Broch: Huguenau oder die Sachlichkeit – Inhalt

„Huguenau oder die Sachlichkeit“ ist in 88 meist kleine Kapitel eingeteilt, deren Nummer hier in Klammern angegeben wird.

Das erzählte Geschehen spielt i.W. vom Vorfrühling bis Spätherbst 1918 in einem Städtchen in einem Nebental der Mosel. Wilhelm Huguenau, ein etwa 30jähriger Kaufmann aus dem Elsass, wird 1917 zum Kriegsdienst eingezogen; 1918 kommt er an die Front, desertiert und gelangt in das genannte Städtchen. Dort trifft er auf Esch als Chef einer Druckerei, in der die Lokalzeitung gedruckt wird. Huguenau bindet den Stadtkommandanten v. Pasenow in seine Pläne ein und kann mit Hilfe der Honoratioren des Ortes ohne eigenes Geld die Druckerei und den Posten des Schriftleiters der Zeitung übernehmen, indem er auf seine angeblichen Beziehungen zur Großindustrie verweist. Er vereinbart auch, dass er bei Esch zu Mittag essen kann; zwischen dem gewissenlosen Huguenau und dem sozial eingestellten Esch kommt es zu Spannungen.

Zur gleichen Zeit nähern sich Esch und v. Pasenow einander an, weil sie beide ein schwärmerisches Christentum vertreten. Esch konvertiert sogar zum Protestantismus. Huguenau versucht Esch beim Stadtkommandanten zu denunzieren, was ihm aber nicht gelingt; dass er Deserteur ist, wird bekannt, aber dann doch nicht verfolgt.

Neben dieser Haupthandlung gibt es weitere Erzählstränge, in denen der tagelang verschüttete und dann gerettete Ludwig Gödicke, der verwundete Leutnant Jaretzki und die schöne Hanna Wendling stehen, deren Mann an der Front ist. Gödicke, der sich das Prädikat „Auferstanden von den Toten“ zulegt, kommt nur schrittweise in den Besitz seiner Kräfte. Jaretzki wird der Arm amputiert, schließlich bekommt er eine Prothese und wird entlassen; durch Gödicke und Jaretzki wird auch das Krankenhaus mitsamt dem Personal ein Schauplatz des Geschehens. Hanna Wendling, die in einer teuren Villa lebt, ist völlig desorientiert; auch der Heimaturlaub ihres Mannes kann sie nicht aufrichten.

Die bisher genannten Figuren repräsentieren die Menschen, die unter dem Ersten Weltkrieg bzw. dem Geist der Zeit leiden; sie äußern sich entsprechend sarkastisch, auch über den Giftgaseinsatz, durch den Jaretzki seinen Arm verliert. Gödicke scheint aufgrund seines Unglücks aus vielen Teilen zu bestehen, die er mühsam zusammenbringen muss.

Aus zwei Anlässen kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen: Einmal wird eine sogenannte „Siegesfeier“ des Vereins „Moseldank“, von Huguenau initiiert, veranstaltet. Dort trifft man sich beim Tanz und zum Trinken (60). Der zweite Anlass ist die Revolution Anfang November 1918 (85); bei den Unruhen werden das Rathaus angezündet und das Gefängnis gestürmt. Von Pasenow wird von Esch gerettet, Esch wird von Huguenau mit dem Bajonett ermordet, v. Pasenow von seinem angeblichen Retter Huguenau nach Köln gebracht – so entkommt dieser der näher rückenden Front. – Einige Jahre später ist Huguenau verheiratet; er verkauft der Witwe Esch seine Anteile an der Druckerei und lebt als ein ganz „normaler“ Kaufmann und französischer Staatsbürger wieder im Elsass.

Daneben gibt es einen Erzählstrang, in dem der Ich-Erzähler Dr. Bertrand Müller die Geschichte des Heilsarmeemädchens in 15 Kapiteln erzählt; er berichtet von seinem Leben in Berlin, wo er neben emigrierten Juden wohnt, vom Heilsarmeemädchen Marie und dessen Freundschaft mit dem Juden Nuchem sowie von den Besuchen des Arztes Dr. Litwak. Manche dieser 15 Kapitel sind Gedichte. (In der Sekundärliteratur wird Dr. Bertrand Müller als der Erzähler des ganzen Romans identifiziert.)

