Kästner: Monolog des Blinden – Analyse

Alle, die vorübergehn…

Text

http://www.deutschelyrik.de/index.php/monolog-des-blinden.html (mit Vortrag: Fritz Stavenhagen)

http://gedichte-lesen.blogspot.de/p/erich-kastner-gedichte.html (ziemlich unten)

http://poetry.rapgenius.com/Erich-kastner-monolog-des-blinden-lyrics

http://www.redemptoristen.com/index.php?id=180&programm=178 (dort 2. Text)

Das 1929 veröffentlichte Gedicht ist ein Rollengedicht, eben der innere „Monolog des Blinden“. Man findet gelegentlich die grammatisch richtige Formel „Monolog eines Blinden“ – der Blinde ist ja nicht bekannt. Trotzdem ist die andere Überschrift die richtige: Der Blinde, das ist hier ein Typus des Kriegsversehrten, kein namentlich bekanntes Individuum.

Der Blinde klagt, dass er von den anderen nicht beachtet wird; das ist der Tenor des Gedichts, dessen Strophen in sich geschlossene Gedanken des Blinden darstellen – nur von der 6. Strophe wird durch das Stichwort „Mutter“ eine Verbindung zur 7. Strophe hergestellt.

Die Verse bestehen aus 3 bis 5 Trochäen, allesamt endbetont (männliche Kadenz – Ausnahme V. 17/20), was nach jedem Vers eine kleine Pause hervorruft; selten geht der Satz über das Versende hinaus (V. 7, 13, nur begrenzt 15, 17). Zwei Verse fallen aus dem Rahmen, V. 2 und V. 29; diese Verse bestehen aus drei Silben, die alle (ungleich stark) betont sind und deshalb den Wert von drei Takten haben, also getragen gesprochen werden. Die ersten vier Strophen weisen Kreuzreim auf, die beiden nächsten umfassenden Reim; die letzte Strophe mit ihren 6 Versen weist einen etwas verschlungenen Kreuzreim auf, indem das Reimwort zu V. 26 erst in V. 29 folgt.

Wie gesagt, der Blinde beklagt, dass er nicht beachtet wird (Str. 1, 2, 5, 7); dass er von seinem Hund abhängig ist (Str. 3); dass er nicht mehr sehen kann (Str. 6). So ist er des Lebens überdrüssig (Str. 4). Diese Klage weist viele sprachliche Feinheiten auf, welche in den beiden unten genannten Schüleranalysen durchweg wahrgenommen sind:

       das Wortspiel „vorübergehen – vorbeigehen“ (V. 1 f.), wobei „vorbeigehen“ so viel wie „nicht beachten“ bedeutet;

       die Paradoxie in V. 3, dass niemand den Blinden sieht; in „sehen“ ist „beachten“ impliziert;

       die Wiederholung von „begegnen“ (V. 7 f.), wobei das Verb beim zweiten Mal negiert ist (einen tieferen Sinn braucht man dem Verb nicht beizulegen – „tut so“, V. 7 f., ist Anklage genug);

       der Vergleich Stadt-Meer (V. 9 f.) zeigt die Unmenschlichkeit der Menschen, die nur Rauschen erzeugen;

       die paradoxe Formulierung in V. 12 zeigt die Hilflosigkeit des Blinden;

       die Metapher „Sterbetag der Augen“ (V. 13 f.) stellt eine Todesnähe her, die dann im Sterbewunsch (V. 15 f.) wieder auftaucht; der erwähnte Splitter einer Granate (V. 15) hatte seine Augen vor zwölf Jahren, also 1917 (bezogen auf das Erscheinungsdatum) getroffen;

       handgemalte Ansichtskarten (V. 17 f.) wurden von Kriegsversehrten eher an der Haustür verkauft, nicht von bettelnden Blinden; in der Mark-Währung hatte der Groschen (V. 18) den Wert von zehn Pfennigen;

       der Satz „denn ich hab kein Glück“ (V. 18) passt nicht als Begründung zum geschäftlichen Misserfolg; ich schlage deshalb vor, ihn als nicht kausal gemeinte allgemeine Klage zu verstehen: ich habe in meinem Leben kein Glück gefunden;

       in V. 21 hat die Wendung „sah ich alles so wie sie“ eine doppelte Bedeutung, zunächst die wörtliche (konnte ich sehen), dann auch die übertragene (war ich genauso blind gegen Notleidende wie sie heute);

       das Stichwort „Mutter“ ist emotional hoch besetzt, er kann sie nicht mehr sehen und sie lebt auch nicht mehr (ausgesehen hat: Perfekt), er ist also völlig verlassen;

       „Krieg macht blind.“ (V. 25) Dieser Satz ist die Erkenntnis, die zuerst wörtlich und dann allgemein das Fazit der Klage des Blinden ist;

       das Stichwort „Mutter“ wird in V. 27 wieder aufgegriffen: Gibt es unter den Leuten, den „Zeitgenossen, haufenweise“, wirklich keine (fremde) Mutter, die ihm etwas Gutes tut, weil sie an ihre eigenen Söhne als potenzielle Kriegsopfer (oder glücklicherweise Verschonte) denkt;

       das Stichwort „Kind – schenken“ (V. 29 f.) entspricht dem Stichwort „Mutter“, in Abgrenzung von den dumpfen Zeitgenossen; für dieses Stichwort hat Kästner zwei Verse an die letzte Strophe angehängt, wie er ja oft die letzte Strophe ein wenig gegenüber den vorhergehenden erweitert.

In der Schule scheint das Gedicht gelegentlich gelesen zu werden, vermutlich als Anti-Kriegsgedicht. Die sprachlichen Feinheiten zeichnen es gegenüber dem sonst oft schnodderigen Tonfall Kästners aus.

http://www.4teachers.de/?action=showtopic&topic_id=16046&page=0 (einige schöne Beobachtungen, sonst schülerhaft)

http://www.pausenhof.de/forum/hilfe-erich-kaestner-gedichtinterpretation-help-/12268/2 (ähnlich, etwas kürzer)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=RPts1feh8ds (Fritz Stavenhagen)

https://www.youtube.com/watch?v=NBgVWdvfo10 (schülerhaft, im Rahmen eines kleinen Spielfilms)

Sonstiges

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

Andreas Druve: Erich Kästner. Moralist mit doppeltem Boden. Tectum Verlag 1999 (kritisch zu Kästner)

Remo Hug: Gedichte zum Gebrauch. Die Lyrik Erich Kästners: Besichtigung, Beschreibung, Bewertung, 2006

Von den Antikriegsgedichten Kästners sei noch „Stimmen aus dem Massengrab“ (1928) genannt:

http://erinnerungsort.de/stimmen-aus-dem-massengrab–28rezitation-29-_279.html

http://www.commonwood.de/SPIRIT/kaestner.htm

http://www.deutschelyrik.de/index.php/stimmen-aus-dem-massengrab.html (mit Vortrag: Fritz Stavenhagen)