Fontane: Meine Gräber – Analyse

Kein Erbbegräbnis mich stolz erfreut…

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Meine_Gr%C3%A4ber_%28Fontane%29

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=668

Ein Erbbegräbnis ist „ein bestimmter Platz, auf den eine Familie oder ein Geschlecht das vererbliche Recht auf Nutzung zur Bestattung der Überreste ihrer verstorbenen Mitglieder hat“ (Wikipedia). So viel Geld gab es bei Fontanes Eltern nicht, dass sie sich ein Erbbegräbnis hätten erlauben können. Die Toten wurden an den Orten begraben, wo sie gestorben waren – „Aber all in märkischem Sand“ (V. 4).Nicht ohne Stolz erwähnt Fontane, hier ohne Weiteres gleich dem lyrischen Ich, diese Tatsache, dass „seine“ Gräber alle in der Heimat liegen; „meine Gräber“ (V. 2), das sind die Gräber, die er zu besuchen pflegt: das der Mutter, des Vaters und seines Sohnes George. Sie sind „zu weit zerstreut“ (V. 2) für einen alten Mann – Fontane hat das Gedicht 1888 geschrieben und 1889 veröffentlicht, da war er 70 Jahre alt. Er wiederholt „weit zerstreut“ (V. 3) und fügt „über Stadt und Land“ hinzu, über das ganze Land der Mark Brandenburg, also doch noch im weiten Umkreis der Heimat.

Die drei Gräber werden kaum beschrieben – beschrieben wird die Landschaft, in der sie liegen; die Toten sind in den Mutterboden heimgekehrt, das ist die Botschaft dieses Gedichts. Sie gehören der Erde an. Das wird beim dritten Grab deutlich, dem Grab seines vorzeitig verstorbenen Sohnes George, der gerade erst Vater geworden war; er ist „seines Todes froh“ (V. 21), obwohl er noch nicht 40 war, als er starb.

Die Mutter ist 1869 in Neuruppin gestorben und ist auch dort begraben, in der Nähe des Rhin, eines rechten Nebenflusses der Havel. Der Vater war1867 gestorben; sein Grab liegt bei der Kirche in Neutornow (auf der Oderinsel Neuenhagen), heute Bad Freienwalde. 1887 verstarb George Fontane; er wurde auf dem Friedhof Lichterfelde (heute Berlin: Steglitz-Zehlendorf, Moltkestraße) begraben, auf dem Teltow-Plateau östlich von Potsdam; Fontane besuchte oft sein Grab.

Neuruppin: http://img.fotocommunity.com/images/Wild-lebende-Voegel/Reiher-Stoerche-Ibisse/Storchennest-Modell-Neuruppin-a27179875.jpg

http://oderbruchpavillon.de/bausteine/beitraege/bacher.htm (Oderbruch: zu Neutornow)

http://de.wikipedia.org/wiki/Teltow_(Landschaft) (Teltow)

Wie gesagt, beschrieben wird die Landschaft, in der die Gräber liegen – es ist mir nicht möglich, im Netz Bilder davon zu bekommen, wie die Landschaften 1890 aussahen; Mummeln (V. 16) sind übrigens Seerosen. Am Ende der 2. und 3. Strophe steht bloß lakonisch: „Da ist meiner Mutter Grab.“ (V. 12) Da hat mein Vater seinen Stein.“ (V. 20) Nur bei seinem Sohn ist der Schluss anders: „Der Wind, der Wind geht drüber hin.“ (V. 32) Mit dem Wind wird eine zentrale Metapher des Vergessens aufgerufen: „Für viele Metaphern des Vergessens lassen sich Landschaftsbezüge konstruieren. Die meisten Bezüge finden sich zum Wasser. Diese entspringen dem Unterweltfluss Lethe, aus dem die Verstorbenen langes Vergessen trinken. […] Weitere Landschaftsbezüge finden sich im Sand und der Wüste, dem Wind und dem Gras, das über eine Sache wächst.“ (Mario Röhrle) Wenn der Wind über dieses Grab des zuletzt Verstorbenen und damit auch über die der anderen geht, dann heißt das, dass sie irgendwann vergessen werden (vgl. „Sag’ mir, wo die Blumen sind“); George Fontanes Grab gibt es heut bereits nicht mehr, und wäre sein Vater nicht Schriftsteller gewesen, würde keiner mehr den Namen George Fontane kennen.

In die heimatliche Landschaft eingebettet sind die Gräber, und der Wind geht darüber hin. Der alte Mann gedenkt noch seiner Toten – aber auch er wird bald nicht mehr sein. Fontane starb am 20. September 1898, er liegt auf dem Friedhof II der Berliner Französisch-Reformierten Gemeinde begraben.

Das Gedicht ist in Knittelversen abgefasst, so wie Fontane auch seine Balladen gedichtet hat; die Verse sind im Paarreim aneinander gebunden. Die mittleren Strophen umfassen 8 Verse, die letzte 12; dem entspricht, dass es eine kleine Vorstrophe zu 4 Versen gibt (4+8=12). Die Reime sind teilweise semantisch sinnvoll (z.B. nicht erfreut / zu weit zerstreut, V. 1/2), teilweise zufällig gereimt (am Horizont / sich sonnt, V. 27 f.).

Durch das Gedicht „Meine Gräber“, das die Mutter ihr vorgelesen hat, wurde Agnes Miegel zur Dichterin. Heute ist es wenig bekannt, zumindest im Westen Deutschlands – zu weit waren nach 1948 der märkische Sand und der Rhin vom Rhein entfernt, als dass man sich für diese Landschaft und ihre Gräber interessiert hätte. Die Schönheit des Gedichtes erschließt sich erst, wenn man es zum dritten Mal liest.

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Erbbegr%C3%A4bnis (Erbbegräbnis)

http://www.historischer-verein-ruppin.de/98.htm (Fontanes Mutter)

http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Henry_Fontane (Fontanes Vater)

http://www.berlin.de/ba-steglitz-zehlendorf/derbezirk/2visit/friedhoflichterfelde.html (zum Grab des Sohnes George)

http://www.historic-maps.de/stadtplaene/stadtplaene-1800-1900/index.htm (Berlin 1869)

http://www.txtbank.de/metaphern/vergessen_und_memoria/ (Metaphern des Vergessens)

http://www.youtube.com/watch?v=HRhHpTRuBrk (Sag mir, wo die Blumen sind)

http://www.youtube.com/watch?v=JpVlMRJifLQ (dito)

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz00_06/text47.htm (aus dem Familienleben der Fontanes)

http://www.neuruppin.de/fileadmin/dateien/Kultur/Kultur_Downloads/Fontane_-_Chronik.pdf (Chronik: Fontane)

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