Kästner: Jahrgang 1899 – Analyse

Wir haben die Frauen zu Bett gebracht…

Text

http://staff-www.uni-marburg.de/~naeser/kaestner.htm

http://gedichte-lesen.blogspot.de/p/erich-kastner-gedichte.html

http://retro.seals.ch/cntm9g?pid=ror-002:1974:53::582

Erläuterungen:

V. 2: Kriegserklärung am 3. August 1914, Einmarsch in Frankreich

V. 5: Die Wehrpflicht begann mit 17 und endete mit 42. Die Männer wurden aber erst mit 18 eingezogen.

V. 9 Revolution: Am 9. November 1918 wurde die Republik ausgerufen, siehe „Novemberrevolution“, am 11. August 1919 die neue Verfassung in Weimar verabschiedet.

V. 10 Kartoffelflocken: Zur Herstellung von Kartoffelflocken werden die rohen Kartoffeln gewaschen, dann gedämpft, gequetscht und auf Walzen getrocknet. Die Herstellung von Kartoffelflocken erfolgt heute in erster Linie zur Verwertung überschüssiger Speisekartoffeln; sie wurden und werden auch als Tiernahrung verwendet. – Dass es Kartoffelflocken schneit, ist als Bild von den Schneeflocken übernommen.

V. 12 Gonokokken: Bakterien, durch welche die Gonorrhoe (Tripper) übertragen wird.

V. 13: Die Inflation nach dem 1. Weltkrieg erreichte 1922/23 den Höhepunkt.

V. 28 Ypern: Hier kann nur die dritte (Sommer und Herbst 1917) und die vierte Flandernschlacht (Frühjahr 1918) gemeint sein – für die beiden ersten war der Jahrgang 1899 zu jung.

Ein ungenannter Sprecher spricht nüchtern-sarkastisch für seine Generation („wir“ – das Du in V. 18 fällt aus dem Rahmen), den Jahrgang 1899 (Geburtsjahr Kästners). In den ersten sechs Strophen berichtet er, wie dieser Jahrgang die Jahre 1914-1928 erlebt und erlitten hat. In der 7. und 8. Strophe bewertet er diesen Lebensweg. In der 9. Strophe setzt er sich mit der Aufforderung, seine Generation müssen nun das „Säen und Ernten“ (V. 34) übernehmen, auseinander. – Das Gedicht ist 1928 in „Herz auf Taille“, Kästners erstem Gedichtband, veröffentlicht worden.

Beim Bericht über die 14 Jahre ab 1914 fällt auf, dass dreimal die Beziehung zu Frauen erwähnt wird: zu den Frauen der eingezogenen Frontsoldaten (V. 1 ff.); zu den Frauen nach dem Krieg (V. 11 f.); zu einer ungenannten „sie“ (V. 17 ff.), offenbar einer Freundin mit wechselnden Geschlechtspartnern. Dabei ist nie von Liebe die Rede, sondern nur von Enttäuschung und Sorgen, von Tripper und Abtreibung. Das ist überhaupt das Merkmal der ganzen 14 Jahre: Elend im Krieg (V. 5 ff.), Elend danach (V. 9 ff.), Elend jetzt (V. 21 ff.).

Die Sprache ist bewusst schnodderig, was die Distanz des Sprechers zum erlebten Elend bezeugt bzw. herstellen soll: Kanonenfutter (V. 6), ein bisschen Revolution (V. 9), es schneite Kartoffelflocken (V. 10), der Alte (V. 13) usw. Die vier Verse jeder Strophe weisen abwechselnd vier und drei Hebungen mit wechselnder Füllung auf, eine Art Knittelvers; die Verse sind im Kreuzreim verbunden – so wird insgesamt ein beinahe prosaisches Reden über die schrecklichen 14 Jahre möglich. Wie bei Kästner üblich wechseln am Versende männliche und weibliche Kadenzen, was lebhaftes Sprechen ermöglicht. Übrigens machen jeweils zwei Verse einen ganzen Gedanken aus, was gut in das Schema des Kreuzreims passt (oder umgekehrt).

