Kästner: Kurzgefaßter Lebenslauf – Analyse

Wer nicht zur Welt kommt, hat nicht viel verloren…

Text

http://www.deutschelyrik.de/index.php/kurzgefasster-lebenslauf.html (mit Vortrag Fritz Stavenhagens)

http://poetry.rapgenius.com/Erich-kastner-kurzgefasster-lebenslauf-lyrics

http://www.gedichte.vu/?kurzgefasster_lebenslauf.html (mit Fehler in V. 21: Ich setze mich sehr gerne…)

http://private.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/41030x030A/rewrite/jense/gedicht2.html#Gedicht17 (gleicher Fehler)

http://www.mittelschulvorbereitung.ch/content_new/msvDE/T30caErichKaestner.pdf (Text ohne Stropheneinteilung, aber mit historischen Erläuterungen)

„Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar.“ (Kafka: Er) „Skepsis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Philosophie.“ (Denis Diderot) Zwischen diesen beiden Positionen des Pessimismus und der Skepsis liegt irgendwo der Ort, den das lyrisch-biografische Ich in Kästners Gedicht einnimmt. Damit steht es in einer alten Tradition, die schon bei den Griechen greifbar ist: „Für die Sterblichen ist nicht geboren zu werden das Beste.“ (vgl. den Artikel Θνάτοισι μ φυναι φέριστον in der Wikipedia!) Mit diesem logischen Paradox wird eine Distanz gegenüber dem eigenen Leben oder Lebenslauf als allgemein gültige These formuliert: Es ist für einen, der geboren worden ist, nicht möglich, nicht geboren worden zu sein; das Faktum kann nicht ungeschehen sein, man kann es allenfalls im Suizid negieren oder ablehnen. Nur in der Annahme, eine präexistente Seele blicke auf ihre Geburt voraus, kann der paradoxe Satz logisch sinnvoll gesagt werden – und genau mit diesem (von ihm selbst natürlich nicht geglaubten” Bild: im All auf einem Baum sitzen und lachen) spielt Kästner in der 1. Strophe seines Gedichts. Das poetische Spiel mit dem Gefühl der Distanz bezeugt, dass die Distanz nicht ganz so intensiv erlebt wird, wie sie im Gedicht ausformuliert ist. Das sieht man bereits in V. 3 f. wieder, wo der Gegensatz ‘jeder Ungeborene – ich als Geborener’ ausgespielt wird. Da wird zudem das Normale (geboren werden) als Ereignis stilisiert und auf das Bild von den Seelen auf dem Baum bezogen: eh ich’s gedacht” (V. 4).

Ein Wort zur Form zwischendurch: vier Verse pro Strophe im fünfhebigen Jambus (einzige Ausnahme V. 4, drei Hebungen: eine Pause); Kreuzreim; Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen, wie meistens bei Kästner, nur in den beiden letzten Strophen durchgängig weibliche Kadenzen. Der Kreuzreim plus Kadenzwechsel mitsamt dem Satzbau unterteilt die Strophe in zwei Teile, die auch semantisch oft relativ selbständig sind (bis auf die 4. Strophe). Dass die Reime durchweg hölzern sind, trägt zum flotten Ton des Sprechers bei.

In der 2. – 4. Strophe wird der Lebenslauf des jungen Kästner in wesentlichen Stationen berichtet; dazu kann man die Biografie Kästners oder den vierten Text-Link heranziehen. Die Distanz zum Geschehen ist in verschiedenen Formen präsent: als Bekundung der Reue (V. 8), in der Kombination Weltkrieg-große Ferien (V. 9, Satire-Technik), in der Formulierung des lasterhaften Treibens (V. 10), in der Metapher vom lebenden Globus (V. 11), in der klagenden Frage (V. 12) sowie dem Kontrast Globus-ich (V. 11 f.), in der Hinzufügung einer unpassenden Bemerkung übers Wetter (V. 16, Satire-Technik) – natürlich über stets schlechtes Wetter: Distanz.

In V. 17-26 trägt der Ich-Sprecher vor, wie es ihm jetzt ergeht: im Vergleich mit den Altersgenossen (5. Str.), als Charakter (6. Str.), insgesamt (V. 25 f.) – das leitet dann zum ausdrücklich gezogenen Fazit V. 27 f. über. „Versfabrik“ (V. 18) ist eine verfremdende Bezeichnung des Dichtens (Distanz!); die ganze Selbstcharakterisierung (6. Str.) läuft auf eines hinaus: Ich mache nicht einfach mit, ich wahre auch gegenüber der guten Gesellschaft Distanz. Das Bild von den Gärten der Gefühle (V. 23) ist mit dem Bepflanzen (V. 24) folgerichtig ausgebaut. V. 25 knüpft an ein altes Bild an, dass jeder sein Päckchen selber tragen muss (Jeder hat sein Kreuz/Päckchen zu tragen). Dieses Bild wird dann ausgebaut (V. 25 f., wie V. 23 f.).

Das Fazit (V. 27 f.) läuft wieder auf die Distanzierung vom eigenen Leben hinaus: „Ich kam zur Welt und lebe trotzdem weiter.“ Hier wird auch wieder (wie in V. 3 f.) das Normale (weiterleben) als Ereignis dargestellt: Den Witz will Kästner sich bei aller Distanzierung, bei allem Klagen nicht nehmen lassen.

Als thematische Parallele könnte man Kästners Gedicht Jahrgang 1899 heranziehen.

In Niedersachsen gehört das Gedicht ins „Pflichtmodul“ Was ist der Mensch? in der Qualifikationsphase (http://www.nibis.de/nibis.php?menid=4167) – Glück gehabt, Erich!

http://www.abipur.de/referate/stat/652797757.html

http://www.pander.de/iv/doc-3030-zitate.pdf (am Beispiel des Gedichts wird Zitiertechnik eingeübt)

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/859/

Sonstiges

http://zitate.net/pessimismus.html (Zitate: Pessimismus)

http://www.aphorismen-freun.de/index.php/aphorismenliste/16_Optimist_und_Pessimist/0/0 (optimistische Zitate über den Pessimisten)

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_K%C3%A4stner Biografie

http://www.whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=649&RID=1 (dito)

http://www.erich-kaestner-museum.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7&Itemid=27 (dito)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44436932.html (dito)

http://kaestnerimnetz.wordpress.com/leben/ (dito)

http://www.tobiworld.de/referate/htmlansicht/kaestnerbiografie.html (dito)

http://meta.verlagsgruppe-oetinger.de/fileadmin/verlagsgruppe-oetinger.de/pdf/autoren/3468.pdf (Biografie usw.: Pressemappe zu E.K.)