Kästner: Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn – Analyse

Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?…

Text

http://www.ph-ludwigsburg.de/html/2b-dtsc-s-01/tucholsky/texte/korrespondenztexte_andere.doc

http://www.exil-club.de/groups/dresdenkaestner/_hpgen_content3.htm

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/kennst_du.htm (mit Vertonung)

Vielleicht ist dieses 1928 in der Zeitschrift Das Tage-Buch veröffentlichte Gedicht Erich Kästners sein bekanntestes; zumindest wird es heute häufig zitiert und gedruckt. Es ist keine Parodie von Goethes Gedicht „Mignon“, weil es nicht die Form oder den Inhalt dieses Gedichts bemüht, sondern nur den ersten Vers abgewandelt zitiert – es geht Kästner nicht um Goethes Gedicht, sondern um den militaristischen Ungeist im Deutschland seiner Zeit.

Formal ist das Gedicht die Frage samt eigener Antwort in einem Dialog: Es wird ein „Du“ angesprochen (V. 1 f., V. 27 f.), auch wenn kein Ich benannt ist; das Ich spricht nicht lyrisch, sondern politisch. Die Frage ist der abgewandelte erste Vers aus Goethes „Mignon“, was zur paradoxen Formulierung von den blühenden Kanonen führt. Dementsprechend muss das Ich nachfragen: „Du kennst es nicht?“ (V. 2) Darauf folgt eine Drohung: „Du wirst es kennenlernen!“ (V. 2) Das muss man wohl eine eine Unheilsprophezeiung ansehen, die sich ab 1933 bewahrheitet hat.

Die beiden Verse (V. 1 f.) werden zum Schluss wiederholt und bilden so einen Rahmen, innerhalb dessen erklärt wird, wie es in diesem Land zugeht; als Schlussverse passen die beiden Verse nicht mehr so recht.

Wie es also in diesem Land zugeht (dreizehnmal „dort“), wird in V. 3-26 beschrieben. Davon stehen V. 3-16 und V. 23-26 im Indikativ: So ist es; V. 17-22 stehen im Konjunktiv II (bzw. weisen eine Einschränkung auf: nicht viele): So könnte es im Gegensatz dazu sein.

Wie ist es dort also? Das wird, vereinfacht gesagt, in drei Aspekten entfaltet:

·      Im Grund herrscht dort überall der Geist des Militarismus (V. 3 f. als Beispiel); dafür stehen die Stichworte Kasernen (V. 4, 26), Gefreite V. 5), Helme (V. 6), stramm stehen (V. 11), kleine Sporen (V. 13 – schon damals veraltet), nicht Zivilist (V. 15), Heldentum (V. 22), Bleisoldaten (V. 24).

·      Sachlich zeigt sich dies in der durchgängigen Unterordnung unter Vorgesetzte (i.W. V. 9-16, V. 25).

·      Das bedeutet, dass die Leute dort kaum selbständig denken oder frei sprechen (V. 11 f., V. 21 f.).

Im Einzelnen muss erklärt werden, dass V. 8 indirekt eine Anspielung auf die Parole „Deutschland braucht Soldaten!“ ist, die von paarungsbereiten Machos mit dem Spruch „Mädchen, mach die Beine breit!“ o.ä. kombiniert wurde. Als V. 12 ist formal ein typischer Kasernen-Befehl einmontiert. In V. 23 f. wird ein Nietzsche-Wort abgewandelt: „In jedem echten Manne steckt ein Kind, und das will spielen.“ In V. 25 gibt es das Wortspiel „reifen – grün bleiben“, das von Früchten auf die Freiheit übertragen wird. Die anderen Aussagen müssten für jeden verständlich sein.

Formal haben wir einen fünfhebigen Jambus vor uns, wo die vier Verse im Kreuzreim verbunden sind und abwechselnd männliche und weibliche Kadenzen aufweisen. Diese Form braucht Kästner öfter – hier wird darin die Warnung vor dem militaristischen Ungeist verpackt.

Das Gedicht ist eine plakative Schelte in der Umgangssprache, ein Chanson, keine essayistische Analyse: Worin wahres Heldentum besteht (V. 22) oder worin sich Geist und Güte (V. 21, Alliteration) zeigen, wird natürlich nicht erklärt – es genügt, den Geist der Unterordnung zu diffamieren. Das machte das Gedicht dann auch zu einem Paradegedicht für die 68er; seitdem ist es eines der viel zitierten Gedichte in Schulbüchern. Vorher hat es in der BRD ein Schattendasein geführt: Ich habe 1961 Abitur gemacht, in unserem Deutschunterricht kam Kästner nicht vor, Brecht natürlich auch nicht. Übrigens fehlt in der Anthologie „Das Gedicht. Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart“, hrsg. von Erwin Laaths, München/Zürich 1951, der Name Kästner völlig. So war das eben damals. Aber dass befördert wird, wer die Schnauze hält, das galt weithin auch nach 68 und gilt vermutlich immer noch. Wo? Na, dort, sagt Kästner.

http://www.schreiben10.com/referate/Literatur/32/Interpretation-zu-Erich-Kastners—Kennst-Du-das-Land–wo-die-Kanonen-bluhen-reon.php (hilflos-schülerhaft, mit phantasievollen „Deutungen“)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/kennst-du-das-land-wo-die-kanonen-bluehn.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=eMaSNmO31vk (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=i8Vhsl_S20M&list=PLCEA9A21F3BB05416 (Mathias Habich)

http://www.youtube.com/watch?v=i8Vhsl_S20M&list=PLA98D95B65B5F4988 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=i8Vhsl_S20M&list=PLAFACDD9F0FBD3D98 (dito, mit Goethes Gedicht als 2. Gedicht)

http://www.youtube.com/watch?v=r2I9FQNFzDA (Kästner?)

http://www.youtube.com/watch?v=mGyLxTlFsEc (?)

http://www.youtube.com/watch?v=tl9jMJ1rnNY (vertont: Ernst Busch)

Sonstiges

http://www.deutschkurse.ch/files/Metrik/Metrik-Uebungen/ME_Kaestner_Gedichte.pdf (dort S. 24: metrisches Schema des Gedichts)

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.hierschreibenwir.de/node/76138 (lit. Umformung)

http://www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/willehr/3-01.htm (Goethe: Mignon)

http://www.sternenfall.de/Goethe–Mignon.html (dito)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=1617&spalten=1&noheader=1 (dito)

Von den Antikriegsgedichten Kästners sei noch „Stimmen aus dem Massengrab“ (1928) genannt:

http://erinnerungsort.de/stimmen-aus-dem-massengrab–28rezitation-29-_279.html

http://www.commonwood.de/SPIRIT/kaestner.htm

http://www.deutschelyrik.de/index.php/stimmen-aus-dem-massengrab.html (mit Vortrag: Fritz Stavenhagen)