Kästner: Zeitgenossen, haufenweise – Analyse

Es ist nicht leicht, sie ohne Haß zu schildern…

Text

http://www.literaturforum.de/forum/lieblingsverse-gedichte/15248-erich-kaestner-zeitgenossen-haufenweise.html (beste Version)

http://www.gedichte.vu/?zeitgenossen_haufenweise.html

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/zeitgenossen.htm (mit Vertonung)

Das Gedicht ist 1924 veröffentlicht worden. Die Überschrift hat es in sich: „Zeitgenossen, haufenweise“. Die Zeitgenossen werden im Gedicht als „sie“ (V. 1 ff.), also in der 3. Person, distanziert beschrieben bzw. beschimpft und von „uns“ (V. 32) abgegrenzt. Wie kann sich der Sprecher nicht zu den Zeitgenossen zählen? Es gibt nur wenige Hinweise, dass das Wort „Zeitgenosse“ einen Unterton hat; im Duden Universalwörterbuch (2. Aufl.) wird vermerkt, dass es umgangssprachlich häufig abwertend gebraucht wird. Im Deutschen Wörterbuch von Wahrig (8. Aufl.) wird dem Wort bescheinigt, dass es gelegentlich einen ironischen Unterton hat. Und wenn dann noch „haufenweise“ (als Adverbial oder Satzadjektiv in einem verkürzten Satz: Es gibt sie haufenweise) hinzugefügt wird, ist die Abwertung der Zeitgenossen vollendet: „haufenweise“ hat

* Synonyme: Dutzende, endlose, haufenweise, Hunderte, massenhaft, Millionen, scharenweise, Tausende, unendliche, ungezählte, unzählbare, unzählige, viele, zahlreiche

* ist Synonym von: Tausende, viele (Wortschatz Uni-Leipzig).

Solche Zeitgenossen werden in Kästners Gedicht attackiert bzw. beschimpft. Was wird ihnen vorgeworfen? Wenn man die allgemein gehaltenen Beschimpfungen ausklammert, bleiben folgende Vorwürfe übrig:

·      Sie haben keine Persönlichkeit und kein Herz (V. 3 f.)

·      „In ihren Händen wird aus allem Ware.“ (V. 9)

·      Sie denken nicht (V. 13 f., vgl. V. 20)

·      „Sie loben unermüdlich unsere Zeit“ (V. 21), sind also unkritisch

·      „Sie wissen vieles, was sie nicht verstehn.“ (V. 26)

·      „Sie können sich nur noch zum Scheine schämen.“ (V. 24)

Das ist der sachliche Gehalt der Vorwürfe, die gelegentlich in satirischer oder surrealer Form vorgebracht werden:

·      Sie haben Schwielen am Gehirn (V. 13 f.)

·      Sie werden rot, wenn sie mit Kindern spielen (V. 15)

·      Sie singen nicht mal im August Weihnachtslieder auf der Straße (V. 17 f.)

·      hierhin gehört auch der Zusatz „auch Sonntags“ (V. 8)

·      sowie die Anspielung „ihren Witz [analog: Wasser] nicht halten können“ (V. 25)

·      und das Wortspiel vom „letzten Schrei“ (V. 29 f.), der hier konkret der Todesschrei bei der Erschießung ist, aber auf die Wendung von der neuesten Mode übertragen wird (bzw. umgekehrt).

Unklar bleibt mir die Bedeutung von V. 23 sowie der Grund dafür, dass man die Zeitgenossen nicht trifft, wenn man sie zu erschießen versucht (V. 33). Da V. 33 aber bloß ein witziger Nachsatz außerhalb des Schemas der vier Verse pro Strophe ist, braucht man nicht unbedingt neben dem Witz auch noch sachlogische Stimmigkeit zu fordern [P.S.: Nachträglich sehe ich den Sinn des Satzes: Alle Kritik prallt an ihnen ab, sie sind nicht zur Selbsterkenntnis fähig!].

Aufbau des Gedichts: In den beiden ersten Versen spricht der Ich-Sprecher (indirekt, V. 32) davon, wie man von den Zeitgenossen überhaupt sprechen kann; dabei sind „Haß / Hohn“ sachlich durch eine Steigerung, sprachlich als Alliteration miteinander verbunden. Es folgt dann die lange Reihe der Vorwürfe und Beschimpfungen (V. 3-26). Den Schluss bildet die Überlegung, wie man mit solchen Zeitgenossen verfahren müsste (Vergleich bzw. Konjunktiv II, V. 27 ff.), wenn man könnte, wie man wollte (eben: Konjunktiv II).

Form: fünfhebiger Jambus, Kreuzreim, Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen. Die Sätze umfassen meistens einen, gelegentlich zwei Verse – eine insgesamt gefällige Form, wo durch Satzbau, Reim und Kadenz das Tempo des zornig erregten Sprechers etwas gebremst wird.

Man sollte bei aller Freude an dem frechen Gedicht nicht vergessen, dass man selber auch ein wenig zu den „Zeitgenossen“ gehört; denn wie man aus den Todesanzeigen weiß, sterben immer die Herzensguten, während wir Normalos übrig bleiben.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=elp1unltUww