Kästner: Zeitgenossen, haufenweise – Analyse

Es ist nicht leicht, sie ohne Hass zu schildern…

Das Gedicht ist am 25.12.1928 in der „Weltbühne“ veröffentlicht worden. Es spricht eine anonyme Stimme zu unbekannten Hörern; auch seine Beziehung zu ihnen wird nicht deutlich.

Zunächst spricht die Stimme über ihr Verhältnis zu den Zeitgenossen bzw. über die Möglichkeit, von ihnen zu sprechen (V. 1 f.). Es folgt dann eine Reihe von abwertenden Charakterisierungen dieser Zeitgenossen („sie“, V. 3-28). In der letzten Strophe wird eine mögliche Aktion gegen sie erwogen („kleine Löcher in sie schießen“, V. 29). Das Thema sind also die unangenehmen Zeitgenossen und ihre Eigenart.

Die Überschrift hat es in sich: „Zeitgenossen, haufenweise“. Die Zeitgenossen werden im Gedicht als „sie“ (V. 1 ff.), also in der 3. Person, distanziert beschrieben bzw. beschimpft und von „uns“ (V. 32) abgegrenzt. Wie kann sich der Sprecher nicht zu den Zeitgenossen zählen? Es gibt nur wenige Hinweise, dass das Wort „Zeitgenosse“ einen Unterton hat; im Duden Universalwörterbuch (2. Auflage) wird vermerkt, dass es umgangssprachlich häufig abwertend gebraucht wird. Im Deutschen Wörterbuch von Wahrig (8. Auflage) wird dem Wort bescheinigt, dass es gelegentlich einen ironischen Unterton hat. Und wenn dann noch „haufenweise“ (als Adverbial oder Satzadjektiv in einem verkürzten Satz: Es gibt sie haufenweise) hinzugefügt wird, ist die Abwertung der Zeitgenossen vollendet: „haufenweise“

  • hat Synonyme: Dutzende, endlose, haufenweise, Hunderte, massenhaft, Millionen, scharenweise, Tausende, unendliche, ungezählte, unzählbare, unzählige, viele, zahlreiche
  • ist Synonym von: Tausende, viele (Wortschatz Uni-Leipzig).

Solche Zeitgenossen werden in Kästners Gedicht attackiert bzw. beschimpft. Was wird ihnen vorgeworfen? Wenn man die allgemein gehaltenen Beschimpfungen ausklammert, bleiben folgende Vorwürfe übrig:

  • Sie haben keine Persönlichkeit und kein Herz (V. 3 f.)
  • „In ihren Händen wird aus allem Ware.“ (V. 9)
  • Sie denken nicht (V. 13 f., vgl. V. 20 und V. 26)
  • Sie haben ein gestörtes Verhältnis zu Kindern (V. 15), zur Liebe (V. 16) und zu ausgelassener Fröhlichkeit (V. 17-20)
  • „Sie loben unermüdlich unsere Zeit“ (V. 21), sind also unkritisch
  • „Sie können sich nur noch zum Scheine schämen.“ (V. 24)
  • Zusammengefasst: Ihnen fehlt die Menschlichkeit. Als Grund dafür könnte man vermuten, dass sie nur noch in einer Waren-Welt leben (V. 9-12).

Das ist der sachliche Gehalt der Vorwürfe, die gelegentlich in satirischer oder surrealer Form vorgebracht werden:

  • Sie haben Schwielen am Gehirn (V. 13 f.)
  • Hierhin gehört auch der Zusatz „auch Sonntags“ (V. 8)
  • sowie die Anspielung „ihren Witz [analog: Wasser] nicht halten können“ (V. 25)
  • und das Wortspiel vom „letzten Schrei“ (V. 29 f.), der hier konkret der Todesschrei bei der Erschießung ist, aber auf die Wendung von der neuesten Mode übertragen wird (bzw. umgekehrt).

Unklar bleibt zunächst die Bedeutung von V. 23 sowie der Grund dafür, dass man die Zeitgenossen nicht trifft, wenn man sie zu erschießen versucht (V. 33). Bei näherem Zusehen versteht man den Sinn des Satzes: Alle Kritik prallt an ihnen ab, sie sind nicht zur Selbsterkenntnis fähig!

Form: Sieben Strophen zu vier Verse, nur die letzte enthält einen Halbvers mehr; fünfhebiger Jambus, Kreuzreim, Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen. Die Sätze umfassen meistens einen, gelegentlich zwei Verse – eine insgesamt gefällige Form, wo durch Satzbau, Reim und Kadenz das Tempo des zornig erregten Sprechers etwas gebremst wird. Die Reime sind nur einmal semantisch sinnvoll: wird aus allem Ware / sie messen das Unberechenbare (V. 9/11, Entsprechung); das liegt daran, dass wegen der surrealen Aussagen und des Aufbaus der Strophen den Reimen nicht viel Bedeutung zukommt. Eher könnte man versuchen, in jeweils zwei Versen inhaltlich eine Entsprechung zu finden: ohne Hass / ohne Hohn von ihnen sprechen (Abschwächung, dazu H-Alliteration), V. 1 f.); ihre Köpfe / ihr Herz (Entsprechung, V. 3 f.); was sie wissen (V. 5 f.); wie sie sprechen (V. 7 f.); ihr Gehirn (V. 13 f.); ihr Gemüt (V. 15 f.).

Die Pointen des Gedichts stecken in den Metaphern, die zu einer ruhigen Abwägung auffordern: Telefon statt Herz haben = das Mitfühlen durchs Geschäftemachen ersetzen (V. 4)? In der Seele brennt elektrisch Licht (V. 10, ähnlich)? Das Gehirn als Gesäß benutzen, so dass es Schwielen bekommt (V. 13 f.) = es nicht zum Denken benutzen? Durch die Nase denken (V. 20, ähnlich)? Der Intellekt liegt doppelt breit (V. 23) = ??? Die wörtlich genommene Metapher vom Haare Spalten (V. 27, typisch Satire) zeigt das Problem des Verstehens: Es wird nämlich nicht gesagt, wobei und wozu sie Haare spalten.

Man sollte bei aller Freude an dem frechen Gedicht nicht vergessen, dass man selber auch ein wenig zu den „Zeitgenossen“ gehört; denn wie man aus den Todesanzeigen weiß, sterben immer die Herzensguten, während wir Normalos übrig bleiben.

 

Ich möchte auf mein neues Buch „Erich Kästner. Mit spitzer Feder“ hinweisen, das 25 Texte und Analysen bekannter Gedichte Kästners enthält und das im Februar 2019 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen ist.

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