Kästner: Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag – Analyse

Zweitausend Jahre sind es fast…

Text

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/revolutionaer.htm (mit Vertonung)

http://www.keh.net/~wej00511/wkkaestn.htm

http://www.stark-verlag.de/upload_file/Muster/94973m1.pdf (dort S. 2)

Formal ist das Gedicht (1930 veröffentlicht) die Rede eines ungenannten Sprechers, die sich an Jesus „zum Geburtstag“ richtet, obwohl er sie natürlich nicht hören kann, weil er vor (damals) 1900 Jahren „die Welt verlassen“ hat (V. 2). Es ist also sozusagen eine Festrede zu Weihnachten, aber keine Predigt; sie richtet sich an den Revolutionär Jesus. War Jesus ein Revolutionär?

Die Frage ist natürlich, was man unter „Revolutionär“ versteht. Bischof Tutu sagte 1984 zu dieser Frage im Spiegel-Interview: „Das Nobelpreiskomitee hat geurteilt, es hat mich und den „South African Council of Churches“ (SACC), dessen Generalsekretär ich bin, gerechtfertigt – als Helfer für Versöhnung und Frieden. Natürlich wollen wir grundlegende Veränderungen. Wenn das Revolution ist, dann bin ich ein Revolutionär. Selbst Jesus war das, er wollte Güte, Gerechtigkeit und Vergebung.“ Statt in eine fruchtlose Diskussion über den richtigen Begriff des Revolutionärs einzutreten, tut man gut daran, die Vorstellungen vom Revolutionär in Kästners Gedicht zu beschreiben.

Das erste Attribut, mit dem Jesus angesprochen wird, ist „Opferlamm“, genauer „Opferlamm des Lebens“ (V. 3). Damit wird eine alte christliche Bezeichnung Jesu als Opferlamm oder „Lamm Gottes“ aufgegriffen: „So wie das Lamm traditionell als Zeichen des Lebens und der Unschuld verstanden wird und sein weißes Fell die innere Reinheit und Frömmigkeit symbolisiert, verweist das Osterlamm darauf, dass Jesus Christus nach dem Zeugnis der Bibel und dem christlichen Glauben gemäß unschuldig für die Menschen gestorben ist. Jesus Christus ist, als Gottes Sohn, das reine und sündlose Lamm Gottes, das für die Sünden der Menschen von Gott geopfert worden ist.“ (Wikipedia) Der Sprecher nimmt dieser Bezeichnung ihre religiöse Färbung und wandelt sie in „Opferlamm des Lebens“ (V. 3) um – das reimt sich dann auf sein Urteil: „Du tatest es vergebens!“ (V. 6) Dazwischen steht, bezogen auf die Kontrastgruppen „die Armen – die Reichen“ (V. 4 f.) die erste revolutionäre Leistung Jesu: den Armen ihren Gott geben. Was heißt das? Das heißt zu klären, dass GOTT nicht (nur) der Gott der Reichen und Mächtigen ist, welcher deren Wohlstand und Macht zu garantieren hat; darüber ließe sich manches sagen, was nicht allen Christen angenehm klänge. Die weiteren revolutionären Taten Jesu werden in den nächsten zweieinhalb Strophen aufgezählt:

       Du wolltest alle Menschen frei und Frieden auf der Erde (V.8 f.)

       Du wolltest alle Menschen gut (V.11)

       Du hast die Freiheit stets beschützt (V. 16)

       Du kämpftest gegen Staat und Industrie (V. 20) und gegen unbestimmte „sie“ (V. 19, was sich auf die ebenso unbestimmten

„Verkehrten“, V. 18, bezieht)

Dass dies revolutionär war, ergibt sich aus dem Gegensatz „Arme-Reiche (V: 4 f.); aus den Gegnern „Gewalt und Polizei“ (V. 7) bzw. „Staat und Industrie und die gesamte Meute“ (V. 20 f.); aus der Aussage „Du warst ein Revolutionär“ (V. 13); aus der Tatsache des Justizmordes (V. 22 ff.).

