Kästner: Kurt Schmidt, statt einer Ballade – Analyse

Der Mann, von dem im weiteren Verlauf…

Text

http://www.sternenfall.de/Kaestner–Kurt_Schmidt__statt_einer_Ballade.html

http://www.geistigenahrung.org/ftopic28665.html

http://peterbrucha.com/joomla/index2.php?option=com_content&do_pdf=1&id=56

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?lang=it&id=43857 u.ö.

Die Überschrift des 1930 veröffentlichten Gedichts hat es bereits in sich. Der Protagonist heißt „Kurt Schmidt“. „Nach Müller ist Schmid/Schmidt/Schmitt/Schmit der häufigste deutsche Familienname“ (Wikipedia). Kurt Schmidt ist also ein typischer Fall. „statt einer Ballade“ wird das Gedicht angekündigt, was natürlich in die Irre führt: Das Gedicht ist eine Ballade, nur eben nicht in der Art von „Erlkönig“, „Der Knabe im Moor“, „Die Füße im Feuer“ oder „John Maynard“. „Verkürzt lässt sich sagen: Eine Ballade ist ein Gedicht, in welchem zumeist anschaulich, lebendig und spannend ein besonderes Ereignis erzählt wird.“ (Ernesto Handmann) Eine solche Ballade ist das Gedicht Kästners allerdings nicht – die Zeit der alten Balladen ist vorbei, es herrscht die Neue Sachlichkeit!

Auch die 1. Strophe beginnt eigenwillig: Ein neutraler Erzähler berichtet nicht direkt, sondern bezieht sich auf seine Erzählung, womit er Distanz zum erzählten Geschehen wahrt und so etwas wie „Objektivität“, zumindest Gültigkeit oder Wahrheit des Berichts beansprucht: „Der Mann, von dem im weiteren Verlauf die Rede ist…“ (V. 1 f.) Mit einem ähnlichen Gestus beginnt 1972 Günter Kunert seinen „Bericht“, eine Parabel. Der Ton der Erzählung Kästners ist prosaisch, obwohl so etwas wie ein Knittelvers vorliegt (vier Hebungen mit unregelmäßiger Fällung), was aber nicht immer zu demonstrieren ist; außerdem gibt es einen unauffälligen Kreuzreim, bei dem oft (aber nicht in jeder Strophe) am Ende betonte und unbetonte Silben sich abwechseln. Der Ton ist der der Neuen Sachlichkeit, nicht der klassischen Balladen.

In den ersten 4 Strophen wird der normale Ablauf des Arbeitstages und der Woche sowie das Verfließen der Jahre berichtet. Pointiert steht am Ende: „Und was auch kam, nie kam ein Unterschied.“ (V. 16, Chiasmus) An das Stichwort „Unterschied“ schließen sich drei Veränderungen an:

1. die banalen Ereignisse von Unfall, Vaterschaft und Kindstod (6. Str.), und zwar nach der Bemerkung über seine Hoffnung: „Morgen kann sich alles ändern.“ (V. 20 – die tatsächlichen Änderungen stellen dagegen bloß eine Ironie des Schicksals dar) – bis Str. 6;

2. die Änderung, die in ihm vorgeht: der Übergang von einem falschen Denken (dachte, V. 20) zum richtigen Merken und Sehen (merkte, V. 28, 29; sah, V. 31):

a) dass er bei Gefahren allein stand (V. 30),

b) dass er mit seinem miesen Schicksal nicht allein stand, dass die Schmidts weltweit in der Mehrzahl waren (V. 29, 31 f.) – bis Str. 8;

3. die daraus resultierende Einsicht, dass es nie anders wird (9. Str.) und dass der Mensch „bloß eine Art Gemüse“ ist (V. 37) – bis Str. 10.

Der Erzähler wiederholt dann das, was er bereits oben vom Tageslauf Schmidts berichtet hat (2. Str.), nur leicht variiert und noch stärker ins Negative gewendet (schwitzend, V. 41; müd und dumm, V. 43). In dem Stündchen, das ihm von den 24 Stunden des Tages dann noch bleibt, wendet er sich jedoch nicht mehr höheren Interessen zu (V. 8), sondern bringt sich aufgrund seiner Einsichten (9. und 10. Str.) um (V. 45). Dies ist die Pointe des Berichts vom Leben des armen Schweins Kurt Schmidt; sie ist, abweichend vom Strophenschema, in einen fünften Vers gesteckt, der zudem verkürzt ist, was eine große Pause erzeugt und „Schluss, aus, Ende“ signalisiert. Diese Techniken, Gedichte abzuschließen, kommen bei Kästner häufig vor.

Dieser Überblick musste in einem Zug geschrieben werden, damit man sich nicht in den Details verliert; denen wenden wir uns jetzt zu:

       die Gegenüberstellung vom Leben am Werktag und Sonntag (1. – 4. Str.)

       die Unterschiede in der Darstellung, wie die Zeit vergeht (V. 15 f. – V. 27 f.), verbunden mit

       dem Unterschied vom Zustand Schmidts: gut – schlecht (V. 17 ff. – V. 27 f.) und dem wichtigen

       Unterschied zwischen „dachte“ (V. 20) und „merkte“ (V. 28 f.): Im Denken irrt er (vgl. V. 33), sein Gefühl oder Gespür erfasst jedoch die Wahrheit – ganz intensiv ist dieser Kontrast in der Kurzgeschichte „Am Ziel“ (1957) von Herbert Eisenreich ausgearbeitet

       in dem Widerspruch V. 29 f. wird eine Differenzierung vorbereitet: worin er allein stand

       was er merkte, setzt sich in das um, was er „begriff“ (V. 35), s.o.

       „Das Kind ging ein“, eine verächtliche Darstellung des Todes, vom Kind wird wie von einem Tier gesprochen („Neue Sachlichkeit“).

       aus Schmidts Perspektive ist die Wiederholung „So war’s“ (V. 33 f.) und die Behauptung „es stand fest, daß es so blieb“ (V. 34) gesprochen, vielleicht auch der Satz „Das Kind ging ein.“.

       die Diminutivform „Stündchen“ (V. 8 und 44) zeigt, dass eine Stunde am Tag „für höhere Interessen“ zu wenig ist und nur dazu reicht, sich umzubringen.

Damit, dass die Einsicht in die Unabänderlichkeit seiner Lage an die Perspektive Schmidts gebunden bleibt, hält Kästner sich die Möglichkeit offen, gegen ein solches Schmidt-Leben zu protestieren. Das Gedicht ist eine Anklage „gegen Staat und Industrie und die gesamte Meute“ (Kästner: Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag); eine politische Agitation mit dem Ziel, dass die Ausgebeuteten sich mit anderen Ausgebeuteten zusammenzutun, ist es nicht. – Eine thematisch ähnliche Geschichte erzählt Kurt Marti 1960: Neapel sehen, die sich zum Vergleich heranziehen ließe.

Erläuterungen:

V. 10 sich rasieren, bis es brannte: bei einer Rasur mit der Klinge oder dem Messer;

V. 39 Seele in der Zirbeldrüse: eine Ansicht des Philosophen Descartes (17. Jh.), hier distanziert-ironisch erwähnt

Sonstiges

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/lyrik/ballade.htm (Ballade)

http://www.literaturwelt.com/spezial/ballade.html (Ballade)

http://www.handmann.phantasus.de/g_ballade_erklaerung.html (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Sachlichkeit_%28Literatur%29 (Neue Sachlichkeit)

http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/sachlichkeit/ (dito)

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/literaturge/neuesach.htm (dito)

http://www.literaturwelt.com/epochen/weimrep.html (dito) 

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

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