Erie“ geriet auf der Fahrt von Buffalo nach Detroit in Brand; von den über 200 Passagieren kamen die meisten ums Leben, der Kapitän wurde gerettet. Der Steuermann hieß Fuller; er hat das Steuerrad nicht aus der Hand gegeben und kam mit ziemlicher Sicherheit ebenfalls ums Leben. Dieses Ereignis wurde am 12. September 1845 sehr frei zu einer Zeitungsstory im „Commercial Advertiser“ verarbeitet; der Steuermann erhält dabei den Namen John Maynard. Gut 20 Jahre später hat der Engländer J.B. Gough daraus eine erbauliche Geschichte gemacht, das Sprachrohr als Verständigungsmittel eingebaut und die Fahrt nach Buffalo stattfinden lassen. 1868 macht der Schriftsteller Horatio Alger jr. daraus eine Ballade – Fontane kannte vielleicht die beiden letzten Fassungen des Stoffs.

Aufbau: Die Ballade besteht aus drei Teilen – ich orientiere mich in der Verszählung an der Ausgabe der Freiburger Anthologie (s.o.). Den ersten Teil bildet ein Gespräch zwischen einem Frager und einem der Geretteten (V. 1-7). Im zweiten Teil wird die Geschichte des Unglücks und der Rettung mitsamt dem Tod des Steuermanns John Maynard erzählt (V. 9-49). Im dritten Teil wird schließlich das Begräbnis Maynards erzählt und zum Abschluss der Spruch auf seinem Grabstein zitiert.

Es fällt auf, dass die Antwort des Geretteten teilweise (V. 5 f.) mit dem Spruch des Grabsteins (V. 63 f.) übereinstimmt. Dieser Lobpreis des tapferen John Maynard bildet also die Klammer, innerhalb deren das erzählte Geschehen steht. Die einleitenden Verse 3 f., die Antwort auf die Frage nach dem Mann, nehmen in nuce bereits die Heldentat John Maynards vorweg und lassen den Leser fragen: Was ist da passiert? Diese Frage wird im zweiten Teil beantwortet.

In der 1. Strophe des 2. Teils wird die glückliche Fahrt des Schiffs „Schwalbe“ über den Erie-See beschrieben; die Atmosphäre ist entspannt („plaudernd“, V. 15), die Herzen der Passagiere sind „frei und froh“ (V. 12, Alliteration, wiederholt in V. 19). Mit der Zeitangabe „dreißig Minuten“ (V. 18) wird eine Marke gesetzt, die bei der Beschreibung der Not in den nächsten Strophen genutzt werden kann.

Wir sehen hier zwei Kompositionsprinzipien der Ballade: die Wiederholung und die Steigerung. Wiederholt werden die Verse 3 f. (s.o.), die Metapher „fliegt“ (V. 9, 11), die Adjektive „frei und froh“ (s.o.), die Frage „Noch da, John Maynard?“ (V. 35, 41), das „Feuer“ (V. 21, 48), „Ein Qualm“ (V. 22 f.), das Steuer (V. 28, 32), „Ich halte drauf hin.“ (V. 38, leicht verändert V. 42), „Rettung“ (V. 46, 49); die Gegenüberstellung alle – einer (V. 49 mit V. 51 und 54) sowie die entsprechende Gegenüberstellung er – uns (V. V. 5 f. und 63 f.), die Blumen am Grab (V. 57 f.). Die Steigerung wird im weiteren Bericht deutlich und mit den Zeitangaben 20, 15, 10 Minuten verbunden (V. 24, 30, 40). In den beiden nächsten Strophen (V. 19-40) wird berichtet, wie plötzlich das Feuer bemerkt und von den Passagieren als Bedrohung erlebt wird (Kontrast zur Atmosphäre V. 9 ff.). Im Gespräch des Kapitäns mit dem Steuermann (V. 31 ff.) wird dann das Prinzip der Steigerung bemerkbar: Der Zugwind wächst, die Qualmwolke steht, die ersterbende Stimme – und dann die dramatische Rettung, angedeutet in V. 43-46, ausgesprochen in V. 48 f. Den dritten großen Kontrast (nach V. 19 f. und V. 49) finden wir im Bericht vom Begräbnis: die Töne der Glocken – das Schweigen der Menschen (V. 51 ff.).