Was ist das Fazit dieses Lebens? Die Welt scheint ein Ungeheuer zu sein, aber „Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt“ (V. 25); wir haben quasi in den Rachen der Hölle geschaut. Aber das hat uns nicht umgehauen, sagt der Ich-Sprecher, wir haben ihr „auf die Weste gespuckt“ (V. 27), als wäre sie ein Gangster, der uns nicht beeindruckt hat. Darauf folgt ein Vorwurf, dessen Adressat nicht benannt ist, sondern hinter dem Indefinitum „man“ (V. 29, 31) verschwindet: Man hat uns nicht genug gekräftigt, dafür aber „in der Weltgeschichte [im Krieg, N.T.] beschäftigt“ (V. 32). In V. 31 liegt ein banal-witziges Wortspiel bzw. eine Assonanz mit Wiederholung von „zu“ vor: „zumeist“ passt eigentlich nicht zu den beiden anderen Adverbialen.

In der letzten Strophe ist wie bei „Zeitgenossen, haufenweise“ ein fünfter Vers hinzugefügt, und zwar durch eine Art Verdoppelung des dritten Verses. Hier geht es um den Ertrag des derart beschissenen Lebens des Jahrgangs 1899: Der Sprecher wehrt sich gegen die Zumutung, im Alter von 30 Jahren (vgl. V. 20) in die normale Abfolge der Generationen einzutreten, wie „die Alten“ (V. 33 f.) es einfordern. Gegen diese Zumutung wehrt er sich mit der Drohung „Bald ist es so weit! Dann zeigen wir euch, was wir lernten!“ Das heißt: Dann zahlen wir euch heim, was ihr uns angetan habt – konkret kann das nur heißen: Wir schlagen euch und eure verfaulte Welt zusammen. Das erinnert fatal an die Parolen der Nazis, von denen Kästner sich doch durch einen Abgrund getrennt sah. Aber um der sprachlichen Pointe willen wird dieser Abgrund hier übersprungen: „Bald sind wir bereit. […] Bald ist es so weit!“ (V. 35 f.)

Mein Vater war ebenfalls Jahrgang 1899; er hat 1929 geheiratet, also mit 30 Jahren, und mit seiner Frau vier Kinder bekommen. Er hat sich in die Reihe der Generationen gestellt. Er kannte sicher die Gedichte Kästners nicht – aber Kästner hätte ihn, der zwar ebenfalls ein Gegner der Nazis war, aber als frommer Katholik, Zentrum-Wähler und Handwerker kein Verständnis für Kästners Klagen gehabt hätte, auch nicht erreicht. Wenn Kästner 1928 etwas hätte bewirken wollen, hätte er sich mit Leuten wie Peter Gerhard Tholen verbünden müssen. Er hat sich stattdessen damit begnügt, Gedichte zu schreiben, die wir vielleicht „flott“ oder frech finden, aber denen mein Vater 1928 nichts abgewonnen hätte.

In der Schule scheint das Gedicht heute kaum gelesen zu werden, vielleicht ist es dafür immer noch zu „frivol“; ich habe keinen Vortrag des Textes und keine produktive Verarbeitung gefunden. – Als thematische Parallele könnte man Kästners Gedicht Kurzgefasster Lebenslauf ansehen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Jahrgang_1899 (sehr knapp)

http://kurpfalz-gymnasium-schriesheim.de/projekt/08%20Geschichte/Gruppe11.html (hilflos)

Sonstiges

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

http://geboren.am/1899 (Leute aus Jahrgang 1899)

Andreas Druve: Erich Kästner. Moralist mit doppeltem Boden. Tectum Verlag 1999 (kritisch zu Kästner)

Remo Hug: Gedichte zum Gebrauch. Die Lyrik Erich Kästners: Besichtigung, Beschreibung, Bewertung, 2006

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_K%C3%A4stner Biografie Kästners

http://www.whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=649&RID=1 (dito)

http://www.erich-kaestner-museum.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7&Itemid=27 (dito)

http://kaestnerimnetz.wordpress.com/leben/ (dito)

Novemberrevolution 1918/19

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/revolution/

http://www.novemberrevolution.de/

http://www.zeitklicks.de/weimarer-republik/zeitklicks/zeit/politik/die-novemberrevolution/

http://www.deuframat.de/konflikte/krieg-und-aussoehnung/der-erste-weltkrieg/die-novemberrevolution-1918.html (knapp)

http://www.wissen.de/lexikon/novemberrevolution (ganz knapp)