Kästner: Die Entwicklung der Menschheit – Analyse

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt…

Text

http://talfeldverlag.homepage.t-online.de/satire2.html

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/entwickl.htm (mit Vertonung)

http://users.skynet.be/lit/kaestner.htm (mit verlinkter Vertonung)

Kästner beschreibt in dem 1932 veröffentlichten Gedicht auf bissige Art die Entwicklung des Menschen vom Hausen im Urwald zum Leben in der Großstadt. Trotz Technik und wissenschaftlichem Fortschritt seien die Menschen eigentlich das geblieben, was sie schon immer waren: Affen. Kästner kritisiert also nicht den Fortschritt, sondern stellt die Einbildung auf den vielgepriesenen vermeintlichen Fortschritt als Irrtum bloß. Den Rhythmus des Gedichts habe ich bereits anderswo beschrieben, sodass wir uns jetzt dem Aufbau und dem Charakter der Satire zuwenden können. Die fünf Verse pro Strophe (durch Verdoppelung des dritten nach Metrum und Reimwort) sind eine Eigenheit Kästners.

Im Gedicht wird ironisch die „Entwicklung“ der Menschheit beschrieben, die nur vordergründig stattgefunden habe: Die Menschen waren Affen (1. Str.) und sind „im Grund / noch immer die alten Affen“ (V. 35 f.). Also kann die Entwicklung nur scheinbar oder oberflächlich stattgefunden haben – das ist die Botschaft des Gedichts, weswegen die Entwicklung in satirischer Form beschrieben wird.

Ein außenstehender neutraler Erzähler, der die Menschen abwertend „die Kerls“ nennt (V. 1) und von ihnen in der 3. Person spricht („sie“, V. 3 ff. – von Lutz Görner in seinem Vortrag verändert zu „wir“), stellt die Entwicklung der Menschheit in der Beschreibung zweier gegensätzlicher Zustände dar, des Ausgangs- („Einst“, V. 1 f.) und des Endzustands (V. 4-25), wobei in einem Vers der Übergang hergestellt wird: „Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt“ (V. 3). Hier sieht man schon, dass im Gedicht nicht ernsthaft eine geschichtliche Entwicklung beschrieben wird: Wer sollte (Menschen)Tiere aus dem Urwald locken, wenn nicht der Mensch? Den Schluss bildet ein Fazit, das der Sprecher in der 6. Strophe zieht: Zwar gibt es den „Fortschritt“, aber in Wahrheit („bei Licht betrachtet“, V. 29) „sind sie im Grund / noch immer die alten Affen“ (V. 29 f.). Dieses Fazit wird in V. 9 f. vorbereitet, wo schon die Gleichheit des Umgangstons in beiden Stadien der Entwicklung herausgestellt wird. Im Fazit steht entsprechend, dass der Fortschritt „mit dem Kopf und dem Mund“ geschaffen worden ist (V. 26 f.); die Erklärung „mit dem Mund“ verweist einmal auf das Sprechen als die entscheidende menschliche Fähigkeit, macht aber auch klar, dass vieles (alles?) am Lob des Fortschritts nur leeres Gerede ist.

Woran erkennt man, dass die Entwicklung satirisch beschrieben wird? Einmal gibt es das Stilmittel, dass Phänomene zusammengestellt werden, die der Kategorie nach nicht zusammenpassen: „Sie atmen modern.“ (V. 13) Das ist zudem eine unsinnige Aussage; die Menschen atmen im Prinzip immer gleich. Ferner passt Inzest und „heilen“ nicht zusammen (V. 23, Inzest ist keine Krankheit), ebenso nicht Mikroben mit „jagen und züchten“ (V. 17, Tiere werden gejagt und gezüchtet; ebenso V. 18 Natur / Komfort). Das Gleiche gilt von der Zusammenstellung von Bildung / Wasserspülung (V. 14 f.), wo durch „Wasserspülung“ zudem etwas Niederes mit Höherem (Bildung) verbunden wird, was das Höhere herabzieht. Diese Technik ist auch in V. 24 f. verwendet worden: Höchst gelehrte Stiluntersuchungen lateinischer Prosa führen zum Ergebnis, „daß Cäsar Plattfüße hatte“; das ist etwas derart Banales wie auch Unsinniges als Ergebnis, dass damit der große wissenschaftliche Aufwand lächerlich gemacht wird. Dass aus Scheiße Watte gemacht wird (V. 21 f.), wird man ebenfalls der Technik „Niederes / Höheres verbinden“ zuordnen können; Watte und damit die moderne Hygiene wird abgewertet. [Auch in der älteren Untersuchung des Rhythmus, s.o., ist bereits der satirische Charakter des Gedichts erklärt worden.]

