Kästner: Fantasie von übermorgen – Analyse

Und als der nächste Krieg begann…

Text

http://www2.informatik.hu-berlin.de/~hstamm/uebermorgen.html

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/fantasie.htm (mit Vertonung)

http://www.antikriegsforum-heidelberg.de/archiv/antikriegsgedichte.html

Der Text des 1929 veröffentlichten Gedichts liegt mir nicht gedruckt vor; ich halte mich an die Version des ersten Links (s.o.).

Ein Erzähler berichtet, angelehnt an die Perspektive der Frauen (vgl. „die Kerls“, V. 8; Großmaul, V. 14; evtl. V. 20 f.), wie die einen Krieg verhinderten. Es ist eine utopische Erzählung, eine „Fantasie von Übermorgen“ (Überschrift): Es wäre schön, wenn es einmal so käme, sagt die Überschrift; leider sagt sie nicht, wie diese einmütige Aktion aller Frauen zu organisieren wäre.

Im ersten Vers wird indirekt an die Erfahrung eines Krieges angeknüpft; fiktiv setzt der Erzähler nämlich eine Kriegserzählung mit der vom Beginn des nächsten Krieges fort. Was nach einem Krieg oft als Parole kursiert („Nie wieder Krieg!“), wird hier von den Frauen „in jedem Land“ (V. 5) in die Tat umgesetzt.

Die Aktion der Frauen geht in drei Etappen vor sich: Zuerst sperren sie die „eigenen“ Männer ein (Bruder, Sohn und Mann, V. 3), damit sie nicht eingezogen werden bzw. dem Einberufungsbefehl nicht Folge leisten. Dann verprügeln sie die für den Krieg Verantwortlichen, die Männer aus Finanzwelt und Militär (V. 11 f.). Zum Schluss sagen sie den eigenen Männern, „der Krieg sei aus“ (V. 19).

Einen Hinweis verdient die Parallele in V. 15 f. mit dem Kontrast „in allen Ländern – nirgends“. Die Reaktion der Männer zum Schluss ist eigenwillig: Sie starren ob der frohen Botschaft „zum Fenster hinaus / und sahen die Frauen nicht an“ (V. 20 f.). Das liest sich, als wären die Männer von Natur aus aufs Kämpfen aus, wodurch sie quasi entschuldigt wären: Gegen die Natur kommt man nicht an; eine vernünftige Begründung für die Ablehnung des Krieges (nebst organisatorischer Gebrauchsanweisung) wäre besser als die bloß von einem persönlichen Impuls getragene Aktion der Frauen.

Das metrische Schema ist in dem Link unter „Sonstiges“ notiert: Wir haben eine Art Knittelvers vor uns, wobei die Vierzahl der Hebungen nicht durchgehalten ist. Sinngemäß gehören jeweils zwei Verse zusammen (was auch die regelmäßige Abfolge von vier und drei Hebungen ausrückt: Sie erzeugt eine Pause nach jedem zweiten Vers), sodass der Kreuzreim passend ist und zwei Gedanken zur größeren Einheit der Strophe verbindet: jede Strophe eine Sinneinheit im Gang des Geschehens. Nur bei der letzten Strophe ist wie oft bei Kästner ein fünfter Vers hinzugefügt, diesmal wieder in der Verdoppelung des dritten dem Reim und der Vierzahl der Hebungen nach.

Das Motiv der Erzählung ist alt. Schon in der Komödie „Lysistrata“ des Aristophanes erzwingen die Frauen durch einen Sexstreik, dass die Männer auf den Krieg verzichten.

In der Schule scheint das Gedicht nicht präsent zu sein; dabei wäre es geeignet, den Sinn und die Grenzen eines bloß moralisch oder emotional motivierten, aber nicht politisch organisierten Handelns zu diskutieren.

Von den Antikriegsgedichten Kästners sei noch „Stimmen aus dem Massengrab“ (1928) genannt:

http://erinnerungsort.de/stimmen-aus-dem-massengrab–28rezitation-29-_279.html

http://www.commonwood.de/SPIRIT/kaestner.htm

http://www.deutschelyrik.de/index.php/stimmen-aus-dem-massengrab.html (mit Vortrag: Fritz Stavenhagen)

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/904/ (Lutz Görner)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/fantasie-von-uebermorgen.html (Fritz Stavenhagen, mit Text)

Sonstiges

http://www.deutschkurse.ch/files/Metrik/Metrik-Uebungen/ME_Kaestner_Gedichte.pdf (metrisches Schema des Gedichts, dort S. 21)

http://www.evangelisch-in-wersten.de/downloads/Krieg_Frieden_Texte.pdf (Anti-Kriegsgedichte, s. dort S. 19)

http://www.hellenica.de/Griechenland/LX/Lysistrata.html („Lysistrata“)

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

Andreas Druve: Erich Kästner. Moralist mit doppeltem Boden. Tectum Verlag 1999 (kritisch zu Kästner)

Remo Hug: Gedichte zum Gebrauch. Die Lyrik Erich Kästners: Besichtigung, Beschreibung, Bewertung, 2006