Morgenstern: Der Gaul – Interpretation

Es läutet beim Professor Stein…

Text: http://www.christian-morgenstern.de/dcma/index.php?title=Der_Gaul

http://www.textlog.de/17409.html

Wir gehen aus von Karl Simrock: Die Schildbürger, Siebzehntes Kapitel (Wie die Schildbürger wegen der bevorstehenden Ankunft des Kaisers einen Schultheißen wählen, http://gutenberg.spiegel.de/buch/4316/18); die Schildbürger beschließen, derjenige solle ihr Bürgermeister werden, der am nächsten Tag den besten Reim zustande bringe. Dabei kamen dann allerlei verunglückte „Gedichte“ heraus:

Wer nicht wohl kann reimen und renken,

Den sollte man an den Galgen knüpfen.“ oder

Ich heiße Meister Hildebrand

Und lehne meinen Spieß an die Mauer.“

Genau in dieser hervorragend bewährten Gedichttechnik ist Morgensterns „Der Gaul“ konzipiert: Wir haben sechs Strophen mit Kreuzreim vor uns, wobei der zweite Reim, also der jeweils vierte Vers, verunglückt, z.B.: Stein / sein, Hühner / Türe (1. Str.); die letzte Strophe verunglückt reimtechnisch insgesamt.

Inhaltlich haben wir einen sprechenden Gaul vor uns, der ordentlich klingelt, ganz normal in einen Professorenhaushalt hineinspaziert und verständig spricht (der auktoriale Erzähler und seine Hörer verstehen ihn natürlich, nur die Familie Stein versteht ihn nicht); traurig wendet er sich wieder ab (5. Str.). Nach dem Gaul darf dann der Professor sprechen; er lässt die wahrhaft großen Worte hören: „Das war ein unerhörtes Erlebnis“, welche sich leider auch nicht auf „möchte“ reimen und den Nonsens der erzählten Begebenheit in den Rang eines Großereignisses heben.

Als Gag am Rand sei auf das durch den Reim provozierte Adverb „dazumaul“ hingewiesen, das semantisch hervorragend in die Umgebung des Gauls passt (wegen des neuen Wortteils -maul).

Vortrag: http://www.youtube.com/watch?v=zDXFkZT9a2M (Hilde Harvan)