Morgenstern: Vertiefter Blick – Interpretation

Durch das Eßbare hindurch…

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Morgenstern greift hier eine religiöse Wendung auf und an, die (in Anlehnung an 2 Kor 4,18) etwa so lautet: „Osteraugen sehen mehr. Sie sehen im Tod schon das Leben, weil sie um den lebendigen Gott wissen. […] Sie sehen durch das Sichtbare hindurch auf das Unsichtbare und mitten im Irdischen schon das Himmlische.“ (http://www.kloster-volkenroda.de/fileadmin/user_upload/PDF/Freundesbrief/Freundesbrief_Maerz_09.pdf) Diesen religiös-gläubigen Blick auf die Welt, genauer: durch die Welt hindurch parodiert Morgenstern in den beiden ersten Versen, indem er ihn auf die banale Ebene des Essens herunterbricht. In der Konkretisierung der beiden Kontraste ‚das Essbare / das Unessbare’ als „das Korn / des Bäckers Haare“ (V. 3 f.) treibt er die Parodie auf die Spitze, zieht er die religiöse Rede ins Lächerliche.

In der 2. Strophe wird, analog der religiösen Sprache, das Blicken aufs Unessbare als Anweisung verallgemeinert (V. 5 f.) und mit einer tadelnden Einschränkung versehen (V. 7 f.). Mit der Bezeichnung „Tor“ greift er eine geläufige religiöse Bezeichnung für die Gottesleugner auf („Der Tor spricht in seinem Herzen: Es ist kein GOTT!“ Ps 14,1) und wendet ihn an auf den, „der dabei [beim Blicken, N.T.] verkehrt verfuhr“ (V. 8) – wogegen er sich damit wendet, lässt er offen; aber wer das Gedicht mit Verstand liest, weiß es: gegen die Gläubigen, die hinter der Natur einen Gott erkennen. Er tut sie mit diesem Gedicht als Spinner ab. [Man sollte jedoch auch erwägen, ob Morgenstern hier nicht einen Hieb gegen Platon und die Ideenlehre, also gegen idealistische Philosophie führt; vgl. auch sein Gedicht „Das Grab des Hunds“.]