Kästner: Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner? – Analyse

Und immer wieder schickt ihr mir Briefe…

Text

http://www.cadesign.de/jottge/ek-wo-bleibt.html

http://ungenannter.wordpress.com/tag/teufel/ (1./2. Strophe nicht getrennt)

http://persiana-451.blogspot.de/2009/08/wozu-brauchen-wir-eigentlich-eine.html

http://www.deutschelyrik.de/index.php/und-wo-bleibt-das-positive-herr-kaestner.html (mit Vortrag: Fritz Stavenhagen)

In diesem 1930 veröffentlichten Gedicht setzt Kästner sich mit der Kritik an seinen Gedichten auseinander, genauer gesagt: mit den Kritikern. In der 1. Strophe wird von deren Kritik berichtet, indem das Kästner-Ich die Kritiker mit „ihr“ (V. 1) anspricht: In ihren Briefen fragen sie danach, wo „das Positive“ in seinen Gedichten bleibe (V. 3). Das ist die heute noch gängige Praxis, mit missliebigen Kritikern und angeblichen „Nestbeschmutzern“ umzugehen – Kästner habe das „immer wieder“ (V. 1) gelesen, berichtet er. Seine witzige Antwort verfremdet die Frage: „Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.“ (V. 4) Die Kritiker meinen, Kästner soll die Welt nicht so „negativ“ betrachten und darstellen; Kästner dagegen legt die Frage so aus, als ob „das Positive“ eine Person sei, die einfach nicht kommt, obwohl es in ihrem Belieben stände zu kommen. Er jedenfalls wisse nicht, wo das Positive bleibe oder warum es ausbleibe. Damit „entschuldigt“ er seine Sicht der Dinge auf witzige Weise.

In der 2. – 4. Strophe geht Kästner zum Gegenangriff über; er wirft seinen Kritikern vor, sie hätten die verkehrte Sicht auf die Welt. Immer wieder, zu Beginn jedes zweiten Verses, hämmert er ihnen „ihr“ plus Vorwurf ein – einzige Ausnahme ist V. 5, wo er mit der Zeitbestimmung „Noch immer“ beginnt, womit er ihnen ihre Rückständigkeit vorwirft. Der Platz überm Sofa ist der Ort, wo das Ölgemälde oder vielleicht auch das Kreuz hingehörte und der jetzt leer ist; diesen leeren Platz füllen sie mit „dem Guten und Schönen“, also den Idealen der deutschen Klassik, die um 1800 noch an eine Harmonie des Lebens und der Welt glaubte, während die Menschen im Weltkrieg und in der Inflation die Disharmonie erfahren haben. Im zweiten Doppelvers wirft er ihnen deswegen Feigheit vor (V. 7 f.); vielleicht wäre Unehrlichkeit noch treffender, aber Feigheit ist die andere Seite dieser Unaufrichtigkeit (vgl. auch Bischof Robinsons „Honest to God“ in der 60er Jahren des 20. Jh.).

Mit welchen „Techniken“ die kritisierten Kritiker ihren Blick verschleiern bzw. die Welt „verschönern“, wird in den beiden nächsten Strophen bildhaft entfaltet:

       mit Vaseline (statt Margarine: Satire!) das trockene Brot des realen Alltags beschmieren, damit es besser zu schlucken ist (V. 9 f.);

       an den siebten Himmel glauben (V. 11 f.) – zu Deutsch: naiv sein;

       über die Schmerzen etwas Süßes (Zucker) streuen (V. 13 f.);

       Balkons vor die Herzen bauen (V. 15), also Ornamente (s. Broch: Huguenau oder die Sachlichkeit, der große Exkurs über den Stil der Zeit), die in der Zeit der (neuen) Sachlichkeit und des Bauhauses nicht angebracht sind;

       die strampelnde Seele aufs Knie nehmen (V. 16) wie ein Baby, das schreit und beruhigt werden muss – zu Deutsch: nicht erwachsen werden wollen.

Diese Bilder zeigen übrigens deutlich, dass bildhafte Sprache nicht dazu dient, sich „etwas besser vorstellen“ zu können, wie die hilflose Schülerfloskel zu jedem Vergleich lautet.

In den folgenden Strophen beschreibt das Kästner-Ich bildhaft die Welt, wie sie wirklich ist: „Die Spezies Mensch ging aus dem Leime…“ (V. 17 f.). „Die Zeit liegt im Sterben.“ (V. 29). Wie kann und soll der Dichter Kästner darauf reagieren? Durch bloßes Zusammenreimen hält man die aus dem Leim gehende Welt nicht zusammen (V. 19 f.). Kästners Programm lautet deshalb: „Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.“ (V.21)

Doch Schwindeln (vgl. V. 8) ist das, was die Leute von ihm erwarten (V. 19). Dafür hat er nur Spott und „gute Ratschläge“ übrig. Den Spott finde ich in V. 23 f.; dem Hinweis auf die Lieferanten von Windeln fehlt zunächst der Zusammenhang. Am einfachsten ist es, ihn auf V. 16 zu beziehen, also als ironischen Hinweis darauf, wie der strampelnden Baby-Seele zu helfen ist. Das ist auch schon ein guter Ratschlag; der zweite Ratschlag knüpft an das Gedicht Cäsar Fleischlens „Hab Sonne im Herzen“ an, dessen 1. Vers früher als Lebensmotto auf dem Tuch des Handtuchhalters in der Küche aufgestickt war und von den normalen Leuten parodiert wurde: „Hab Sonne im Herzen und Zwiebel im Bauch, dann kannst du gut scherzen und Luft [zum Furzen, N.T.] hast du auch.“ Kästner ironisiert den Spruch durch sinnlose Steigerung: „Habt Sonne in sämtlichen Körperteilen“ (V. 25) und setzt ironisch fort „und wickelt die Sorgen in Seidenpapier“ (V. 26), also extra schön, mit Ausgestaltung des Bildes vom Einwickeln der Sorgen (V. 27 f.).

In der letzten Strophe wird das Bild von der Zeit, die im Sterben liegt, entfaltet und zu einer „Belehrung“ benutzt: „Ein Friedhof [fürs Begräbnis der Zeit, N.T.] ist kein Lunapark.“ (V. 32) Der Lunapark war 1909-1933 Europas größter Vergnügungspark am Berliner Halensee. Mit diesem Kontrast Friedhof/Lunapark wird Kästners ironische Schelte beendet.

Form: Knittelverse, wie es sich für derbe Schelte gehört; Kreuzreim mit dem Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen, was Zweizeiler als semantische Einheiten innerhalb der 4 Verse einer Strophe begünstigt. Die Reime sind dem Genre entsprechend holprig, es liegt eben die echte Gebrauchslyrik Kästners vor, die nicht „dem Guten und Schönen“ (V. 5) verpflichtet ist, jedenfalls nicht so weit, dass sie deswegen die Wahrheit preisgäbe (V. 21) – und das Wahre war das dritte der Universalien der scholastischen Philosophie.

http://www.litde.com/lyrik-des-jahrhunderts/lyrik-der-zwanziger-jahre/erich-kstner-und-wo-bleibt-das-positive-herr-kstner.php

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=24AUc51wq6E (Fritz Stavenhagen)

Sonstiges

http://www.volksliederarchiv.de/text2046.html („Hab Sonne im Herzen“)

http://de.wikipedia.org/wiki/Lunapark_%28Berlin%29 (Lunapark)