Morgenstern: Die unmögliche Tatsache – Interpretation

Palmström, etwas schon an Jahren…

Text: http://de.wikisource.org/wiki/Die_unm%C3%B6gliche_Tatsache

http://www.christian-morgenstern.de/dcma/index.php?title=Die_unm%C3%B6gliche_Tatsache

Das ist eines der großen Gedichte Morgensterns, und zwar wegen der berühmten „unschlagbaren“ Schlussfolgerung am Ende des Gedichts (V. 22 ff.).

Es wird neutral berichtet,

wie Palmström überfahren wurde (1. Str.),

wie er dieses Geschehen  überdenkt (2. – 4. Str.),

wie er sich juristisch kundig macht (5. Str.),

welchen Schluss er aus seiner Lektüre zieht (6. Str.).

Palmström tritt hier als ein „Mann des Geistes“ auf: Er denkt ganz viel nach, wie in 3 von insgesamt 6 Strophen berichtet wird; außerdem liest er „Gesetzesbücher“ (V. 18), statt auf Verkehrsschilder zu achten und sich im Straßenverkehr mehr in Acht zu nehmen (oder den Kraftfahrer anzuzeigen). Den Höhepunkt seiner Geistigkeit erreicht er, als er in einer gewagten Schlussfolgerung zu dem Ergebnis kommt: „Nur ein Traum war das Erlebnis.“ (V. 22) Und seine Begründung dafür ist so „plausibel“ wie absurd, die Begründung eines pedantischen Spinners: dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“ (V. 24); diese Begründung ist beinahe sprichwörtlich geworden. Bereits seine erste Überlegung (Wie war es möglich, V. 5 ff. – vgl. die Paradoxie im Titel!) impliziert seine verrückte Schlussfolgerung, sie rückt ihn in die Nähe von Voltaires Philosophen Pangloss: als ob es hinterher von Belang wäre, ob das Unglück möglich war, wo es ihn doch wirklich getroffen hat! Auch seine Erwägung, „die Staatskunst anzuklagen“ (V. 9), weist in die gleiche Richtung; das Gleiche gilt für seine Überlegung, ob gerade hier das Töten verboten war (V. 13 ff.) – als ob das nicht überall verboten wäre.

Einige sprachliche Feinheiten: das grammatisch falsche „und“ in V. 3; das Satzadjektiv „entschlossen“ (V. 6); die Verkürzung von V. 4 auf drei Silben bzw. zwei Hebungen (gegenüber vier Hebungen sonst, vgl. den verkürzten vierfachen Schlussvers in Heines Gedicht „Die schlesischen Weber“: „Wir weben, wir weben!“) – das ist der sprachliche Ausdruck dafür, dass er kurz und schlicht überfahren wurde.

Vortrag: http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-unmoegliche-tatsache.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.rezitator.de/gdt/811/ (Lutz Görner)

http://www.rezitator.de/gdt/882/ (dito)