Diese Tatsache rechtfertigt die Bezeichnung „Opferlamm des Lebens“ (V. 3) und leitet zum Urteil der Vergeblichkeit seines Tuns über. Auch dieses Urteil wird mehrfach variiert:

       im Begriff „Opferlamm“ (V. 3)

       im Urteil „Du tatest es vergebens!“ (V. 6

       im Urteil „Du hast … den Menschen nichts genützt.“ (V. 17)

       in der Tatsache des Justizmords (V. 23), die eben nicht wie im Christentum mit einem Glauben an die Auferweckung verbunden ist

       im Urteil „Die Menschen wurden nicht gescheit.“ (V. 25)

       in den ganzen letzten drei Versen (vergeblich, umsonst, alles beim alten, V. 28 ff.)

Die Aussagen über die revolutionären Taten Jesu bleiben pauschal, weil sie in einem provozierenden Gedicht bzw. Chanson stehen und nur auf wenige, positiv besetzte Begriffe rekurrieren (Arme, Freiheit, Elend beseitigen, alle Menschen); dass Jesus gegen Staat und Industrie kämpfte, ist eine anachronistische Umdeutung ins Heute von 1930. Ob Jesus ganz umsonst gestorben ist, ob also eine Welt ohne Christentum genauso aussähe wie die heutige, darüber lässt sich trefflich streiten – Kästner nimmt’s in seiner Polemik gegen „die Christenheit“ (V. 26) nicht so genau; er hat noch die christlichen Segnungen des Weltkriegs im Ohr (vgl. etwa „Stimmen aus dem Massengrab“).

Aus solcher Erinnerung, speist sich auch die antichristliche Polemik, die im Gedicht genauso präsent ist wie das Lob des Revolutionärs Jesus: In der letzten Strophe wird der Christenheit bescheinigt, dass sie von allen Menschen „am wenigsten gescheit“ wurde, „trotz allem Händefalten“ (V. 26 f.); vielleicht müsste man das konzessive Verhältnis in ein kausales verwandeln: „wegen allem Händefalten“ – das Erbe des Revolutionärs Jesus kann man nämlich nicht mit Händefalten antreten.

Dem flotten Ton entspricht die flotte Form des Gedichts: vierhebiger Jambus, wobei der dritte und der sechste Vers jeder Strophe um eine Silbe gekürzt sind. Da sie sich reimen und da dort jeweils auch ein Satz endet, bringt das eine größere Pause mit sich. Die anderen Verse sind jeweils im Paarreim verbunden, drei Verse machen semantisch eine Einheit aus. Der letzte Vers ist wie öfter bei Kästner verkürzt: zwei Hebungen bei drei Silben, was eine große Pause bedeutet und das Ende des Gedichts signalisiert.

Gelegentlich findet man das Gedicht in Klausuren im Religionsunterricht, wo die armen Schüler vermutlich Kästner kritisieren oder widerlegen sollen. Die Vertonungen heben das polemisch-kämpferische Potenzial des Gedichtes hervor.

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/dem-revolutionaer-jesus-zum-geburtstag.html (Fritz Stavenhagen, mit Text)

http://www.rezitator.de/gdt/949/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=y954_nX-cWA (gesungen: Ernst Busch)

http://www.youtube.com/watch?v=cggILgD61ac (gesungen: Katrin Rosenzopf)

Sonstiges

http://www.zeit.de/1970/52/war-jesus-ein-revolutionaer/seite-1 (Jesus – Revolutionär?)

http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/1582887/JESUS-REVOLUTION%C3%84R-WIDER-WILLEN/ (dito)

http://www.bernhard-kuelp.de/revolution.pdf (dito)

http://catholic-church.org/ao/ps/reiser6.html (dito)

http://www.kreuzgang.org/viewtopic.php?f=1&t=5227 (kathol. Diskussion zum Thema)

http://www.linkswende.org/1931/Jesus-und-der-Aufstand-in-Palaestina (marxist. zum Thema)

http://de.wikipedia.org/wiki/Befreiungstheologie (Befreiungstheologie)

https://de.wikipedia.org/wiki/Osterlamm (Opferlamm)