Das Gedicht ist sehr verbreitet; in der Schule wird es auf vielfache Weise rezipiert, heute offenbar vor allem durch Rappen und Filmen. Man muss bei solchen Versuchen jedoch darauf achten, dass das Gedicht als Satire erhalten bleibt – andernfalls hätte man es verfälscht und nicht erfasst. Und vermutlich muss man das Satirische auch zuvor verbal erfassen („mit dem Mund“); denn im szenischen Spiel oder im Standbild kann man kaum darstellen, dass man durch Stiluntersuchungen zum Ergebnis kommt, Cäsar habe Plattfüße gehabt – mein Bedenken angesichts der Schwemme „produktiver“ Verarbeitung von Texten, die sich primär im Hören und Lesen erschließen (sofern sie gut vorgetragen werden, sofern man lesen kann – beides kann man lernen).

Ich habe das Gedicht „Die Entwicklung der Menschheit“ gelegentlich im Unterricht verwendet (Kl. 9/10 am Gymnasium); aus diesem Grund seien auch noch die Gedichte Kästners genannt, die in meinem Unterricht vorkamen, hier aber nicht analysiert werden: oft „Herr im Herbst“ (Kl. 9/10), regelmäßig „Im Auto über Land“ (Kl. 6), selten „Vorstadtstraßen“ (Kl. 9/10). Kästners Trostlied im Konjunktiv habe ich in Kl. 7 immer für die Sprachreflexion (Konjunktiv II) und als Anleitung zum produktiven Phantasieren genutzt.

http://www.helpster.de/kaestner-die-entwicklung-der-menschheit_201431 (schwach)

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/390/ (Lutz Görner, Text verändert)

http://www.youtube.com/watch?v=lB9mB9qzYvE (Fritz Stavenhagen)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-entwicklung-der-menschheit.html (Stavenhagen, mit Text)

http://www.youtube.com/watch?v=XjvnlSX7nLM (Hedi Detel, gut)

http://www.youtube.com/watch?v=XX1Ukt0P340 (Silvio Rauch)

http://www.youtube.com/watch?v=ARWXs_ib98w (Rap?)

http://www.youtube.com/watch?v=rGq2JpZ01Zk (Rap?)

http://www.youtube.com/watch?v=F-hBhC1csng (Rap, verfilmt)

http://www.youtube.com/watch?v=4CgSPtpCv8o (eigenwillig, mit Musik)

http://www.youtube.com/watch?v=HQS4YN_dIX8 (Schüler, schwach)

http://www.youtube.com/watch?v=FDuy7_WIPbg (darstellendes Spiel, Text umgestellt)

http://www.youtube.com/watch?v=xi35wtBucgU (Katrin Rosenzopf spielt Klavier und singt)

Sonstiges

https://www.bifie.at/system/files/dl/bist_d_sek1_entwicklung_der_menschheit_2011-07-06.pdf (mehr oder weniger sinnvolle Aufgaben zum Gedicht)

http://www.mittelschulvorbereitung.ch/content_new/GD/GT62kEntwMenschheit.pdf (mit einer m.o.w. sinnvollen Aufgabe)

http://www.babilonhu.net/works/de/K%C3%A4stner,_Erich-1899/Die_Entwicklung_der_Menschheit (Text mit ungar. Übersetzung)

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?lang=en&id=43493 (Text mit franz. Übersetzung) 

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)