Holger Hintzen: Paul Raphaelson und Hans Jonas – Besprechung

Ein jüdischer Kapo und ein bewaffneter Philosoph im Holocaust

Greven Verlag, Köln 2012

Hintzen hat ein spannendes Buch geschrieben – spannend für jemanden, der Mönchengladbach kennt und der sich für Fragen der Judenverfolgung und -vernichtung im Dritten Reich interessiert.

Hintzen erzählt parallel die Geschichte zweier jüdischer Fabrikantensöhne aus Mönchengladbach, die ungefähr gleichaltrig waren, aber überaus unterschiedliche Schicksale erlebten: Der eine, verarmt und heruntergekommen, wird 1942 deportiert, wird im KZ Kapo und 1947 gehängt; der andere, promovierter Privatgelehrter, kann 1933 nach Israel emigrieren, kehrt 1945 kurz als britischer Soldat nach Deutschland zurück und zieht mit seiner Familie schließlich nach Amerika. 1945 treffen sich die beiden zu einem Essen – viel mehr haben sie nicht miteinander zu tun.

Die Geschichte des Hans Jonas kannte ich weithin; ich habe seine Erinnerungen gelesen. Die Geschichte des Paul Raphaelson hat Hintzen akribisch recherchiert; diese Lebensgeschichte ist die interessantere von beiden, weil sie in die Abgründe des KZs führt. Die Verbindung der beiden Biografien bleibt letztlich vordergründig und verdankt sich der moralischen bzw. rechtlichen Frage, die Hintzen im letzten Kapitel seines Buches („Schluss“, S. 299 ff.) diskutiert: War Rahpaelson schuldig oder war er eher selber ein Opfer? Und war er so schuldig, dass man ihn hinrichten durfte? Bei dieser Frage dient das Leben des Hans Jonas quasi als Kontrast: Seht, der hatte es viel einfacher in seinem Leben als der arme Raphaelson, der vielfach ein Opfer seiner Lebensumstände und -verhältnisse war.

Hintzen kann gut schreiben, er ist Redakteur der Rheinischen Post. Das letzte Kapitel des Buches ist das schwächste, weil Hintzen hier nicht über das Referat gängiger Denkschemata hinauskommt; er ist eben Historiker, nicht Philosoph. Aber das mindert nicht den Wert des Buches, der in seiner Darstellung des Schicksals von Paul Raphaelson liegt – wie gesagt, spannend für jemanden, der Mönchengladbach kennt und der sich für Fragen der Judenverfolgung und -vernichtung im Dritten Reich interessiert.

http://www.rp-online.de/niederrhein-sued/moenchengladbach/nachrichten/hans-jonas-und-der-lager-kapo-1.2843956 (Interview mit H. Hintzen)

http://www.jungefreiheit.de/Archiv.611.0.html?jf-archiv.de/archiv12/201244102662.htm

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/FD1201210013622775.pdf

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