Das erzählte Geschehen wird von einer Reflexion des auktorialen Erzählers über den Rebellen (32) und dem philosophischen Essay eines Ich-Sprechers in zehn Teilen eingerahmt (12, 20, 24, 31, 34, 44, 62, 65, 73, 88), in welchen er sich um eine geschichtsphilosophische Klärung der Frage bemüht, in was für einer Zeit er und die Figuren leben. Der Leitbegriff ist zunächst „der Stil der Epoche“ (31; 20, 24 und 34), den man am  ehesten an der bildenden Kunst ablesen könne, der aber auch das Denken bestimme. Die Renaissance wird als die Zeit des großen Umbruchs erkannt (55), in der der persönliche Gott durch einen fernen abstrakten Gott abgelöst wurde (34, 44). Die radikale und ornamentlose Religiosität des Protestantismus mache den Stil der neuen Epoche aus: „ist in dieser Alleszermalmung des Inhaltlich-Irdischen die Wurzel der Wertzersplitterung zu sehen? Ja.“ (62) In der Logik dieser Zersplitterung liegt es, dass es in der Wirtschaft nur um das Geld, im Krieg nur um den Krieg geht – damit ist der Krieg als Hintergrund des Geschehens gedeutet, ist der skrupellose Kaufmann Huguenau verortet. Wert und Zerfall der Werte sind das letzte wichtige Stichwort des Essays (73, 88).

Der Begriff des Schlafwandelns, der in „Esch oder die Anarchie“ eingeführt worden ist, taucht hier zweimal kurz auf. Einmal spricht der Ich-Erzähler von seinem Körpergefühl, das ihm die Gewissheit schenke, „in einer Art Wirklichkeit zweiter Stufe zu leben, daß eine Art unwirklicher Wirklichkeit, wirklicher Unwirklichkeit angehoben hatte, und sie durchrieselte mich mit sonderbarer Freudigkeit. Es war eine Art Schwebezustand zwischen Noch-nicht-Wissen und Schon-Wissen, es war Sinnbild, das sich nochmals versinnbildlichte, ein Schlafwandeln, das ins Helle führte, Angst, die sich aufhob und doch wieder aus sich selbst erneuerte (…)“ (77). Beim zweiten Mal spricht der auktoriale Erzähler des Romans davon, dass „das Schlafwandeln der Unendlichkeit“ über das kleine Mädchen Marguerite gekommen ist und sie nie mehr freigeben wird (82), ohne dass dies im Kontext weiter erklärt würde.

Beachtung verdienen noch die beiden Hinweise auf den „Führer“. In Kap. 12, wo der Irrsinn des Krieges reflektiert wird, heißt es zum Schluss: „Ach, wir wissen von unserer eigenen Zerspaltung und wir vermögen doch nicht, sie zu deuten (…). Gäbe es einen Menschen, in dem alles Geschehen dieser Zeit sinnfällig sich darstellte, dessen eigenes logisches Tun das Geschehen dieser Zeit ist, dann, ja dann wäre auch diese Zeit nicht mehr wahnsinnig. Deshalb wohl sehnen wir uns nach dem ‚Führer’, damit er uns die Motivation zu einem Geschehen liefere, das wir ohne ihn bloß wahnsinnig nennen können.“

In Kap. 88, am Ende des Buches, wird diese Sehnsucht nach dem Führer noch einmal reflektiert: „(…) er, der das Haus neu erbauen wird, damit  aus Totem wieder das Lebendige werde, er selber auferstanden aus der Masse der Toten, der Heilsbringer, der in seinem eigenen Tun das unbegreifbare Geschehen dieser Zeit sinnvoll machen wird, auf daß die Zeit neu gezählt werde. Dies ist die Sehnsucht. Doch selbst wenn der Führer käme, das erhoffte Wunder bliebe aus: sein Leben wäre Alltag im Irdischen (…).“ Auf der folgenden Seite fällt noch einmal das Stichwort und der Hinweis, dass „unzerstörbar die Messiashoffnung der Annäherung“ bleibt.