„John Maynard“ ist die Ballade eines modernen Helden, der im Beruf so treu seinen Dienst verrichtet, dass „alle“ beim Brand gerettet werden, während er sein Leben verliert. Das wird an zwei Stellen ausgesprochen; das erste Mal steht es im Erzählerbericht: „Gerettet alle. Nur einer fehlt.“ (V. 49). Diese Wendung erinnert an den Spruch „Alle für einen, einer für alle.“ Das Motto stammt aus dem Roman „Die drei Musketiere“ von Alexander Dumas; er wird heute vielfältig verwendet, er bezeichnet das Prinzip wechselseitiger Solidarität, ein Fundament jeder Gemeinschaft. Die zweite Wendung ist der wiederholte Doppelvers „Er hat uns gerettet…“ (V. 5 f., V. 63 f.). „Er trägt die Kron“ erinnert an die Krone oder den Kranz des Lebens, den der im Glauben Getreue von Gott erhält (Apk 2,10); das passt dazu, dass mit „Er starb für uns“ die Bekenntnisformel „Christus ist für unsere Sünden gestorben…“ (1 Kor 15,3) aufgegriffen wird. John Maynard ist für unser Leben gestorben, sagen die Geretteten; die Krone, die er bekommt, ist „unsre Liebe“.

Zur Form ist noch zu sagen, dass wir einen Knittelvers vor uns haben, dass die Strophen ungleich lang sind, dass die dialogischen Momente einen starken Akzent in der Erzählung setzen. Unklar ist mir die Funktion des abschließenden „John Maynard“ sowohl in V. 7 wie in V. 65. Wenn es die Namensangabe auf dem Grabstein wäre, müsste es über dem Grabspruch stehen (V. 61-64), nicht darunter. In V. 7 ist es aus V. 65 übernommen, hat aber in der Antwort der Geretteten (V. 3-6) wirklich keine Funktion. So bleibt ihm nur die rhetorische Funktion der eindringlichen Wiederholung des Namens, der ja schon aus der Überschrift und dem Zuruf (V. 1) bekannt war.

Fontane wollte mit dieser Ballade ein Zeichen gegen den Zeitgeist setzen, als dessen Signatur er erkannte, dass jeder nur an sich und seinen Vorteil denkt. Das hat Karl Richter in seiner Analyse „Stilles Heldentum“ (in: Gedichte und Interpretationen. Deutsche Balladen, hrsg. von Gunter E. Grimm, Reclam 1988, S. 345 ff., hier S. 361 ff.) gezeigt.

Wie man an den Links sieht, ist die Ballade sowohl bei professionellen Sprechern beliebt als auch (oder: weil?) im Unterricht der Schulen gut vertreten: Balladen werden meist in Kl. 7 gelesen, ohne dass ich dafür einen Grund anzugeben wüsste – so war es immer schon.

http://de.wikipedia.org/wiki/John_Maynard

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/22/4.5.pdf (U-Vorbereitung)

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/Kahl_John-Maynard.pdf

http://www.mein-lernen.at/index.php?option=com_content&view=article&id=2629:ballade-john-maynard-theodor-fontane&catid=630:literatur&Itemid=433 (knapp)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/1950.htm (unfreiwillig komisch)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=qBBYtoeIZjs (O.E. Hasse)

http://www.vorleser.net/hoerbuch.php?id=fontane_maynard (Claudia Gräf)

http://www.sprechbude.de/john-maynard-von-theodor-fontane/ (Chr. Maasch)

http://www.youtube.com/watch?v=CTIP3vXN0aE (EAPoeProductions)

http://www.lyrik-audio.de/?id=35 (Norbert Steinke ?)

http://ia700508.us.archive.org/13/items/sammlung_gedichte_001_librivox/13_john_maynard_tf_fce.mp3 (mäßig)

http://www.youtube.com/watch?v=Yx4Z_OS24po (ein Lehrer?)

http://www.youtube.com/watch?v=1mXPPYDZhK8 (rap)

http://www.youtube.com/watch?v=KMZnuVj0mbg (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=OcG2pVYBYRk (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=pLZK-xKA-L8 (Danny, gesungen)

http://www.youtube.com/watch?v=C-6a334ugo0 (Achim Reichel, gesungen)

Sonstiges

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/525223/354-Theodor-Fontane-John-Maynard (parodierte Kurzfassung)

http://www.youtube.com/watch?v=Lprmm2CgSv0 (Parodie)

http://www.martinum.de/erstehomepage/material/ballade8.htm (drei Parodien, schülerhaft)

http://www.peter-becker.de/index.htm (Umformung in Pressemeldung)

http://www.youtube.com/watch?v=t6VFs0H14JY und http://www.youtube.com/watch?v=okcd53QLAK8 (Erzähltheater: Was hat das mit Fontane zu tun?)

http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/A#Alle_f.C3.BCr_einen.2C_einer_f.C3.BCr_alle.21 („Alle für einen…“)

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