Morgenstern: Das Gebet – Interpretation

Die Rehlein beten zur Nacht…

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Die Rehlein beten zur Nacht“, das ist ein großartiger Anfang. Er wird durch den ganzen religiösen Kitsch, der sich um das liebe Jesulein rankt, hervorgebracht – auf dass dieser Kitsch bloßgestellt werde, indem nun auch noch die Rehlein (Diminutivform!) zu beten anfangen.

Mit „hab acht!“ (V. 2) wird der Zuhörer vom Sprecher direkt angesprochen und zur Aufmerksamkeit aufgerufen – was ja auch sinnvoll ist, weil es schon erstaunlich ist, dass die Rehlein zur Nacht beten. Aus diesem Weckruf wird nun – über die Assoziation „halb acht“ als Zeitangabe – die Fortsetzung herausgesponnen: „Halb neun“ (V. 3) usw., bis „Zwölf!“ (V. 7). Und dann muss auch mit dem Beten einmal Schluss sein; so wird V. 1 f. wiederholt (V. 8 f.) und das Beten beendet mit dem kitschig-schönen Bild: „Sie falten die kleinen Zehlein…“ (V. 10 f.). Die Form „Zehlein“ entspricht der Form „Rehlein“, die Analogie des Händchen-Faltens ist offensichtlich: „Händchen falten, Köpfchen senken, immer nur an Jesus denken.“

Der religiöse Kitsch hat sich heute weithin in die Esoterik-Szene verzogen, er wird aber auch noch in den christlichen Kirchen nicht ausgestorben sein. Na, dann faltet mal alle schön die kleinen Zehlein!