Kästner: Abendlied des Kammervirtuosen – Analyse

Du meine Neunte, letzte Sinfonie!…

Text

http://www.deutschelyrik.de/index.php/abendlied-des-kammervirtuosen-1173.html

http://gedichte-lesen.blogspot.de/p/erich-kastner-gedichte.html (3. Text)

Dieses Gedicht, 1927 in der „Plauener Volkszeitung“ veröffentlicht, kostete Kästner seinen Job als Redakteur der „Neuen Leipziger Zeitung“, weil man (damals!) über die Unsittlichkeit des Textes empört war.

Ein Kammervirtuose, ein Sänger also, spricht in musikalischen Vergleichen und Metaphern zu der von ihm geliebten Frau und preist so ihre erotischen Vorzüge. Die Neunte Sinfonie (V. 1), Inbegriff musikalischer Schönheit, ist Beethovens Meisterwerk. Der erotische Bezug wird in V. 2 deutlich: „Wenn du das Hemd anhast…“ – ein Hemd war bei Frauen das Nachthemd; auch die Aufforderung „Komm wie ein Cello zwischen meine Knie“ (V. 3) ist deutlich genug.  In V. 4 liegt ein Wortspiel (Seite / Saite) vor; das Schmusen wird als Spielen des Cellos („in die Saiten greifen“) umschrieben.

In der 2. Strophe werden die Bitten um das Liebesspiel weitergeführt, ohne dass noch eine Umsetzung in die direkte Bildhaftigkeit (wie bei Seite / Saite) nötig wäre: Lass mich blättern…, Ich möchte schmettern… Beim „Oktavengang“ (V. 9), also der Tonleiter, wird durch das Verb „schreiten“ das Bild eines realen Gangs evoziert; Furioso und Crescendo (V. 10, 12) überträgt man als Leser direkt auf den Beischlaf.

In der 4. Strophe wird die „Klangfigur“ der Frau gepriesen, bei „Lider“ (V. 15) wird mit dem Anklang an „Lieder“ gespielt („Lieder ohne Worte“). Im letzten Vers wird durch die banale Aufforderung und den Konditionalsatz in schönster Umgangssprache das ganze Pathos des Kammervirtuosen ins Lächerliche gezogen, der hohe Ton der erotischen Verzückung wieder in die normale Tonlage versetzt – sicher nicht zum Entzücken von Leserinnen, welche gern die Flötentöne des Liebesturtelns hören. Auch das „Graun“ (V. 6), das sich an „Händel“ (Name / Streit) anschließt, stört [die Zusammenstellung unpassender Größen (V. 6) ist satirisch!] ebenso wie das folgende „schmettern“ (V. 7) den zarten Klang des Liebessäuselns, welches der Kammervirtuose als sein Abendlied anstimmt (Überschrift – auch Stilbrüche sind satirische Merkmale). So stellt das „Abendlied des Kammervirtuosen“ eine eigenwillig-witzige Variation der klassischen Gedichtform „Abendlied“ dar (aber keine Parodie – gegen „Abendlied“ bei wikipedia, eher eine Satire).

Formal haben wir ein Gedicht im fünfhebigen Jambus mit Kreuzreim vor uns. Oft weicht die Betonung vom Taktschema ab: „Du“ (V. 1, 8), „Komm“ (V. 3, 9), „Laß“ (V. 5), „Oh“ (V. 13), „Sag“ (V. 16). Das Gedicht ist als ganzes nicht „ernst“ gemeint, sondern stellt ein heiteres Spiel dar; dementsprechend klingen die Reime meistens ein bisschen schräg (letzte Sinfonie / zwischen meine Knie, V. 1/3; blättern / in alle Winde schmettern, V. 5/7, u,ö.)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/abendlied-des-kammervirtuosen-1173.html (Fritz Stavenhagen)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Abendlied (Abendlied)

http://de.wikipedia.org/wiki/9._Sinfonie_%28Beethoven%29 (9. Sinfonie)