Morgenstern: Der Tanz – Interpretation

Ein Vierviertelschwein und eine Auftakteule…

Text: http://christian-morgenstern.de/dcma/index.php?title=Der_Tanz

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Ein wunderbares Gedicht, in dem berichtet wird, wie allerlei seltsame Figuren (ein Vierviertelschwein, eine Auftakteule, der Schöpfer einer Säule und der Geigerich) dazu beitragen, dass das Schwein und die Eule tanzen. Die Pointe ist natürlich nicht der „Inhalt“ des Berichts, sondern sein Rhythmus, in Verbindung mit den Namen der Beteiligten: Das Vierviertelschwein hat schon einen Rhythmus als Bestimmungswort („Vierviertel“), die Auftakteule hat an dieser Stelle eine Taktbezeichnung (Auftakt: unbetonte Silbe, die einen dann regelmäßigen Takt einleitet); der Geigerich, das ist der Vetter vom Kröterich und Ratterich, zwei Figuren aus dem Buch „Der Wind in den Weiden“ (1908) – das sind also die Männer der Kröte und der Ratte, während der Geigerich hier jemand ist, der die Geige spielt.

Der Takt ist alternierend, ein Trochäus; die Pointe ist in der 1. Strophe, dass auf zwei weibliche Kadenzen eine männliche folgt, was mit dem Satzende zu einer Pause führt. Der 6. Vers besteht sogar nur aus drei Silben die gleiche Technik wie in Fontanes „John Maynard“, wo dieser Name zum Schluss einen ganzen Vers füllt und damit ein größeres Gewicht bekommt; ich vermute, dass es auch für diese 1. Strophe (wie für die 2./3.) ein literarisches Vorbild gibt. In der 2. und 3. Strophe ist der wiegende Rhythmus von Goethes „Die Braut von Korinth“ nachgeahmt: Wechsel weiblich-männlicher Kadenzen (4 Verse), dann zwei verkürzte Verse mit männlicher Kadenz, zum Schluss wieder ein längerer Vers mit weiblicher Kadenz. Auch inhaltlich bestimmen Tanz, Rhythmus, Melodie das Geschehen.

Der spielerische Charakter des Berichts wird in der 3. Strophe deutlich, wo die Säule einfach verschwindet und auch Schwein und Eule wieder in ihr „Nichts zurücke reisen“ (V. 17), sodass zum Schluss „nichts weiter zu beweisen“ war (V. 20).

Das Gedicht wäre wunderbar geeignet, die Eigenart des Rhythmus eines Gedichtes Schülern vorzuführen – leider hat es den Sprung in den Kanon der in Lesebüchern präsentierten Gedichte nicht geschafft; daran ist aber nicht das Gedicht schuld.

Vortrag: http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-tanz.html (Fritz Stavenhagen)