Kästner: Das Eisenbahngleichnis – Analyse

Wir sitzen alle im gleichen Zug…

Text

http://www.literarisches-cafe.de/viewliteratur.php?niID=321&PHPSESSID=5bd563428e9ee785b5329d895c10c6a2 (ein paar Kommas zu viel)

http://www.mittelschulvorbereitung.ch/content_new/msvDE/T64cEisenbahngleichn.pdf (evtl. falsche Satzzeichen; richtig „zur“ statt „zu“ in V. 32; mit Anleitung zur Deutung)

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/eisenbahngleichnis.htm (mit Vertonung, eine Strophe fehlt)

http://www.tempelstein.de/parabel/

Die im Netz kursierenden Textversionen des 1931 veröffentlichten, 1936 geringfügig überarbeiteten Gedichtes weichen in der Zeichensetzung und teilweise im Wortlaut voneinander ab; ich halte mich an den Text, wie er im „Erich Kästner Lesebuch“ (Diogenes 1978, S. 17 f.) steht.

Die Überschrift nennt das Gedicht ein Gleichnis; manche sprechen von einer Parabel, ich halte es eher für eine Allegorie: Mehrere Einzelzüge der Bildrede von der Eisenbahnfahrt werden in die „Wirklichkeit“ übertragen oder lassen sich so übertragen: Es geht um das Erleben der Zeit unseres Lebens, die wir oft als „fließend“ bezeichnen; um unser Leben, das als vorübergehend erlebt wird – beides ist im Bild der Eisenbahnfahrt miteinander verbunden.

„Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen eine eindeutige, unumkehrbare Richtung. Mit Hilfe der physikalischen Prinzipien der Thermodynamik kann diese Richtung als Zunahme der Entropie, d. h. der Unordnung in einem abgeschlossenen System bestimmt werden. Aus einer philosophischen Perspektive beschreibt die Zeit das Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend zur Zukunft hinführend.“ (Wikipedia, Art. „Zeit“) Die unumkehrbare „Richtung“ der Zeit lässt sich im Bild einer endlosen Zugfahrt erfassen und mehrfach allegorisch auslegen. Dazu leitet ein Ich-Sprecher an, der von den Menschen als „wir alle“ spricht, also an allgemeine Erfahrungen anknüpft und allgemein Gültiges sagen will.

Bildelemente der Eisenbahnfahrt:

  • der fahrende Zug (jagt durch die Zeit, V. 9 und 24; kommt niemals ans Ziel, V. 10)
  • die Stationen
  • die Reisenden
  • der Schaffner (hat auch keine Ahnung von der Fahrt, V. 14 ff.)
  • die Sirene (V. 18)
  • verschiedene Coupés (Abteile, V. 26 ff.; V. 35)
  • das Ziel (gibt es nicht)

Bei den Reisenden gibt es mehrere Aspekte (Mengen):

  • wir alle (sehen hinaus und sahen genug, V. 3; wissen nicht, wie weit wir fahren, V. 5; packen ein und aus, sinnlos, V. 11; finden keinen Sinn, V. 12 und 25; kennen das Morgen nicht, V. 13;)
  • die Nachbarn (leben neben uns her, V. 6 f.)
  • die Toten (V. 20-23)
  • ein feister Herr (6. Str. – sozialkritischer Aspekt)
  • manche (sitzen im falschen Coupé, V. 35)

Wenn man diese Beobachtungen zusammenfassend auswertet, könnte man sagen: Die Eisenbahnfahrt dient als Metapher des Lebenslaufs, wobei der Aspekt der Sinnlosigkeit des Ganzen (V. 3, 10, 11 f., 16, 25, 33) überwiegt; Nebenaspekte sind das Nebeneinander (statt Miteinander oder Füreinander) der Menschen (V. 6 f.) und das rasche Tempo des jagenden Zuges (V. 9, 24 – Kontrast zu den „am Bahnsteig der Vergangenheit“ stehenden Toten, V. 22 f.). Es gibt eine sozialkritische Strophe von dem feisten (!) Herrn, der allein im Abteil I. Klasse „im roten Plüsch“ (V. 28) sitzt, während die Mehrheit (!) auf Holz sitzt, also (früher) in der III. Klasse – hier sind die Wertungen einfach und klar. Sehr offen – die Schlusspointe – ist die Rede davon, dass „viele im falschen Coupé“ sitzen; das könnte auf falsche Lebensentscheidungen (Beruf, Ehe) anspielen, auch auf soziale Ungerechtigkeit (I. – III. Klasse). Gerade die Unbestimmtheit des Bildes erlaubt es den Hörern (im Kabarett) oder Lesern des Gedichtes, das Bild auf sich zu beziehen und passend auszulegen.

