Broch: Pasenow oder die Romantik – Begriff der Romantik

Der Begriff „Romantik“ wird im Roman von Eduard v. Bertrand eingeführt; dessen Verhältnis zu Joachim von Pasenow muss deshalb zunächst kurz bestimmt werden. – Ich beziehe mich auf die Textausgabe in der Bibliothek Suhrkamp, Bd. 92  (6.-10. Tausend 1969).

Joachim denkt abschätzig über Eduard: dass ihm selber die Zivilkleider nicht so selbstverständlich sitzen wie jenem, dass man diesen vermutlich in den Lokalen der Lebewelt trifft (S. 15 f.). Er stellt sich zwanghaft Eduard vor, „sei es als Liebhaber dieses Mädchens, sei es als dessen Zuhälter“ (S. 16). Er möchte nicht mit seinem Vater „oder gar noch dazu mit Bertrand allein sein“ (S. 17). Er traut ihm zu, in diesem anrüchigen Lokal unter falschem Namen zu verkehren (S. 19), will ihn aber nicht einen Schlingel nennen lassen (S. 20). Eine größere Charakteristik Eduard folgt S. 23 ff. – wieder im Zusammenhang mit der Zivilkleidung, die jener der Uniform vorgezogen hatte – „das Unbegreifliche“, Eduard hatte als Secondeleutnant den Dienst quittiert und war deshalb in Joachims Augen so etwas wie ein Verräter (S. 23 f.).

Joachim denkt nun, was Bertrand etwa zur Uniform sagen könnte: dass nach dem Verlust des christlichen Glaubens die irdische Amtstracht an die Stelle der himmlischen gesetzt wurde, „und die Gesellschaft mußte sich in irdische Hierarchien und Uniformen scheiden und diese an der Stelle des Glaubens ins Absolute erheben. Und weil es immer Romantik ist, wenn Irdisches zu Absolutem erhoben wird, so ist die strenge und eigentliche Romantik dieses Zeitalters [d.i. die Zeit um 1888, N.T.] die der Uniform, gleichsam als gäbe es eine überweltliche und überzeitliche Idee der Uniform“. Diese Idee ergreife den Menschen stärker als jede andere Idee, und der Uniformträger sei vom Bewusstsein besessen, „die eigentliche Lebensform seiner Zeit und damit auch die Sicherheit seines eigenen Lebens zu erfüllen“. (S. 21 f.)

Im Gespräch über deutsche Kolonialpolitik sagt Eduard zu Joachim: „Nun ja, was soll dabei heraussehen? Ein bißchen privater Kriegsspaß und Kriegsruhm für die unmittelbar Beteiligten. Natürlich alle Achtung für Dr. Peters, und wäre er früher gekommen, ich hätte wahrhaftig mitgemacht, aber was soll sonst wirklich dabei heraussehen, außer Romantik?“ Denn einen tatsächlichen Zweck verfolgten in den Kolonien nur die Kirchen mit ihrer Mission (S. 32 – zu Dr. Peters s. http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Peters).

In einem anderen Gespräch meint Eduard, Helmuths Duell der „Ehre“ wegen sei wegen der Konvention des Gefühls, der Trägheit des (längst überlebten) Gefühls ausgetragen worden (S. 64); er begründet diese Einschätzung damit, dass „Ehre“ zwar ein lebendiges Gefühl sei, aber „daß überlebte Formen stets voller Trägheit sind und daß viel Müdigkeit dazu gehört, sich einer toten und romantischen Gefühlskonvention hinzugeben“ (S. 65).

Joachim denkt von sich selber, er tue in der Trägheit seiner romantischen Phantasie zu wenig für Ruzena (S. 79). Eduard nennt Ruzena und Joachim Romantiker, weil sie den kleinen Theaterjob Ruzenas für gut befinden, und mit Romantik könne man für niemanden sorgen (S. 97). Eduard denkt auch ironisch über seine eigene Romantik (vor Ruzenas Haus warten, S. 100); in dem dramatischen Gespräch mit Elisabeth erwägt er die unrealistische Möglichkeit, sie könnte mit ihm fortgehen, „vielleicht aus Romantik…“ (S. 174).

„Romantik“ ist also in Eduards Sicht eine Motivation, die auf überholten Wertungen oder Ideen beruht, und damit unrealistisch, wenn auch subjektiv erhebend und oft genug wirkmächtig. Eduard distanziert sich von dem, was er als Romantik abtut; Joachim dagegen, misstrauisch und Eduard in allem unterlegen, lebt aus seinen romantisch-traditionellen Ideen, die ihn an einer vernünftigen Lebensführung hindern und ihn zerstörten, wenn nicht Eduards Umsicht und Elisabeths Geduld und Schicksalsergebenheit dies verhinderten. Den höchsten Ausdruck findet die Romantik in Joachims Verehrung der Uniform, die ihn davor schützt, in der Hochzeitsnacht mit seiner Frau schlafen zu müssen (S. 196 ff.).

Paul Michael Lützeler (Hermann Broch – Ethik und Politik, München 1973, S. 106 ff.) erklärt, wieso auch Eduard von Bertrand ein Romantiker ist. Dieser Materialist und Geschäftemacher, ein typisches Kind des Wilhelminismus, sei „infiziert von verschwommen-romantischen Ideen, die sich bei ihm in Reisewut und Liebessehnsüchte umsetzen“ (S. 108). Gute Laune und geschäftlicher Erfolg stabilisierten sich bei ihm gegenseitig, ohne dass sich daraus ein Lebensziel ergäbe. Er sei zugleich ein Ästhet, der in eingebildeten Absolutheitserfahrungen auf reale Liebe verzichtet. In den beiden großen Liebesgesprächen mit Elisabeth (S. 119 ff. und S. 169 ff. im Roman) bemerke man, wie er hohle Phrasen drischt, auch wenn Elisabeth ihm nicht gewachsen ist und in gewisser Weise ihm verfällt. Zur Erklärung seiner Reisewut berufe er sich auf seinen „Dämon“ (Goethe), was bei ihm nur ein anderes Wort für Lust ist. Die einzige Realität des Lebens sei für ihn das bloße Spiel; er habe oft einen ironischen Zug um den Mund und setze sich mit leichten oder verächtlichen Handbewegungen über Widersprüche hinweg.

Beim ersten Lesen achtet man mehr auf Joachim, da man nur aus seiner Perspektive die Welt sieht, sofern der Erzähler nicht neutral oder selten auktorial spricht. Lützeler behauptet jedoch, v. Bertrand sei nicht bloß Joachims Gegenspieler, sondern „die zentrale Figur im Pasenow“ (S. 107). „Eduards Pathos ist dem Pathos, von dem er sich absetzt, durchaus gleich, und seine Romantik ist die seiner Zeitgenossen, lediglich mit einem anderen Vorzeichen versehen“ (a.a.O., S. 110). Und das Pathos sei schließlich das Kennzeichen des Romantikers, mit dem er seine Wirklichkeit „zum Absoluten emporschrauben“ will.

Vgl. auch diesen Vortrag über den Zerfall der Werte in Die Schlafwandler sowie die Inhaltsangabe https://norberto42.wordpress.com/2013/09/24/broch-pasenow-oder-die-romantik-inhalt/.

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