W. Herrndorf: Tschick – Besprechung

Wolfgang Herrndorf: TSCHICK. Roman, Rowohlt. Berlin 2010

Wolfgang Herrndorf ist vor gut zwei Wochen gestorben, er hat sich erschossen (http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Herrndorf). Erst durch die Würdigungen anlässlich seines Todes bin ich wirklich auf ihn aufmerksam geworden (http://www.sueddeutsche.de/kultur/zum-tod-von-wolfgang-herrndorf-er-liebte-es-kalt-und-komisch-1.1756188). Das war ein Fehler – bereits 2010 ist sein Roman „Tschick“ erschienen; den will ich hier kurz vorstellen.

Maik Klingenberg ist der 14jährige Ich-Erzähler des Romans, der vordergründig ein Abenteuerroman zweier Burschen von heute (planlose Tour in einem geklauten Lada durch Deutschland), in Wahrheit ein Roman von der Selbstfindung Maiks oder von der Freundschaft zweier Jungen ist, was hier keinen Unterschied macht. Dazu kommt noch, dass er in dem verwilderten Mädchen Isa eine Freundin und zum Schluss in seiner alkoholabhängigen Mutter einen freien Menschen findet.

Der Anstoß zu Maiks Entwicklung kommt von Tschick, der den sonst als Langweiler bekannten Maik cool findet und als Freund gewinnen will. Tschick, ein Russlanddeutscher aus unklaren sozialen Verhältnissen, der leicht eine kriminelle Karriere einschlagen könnte, kann schon Auto fahren und „verfügt“ über einen schrottreifen Lada aus der Nachbarschaft. Nachdem Maik wochenlang ein Bild für die von ihm verehrte Tatjana gemalt hat, wird er nicht zu ihrem Geburtstag eingeladen – aus dieser Enttäuschung heraus beschließen die Jungen, irgendwohin zu fahren: in die „Walachei“; der Weg ist frei, weil Maiks Mutter in die Entzugsklinik gegangen ist und der Vater mit seiner Freundin Urlaub macht. Nach vielen Aufregungen fahren sie den Lada zu Schrott, werden von der Polizei erwischt und gerichtlich-pädagogisch behandelt; am Ende steht in Aussicht, dass Isa Maik in Berlin besucht. Erzählt wird aber nur noch, wie die Mutter die Wohnungseinrichtung in den Pool schmeißt und mit Maik hinterherspringt: ein Sprung in die Freiheit.

Der Roman beginnt auf einer Station der Autobahnpolizei nach dem Unfall (Kap. 1-4). Dann wird die Vorgeschichte erzählt: wie Maik so in seiner Klasse lebt, wie er Tschick kennenlernt, wie er Tatjana das Bild überreicht und dann mit Tschick zur großen Fahrt aufbricht (Kap. 20) – und dann die großen und kleinen Abenteuer der Fahrt (bis Kap. 44). Dass Tschick sich zwischendurch als schwul outet, ist vielleicht ein Zugeständnis an den Zeitgeist und eine „pädagogische“ Anwandlung des Autors: Maik möchte des Freundes wegen auch schwul sein, aber die Mädchen gefallen ihm doch besser. Der gleichen Pädagogik verdankt sich vermutlich auch der Umstand, dass Maik und Tschick so deutlich auf das Altern und den Tod hingewiesen werden, einmal in der Hütte durch den alten Eintrag (Anselm Wail), dann durch den alten Mann, der mit dem Luftgewehr auf sie schießt und sie doch bei sich aufnimmt; da schießt Herrndorf ein bisschen übers Ziel hinaus. Der Schluss ist kurz: wie Maik zu Hause vom Vater verprügelt und instruiert wird, wie er vor Gericht steht, wie Tatjana sich um ihn bemüht und Isa ihr Kommen ankündigt, wie der Vater verschwindet und die Mutter mit ihm in den Pool springt.

Eine Reihe der Abenteuer ist höchst unwahrscheinlich, was aber nicht den Reiz des Romans mindert, den man in einem Zug lesen kann (und beinahe lesen muss). In einem Gedanken Maiks weist Herrndorf selbst darauf hin, wie unwahrscheinlich es ist, dass sie so viele hilfsbereite Menschen getroffen haben (S. 209): „Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.“

Ein Reiz des Romans besteht darin, dass sich die Perspektive des 14jährigen von der der Leser abhebt: wenn etwa die Robe des Richters als Poncho bezeichnet wird oder Maik nicht weiß, dass es auch außerhalb der Redensart eine Walachei gibt. Allerdings ist es schon widersprüchlich, dass Maik zwar die Rede von der Walachei als Redensart identifizieren, aber nicht die Robe eines Richters richtig benennen kann. Aber das sind Kleinigkeiten, die den Lesegenuss nicht trüben.

Unklar ist die Gesprächssituation. Das wird (u.a.) etwa zu Beginn des Kapitels 6 deutlich: „Und jetzt hab ich immer noch nicht erklärt, warum sie mich Psycho genannt haben.“ (S. 24) Dieser Satz bezeugt, dass Maik sein Erzählen reflektiert, was eigentlich nur vor einem Zuhörer sinnvoll ist – von einem solchen ist aber weit und breit nichts zu sehen. Das gilt erst recht für den letzten Satz von Kap. 46: „Und der hieß Burgmüller, falls es jemanden interessiert.“

Und nach all diesen schlauen Bemerkungen ein letzter Satz: ein hinreißender Jugendroman, der das größte Vergnügen vermutlich Erwachsenen bereitet. So ein Buch landet unwiderruflich irgendwann im Deutschuntericht; da könnte man z.B. untersuchen, welche Parallelen es zu Tom Sawyer und Huckleberry Finn gibt.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/wolfgang-herrndorf-tschick-zauberisch-und-superporno-1.1011229

http://www.tagesspiegel.de/kultur/tschick-rezension-endkomischer-roadroman/1956422.html

http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/wolfgang-herrndorfs-abenteuerroman-tschick.html

http://www.herr-rau.de/wordpress/2011/02/wolfgang-herrndorf-tschick.htm (Herr Rau)

http://deutschsprachige-literatur.blogspot.de/2012/08/tschick-von-wolfgang-herrendorf.html (kritisch)

http://ulfcronenberg.macbay.de/wordpress/2010/11/06/buchbesprechung-wolfgang-herrndorf-tschick/

http://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_%28Roman%29

http://wiki.zum.de/Tschick (ZUM-Wiki)