Vgl. dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BChrer und http://delete129a.blogsport.de/images/CS_DerFuehrerschuetztdasRecht.pdf (Aufsatz Carl Schmitts, 1934)

Die Entstehungsgeschichte des Romans hat Paul Michael Lützeler in der kommentierten Werkausgabe, Bd. 1, 1978, skizziert (S. 742 ff.): In einer Novellenfassung gab es den „Huguenau“ bereits 1928; die Romanfassung ist in mehreren Schritten 1929/32 entstanden. Die Geschichte der Figuren Gödicke, Jaretzki und Hanna Wendling tauchen erst in der 2. Fassung auf; in Kap. 60 werden sie mit den anderen Figuren verbunden, in Kap. 65 reflektiert. In der 3. Fassung des Romans kommen die „Geschichte des Heilsarmeemädchens in Berlin“ und die zehn Kapitel vom „Zerfall der Werte“ hinzu. Die Reflexion des Erzählers über den Rebellen (32) gab es bereits in der Novellen- und der 1. Romanfassung.

Zur Deutung der Trilogie s. „Die Entropie des Menschen: Studien zum Werk Hermann Brochs“, von Paul Michael Lützeler. Würzburg 2000, S. 36 ff.:

Die Essayfolge macht das Ornament des dritten Romans aus (S. 40). Im Roman sollen die Konturen einer neuen Religion und Wertordnung gezeichnet werden (S. 40). Dr. phil Bertrand Müller sei der Autor der Essayfolge und damit auch der des Romans (S. 40). Den kulturellen Neuaufbau signalisiere „der Maurer Gödicke. Als Soldat ist Gödicke im Krieg so schwer verletzt worden, daß seine Kameraden ihn für tot halten. Er erweist sich aber nur als scheintot, und Broch zeigt, wie der Maurer Gödicke  – Claudia Brodsky wies bereits daruaf hin – im Koma seine Seele allmählich wieder wie ein neues Haus aufbaut. Zunächst legt er das Fundament, dann baut er Stein für Stein das Gebäude seiner Seele wieder auf. Als es fertig ist, erwacht er wieder zum Leben. So wie der Maurer Gödicke seine Seele neu aufbaut, so müßte auch die europäische ‚Kulturseele’ neu konstruiert werden.“ (S. 43)

Vgl. auch Theodore Ziolkowski: Strukturen des modernen Romans. München 1972, S. 127 ff., S. 185 f. und S. 212 ff.

Hartmut Steinecke: Hermann Broch. Zeitkritik zwischen Epochenanalyse und Utopie, in: Zeitkritische Romane des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Hans Wagener. Reclam: Stuttgart 1975, S. 76 ff.

Hildegard Emmel: Geschichte des deutschen Romans, Bd. II. Bern/München 1975, S. 268 ff.

Friedrich Vollhardt: Hermann Brochs geschichtliche Stellung. Tübingen 1986

Walter Hinck: Roman-Chronik des 20. Jahrhunderts. Eine bewegte Zeit im Spiegel der Literatur. Köln 2006, S. 74 ff.

http://www.christian-eschweiler.com/downloads/schlafwandler.pdf (Erzähltheorie, zu Flake, Musil und Broch)

http://germanistik.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_germanistik/sicks.rtf („Die Schlafwandler“, erzähltheoretisch gesehen, v.a. S. 80 ff. = http://othes.univie.ac.at/155/1/sicks.pdf)

http://www.ruendal.de/aim/pdfs02/tholen.pdf (Männlicher Eros in „Die Schlafwandler“)

https://scholarsbank.uoregon.edu/xmlui/bitstream/handle/1794/11480/Ackermann_Clemens_ma2011sp.pdf?sequence=1 (Intertextualität als kulturelles Gedächtnis, zu den zehn Kapiteln „Zerfall der Werte“)

https://norberto42.wordpress.com/2013/09/18/broch-pasenow-oder-die-romantik-begriff-der-romantik/ (zum Begriff der Romantik in Pasenow oder die Romantik)