Damit kommen wir zum Bildcharakter der ganzen poetischen Rede: Von Deutschlehrern wird gern behauptet, mit der bildhaften Rede werde man belehrt, werde eine Wahrheit eindringlich propagiert – davon kann natürlich keine Rede sein; wir entnehmen dem Gedicht nichts, was wir nicht längst wussten, hören es aber in der Analogie des Bildes mit höherer Plausibilität. Gerade weil wir es bereits wissen, können wir es der bildhaften Rede entnehmen; sie ist also (zumindest hier) ein Spiel, in dem es den Reiz des bestätigenden Wiedererkennens gibt. Dafür werden sogar einige „schräge“ Elemente in Kauf genommen: Ein Zug kann natürlich nur durch den Raum fahren, nicht durch die Zeit – das Fahren „ist“ die Zeit, der Zug fährt „in der Zeit“, aber nicht durch die Zeit (es liegt eine Verräumlichung der Zeit vor). Und zweitens können die Toten beim besten Willen nicht aussteigen; sie werden hinausgetragen, vielleicht auch hinausgeworfen… – aber das passt nicht zum Kindstod und der schreienden Mutter (V. 21). – Die moderne Metapher der Eisenbahnfahrt löst hier die alte Metapher vom Leben als Fahrt auf einem Schiff ab, ohne dass dadurch etwas verbessert würde – die Fahrt auf festen Gleisen und nach einem Fahrplan ist sogar weniger als die Schiffsreise geeignet, Metapher des menschlichen Lebens zu sein.

Formal hat das Gedicht einige Reize: Zunächst fällt auf, dass in der 7. Strophe die 1. leicht abgewandelt wiederholt wird; das erhöht die Plausibilität des Bildes und schafft einen Rahmen der Rede. Viermal wird sogar der Satz vorgetragen, dass wir alle im gleichen Zug sitzen, reisen oder fahren (V. 1, 4, 31, 34). Dass der Zug durch die Zeit jagt, wird zweimal gesagt (V. 9, 24). Wie sinnlos das ganze Unternehmen der Reise ist, wird mehrfach bildhaft abgewandelt (s.o. „der Schaffner“, „das Ziel“ und „wir alle“). Auch das lakonische Sprechen in kurzen Sätzen (V. 3, 6, 11, 21, 33 als Wiederholung von V. 3) verdeutlicht die Sinnlosigkeit des Lebens.

In diesem Gedicht wandelt Kästner wie auch sonst gelegentlich den Knittelvers leicht ab, indem die Verse abwechselnd 4 und 3 Hebungen bei freier Füllung aufweisen, dem dann ein Kreuzreim entspricht. Das gilt für ein 4 Verse-Schema; wir haben aber ein 5 Verse-Schema vor uns, weil der 4. Vers formal die gleichen Merkmale wie der 3. Vers aufweist (Hebungen, Reimwort). Dieses abgewandelte Schema, was es auch sonst bei Kästner gibt, macht das Sprechen etwas lebhafter und weniger schematisch; denn ein reines Schema ist eben das 4 Verse-Schema. Die Endbetonung in jedem Vers schließt diesen ein wenig gegen den folgenden ab, wenn auch ein paar Mal der Satz übers Versende hinaus geht (V. 1, 14, 22, 31 – in V. 9 endet dort der Relativsatz). – Die Sprache liegt einen halben poetischen Ton über der Umgangssprache; Gegenwart in spe (V. 32) ist die erwartete, die künftige Gegenwart.

Zum besseren Verständnis bildhaften Redens verweise ich auf die Aufsätze https://norberto68.wordpress.com/tag/bildhafte-sprache/ und https://norberto68.wordpress.com/tag/bildhaftes-sprechen/.

Vgl.  auch Franz Werfels Gedicht „Auf den alten Stationen“:http://www.zeitzug.com/index.php/poems/franz-werfeljames-reidel.htmloder http://blog.sina.com.cn/s/blog_654720270100h954.html

Analytisches

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Eisenbahngleichnis

http://www.metaportal.at/cgi-bin/ikonboard/topic.cgi?forum=5&topic=1913 (Chr. Neefe, Schüler)

http://www.kirchengemeinde-dausenau.de/kg-d-hz/kg-d-hz-gemeindegruss/2011-2012/kg-d-hz-gemeindegruss-2012-06u2012-07u2012-08.pdf (Pfarrbrief, dort S. 2)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/das-eisenbahngleichnis.html (Fritz Stavenhagen, mit Text)

http://www.lutzgoerner.de/gdt/994/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=Xdluc_mQRD0 (Bernd Ziesche)

http://www.youtube.com/watch?v=o-CdS2qrmbo (?)

http://www.youtube.com/watch?v=r8rmwL3DJpQ (Roman Naumenko, mit Film dazu)

http://www.myvideo.de/watch/9007751/Ole_von_Vosskuhl_2000_Das_Eisenbahngleichnis (gesungen, melancholisch)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Zeit (Zeit)

http://www.hunfi.hu/nyiri/Nyiri_Berlin_FU_tlk_with_pictures.pdf (Die Verräumlichung der Zeit)

http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=topos (Lebensfahrt auf dem Meer)

http://community.zeit.de/node/134428/=%22 (Schiff des Lebens)

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/poetik/allegorie.htm (Allegorie)

http://de.wikipedia.org/wiki/Allegorie (dito)

http://gedichte.xbib.de/das+schiff+des+lebens_gedichte_recherche.htm (Gedichte: Schiff des Lebens)

http://www.ipq.kit.edu/downloads/Vor50Jahren.pdf (Einbindung des Gedichts in einen besinnlichen Vortragsabend)