Kästner: Kleines Solo – Analyse

Einsam bist du sehr alleine…

Text

http://www.deutschelyrik.de/index.php/kleines-solo.html (mit Vortrag F. Stavenhagen)

http://vk.com/wall-29494950_14237

http://www.allmystery.de/themen/lt80104 (dort das dritte Gedicht)

Die Überschrift „Kleines Solo“ des Gedichts, das 1947 für das Kabarett „Kleine Schaubude“ verfasst wurde, scheint zunächst eine technische Bezeichnung der Form zu sein, etwa im Sinn von ‚Kleiner Monolog’; beim Lesen zeigt sich, dass „Solo“ dann auch der wesentliche Inhalt des Gedichtes ist: „Einsam bist du sehr alleine.“ (V. 1 u.ö.) Der nicht genannte Sprecher wendet sich an ein unbekanntes „du“ (V. 1 ff.), mit dem der Leser sich leicht identifizieren kann.

Das in den Aussagen ganz einfache Gedicht ist kunstvoll aufgebaut. In der 1. Strophe wird zunächst die Situation „deiner“ Einsamkeit beschrieben; in der 2. Strophe wird umschrieben, dass dieses einsame Subjekt „Wünsche“ hat und das Glück vergeblich sucht; in der 3. Strophe wird dann ein scheiternder Liebesversuch beschrieben. Zugleich mit diesem thematischen Fortschritt ist eine systematische Variation des Strophenaufbaus sowie eine Wiederholung bzw. Abwandlung der ersten fünf Verse der 1. Strophe verbunden: Am Anfang und am Ende des Gedichts und der Erfahrung steht die Einsamkeit.

Die 1. Strophe besteht aus zwei „Teilen“: die ersten fünf Verse / die Wiederholung und Erweiterung des 1. Verses in V. 6 f. Diese beiden letzten Verse möchte ich ‚Refrain’ nennen; sie kehren, zu einem Block aus vier Versen erweitert, als Refrain in der 2. Strophe wieder (V. 13 ff.); in der 3. Strophe haben wir dann zweimal fünf Verse (V. 17 ff.) und den Refrain. Wie und wo die ersten Verse der 1. Strophe außerdem wiederkehren, wird jeweils an Ort und Stelle gesagt.

„Einsam bist du sehr alleine.“ (V. 1) So beginnt das Gedicht. Das ist eine allgemein gültige Aussage, wobei das Satzadjektiv „Einsam“ zwischen der Bedeutung eines Konditionalsatzes (Wenn du einsam bist) und eines Aussagesatzes (Du bist einsam) schwankt. Das Bild von der tropfenden Zeit zeigt, dass dem Einsamen die Zeit quälend langsam vergeht. Die folgenden Sätze sind elliptisch (es fehlt das Subjekt „Du“), was den Eindruck hervorruft, der Sprecher rede ganz persönlich und formlos zum Du. Es sind Aussagen über die Situation des Einsamen, der sich keine Illusionen macht – das zeigt sich zum Beispiel im Kontrast „Träumst von Liebe. Glaubst an keine.“ (V. 4) Allerdings zeigt sich dann in der 2. Strophe, wie schwankend die Seele ist: Das Träumen von Liebe lebt wieder auf. Der Refrain wiederholt und steigert die Aussage von V. 1, wobei die scheinbar paradoxe Formel „Einsamkeit zu zweit“ jedem einleuchtet, der so etwas kennt – sachlich ist das gemeint, was in Kästners Gedicht „Sachliche Romanze“ geschieht.

Der Form nach haben wir zunächst die bekannte Kästner’sche Form des 5 Verse-Blocks vor uns (V. 4 ist formal eine Wiederholung von V. 3), vierhebige Jamben, Kreuzreim, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz. V. 6 ist ein Zitat von V. 1, V. 7 hat dagegen sechs Hebungen mit männlicher Kadenz; so wird auch in der längeren Form des Verses die Steigerung der Einsamkeit deutlich, zugleich wird ein rhythmischer Akzent zum Abschluss der Strophe gesetzt.

In der 2. Strophe wird beschrieben, wie Wünsche hinausgehen und doch das Glück nicht finden. „auf die Freite gehen“: eine Frau suchen; die Wünsche sind also auf Liebeserfüllung aus, aber das Glück „Ist nie hier. Ist immer dort.“ (V. 12) Der kritische Beobachter weiß, dass das Glück auch nicht „dort“ ist; dass es nur dem unglücklichen Ich so erscheint, als sei es dort. Durch den erweiterten Refrain werden die auf die Freite gehenden Wünsche dem Du zugeordnet: „[Du] Stehst am Fenster. Starrst auf Steine…“ (V. 13 f.) V. 13 ist dabei eine Wiederholung von V. 3, was V. 14 in eine Beziehung zu V. 4 stellt; durch V. 14 („Sehnsucht…“, ein starkes Bild dafür, wie das Du von der Sehnsucht überwältigt wird) wird dann der Beginn der 3. Strophe vorbereitet: „Schenkst dich hin.“ (V. 17) – ein scheiternder Liebesversuch. Die beiden ersten Verse des Refrains sind nach dem Schema der normalen Verse gebildet, wodurch der Refrain zu einem Strophenteil im Kreuzreim wird.

In Str. 3 wird ein scheiternder Liebesversuch beschrieben. Auch in diesen ersten fünf Versen gibt es neben den Anreden an das Du eine allgemeingültige Aussage: „Liebe treibt die Welt zu Paaren.“ (V. 19) Das ist doppeldeutig: treibt die Menschen zu (Liebes)Paaren zusammen – treibt die Menschen als Verfolgte vor sich her (Redewendung „zu Paaren treiben“). In den vorhergehenden Strophen waren V. 1 und V. 9 die allgemeingültigen Aussagen. V. 19 wird dann in V. 20 zur konkreten Aussage genutzt: „Wirst getrieben.“ Dieses Getriebenwerden ist Grund dafür, „daß es nicht die Liebe ist“ (V. 21) – wäre es nicht Trieb gewesen, sondern Tat des Subjekts, hätte es Liebe werden können, meine ich. Davon ist im Gedicht aber nicht die Rede.

Mit dem zweiten 5 Verse-Block wird auf den Anfang des Gedichtes rekurriert: V. 22 entspricht V. 1 und steigert die Aussage („sogar im Kuss“) der Einsamkeit; V. 23 ist eine Wiederholung von V. 2; V. 24 variiert V. 3 leicht, V. 25 variiert V. 4; V. 26 bietet einen ähnlichen Kontrast wie V. 5 – die beiden letzten Verse variieren erneut das Thema der endlosen Einsamkeit. Der Refrain ist dann wieder dem Refrain der 1. Strophe gleich. Durch die Wiederholung und Variation der immer gleichen Einsamkeitsklage, aber auch durch die Häufung der kurzen Sätze in vertraulichem Ton erhält die Klage eine große Plausibilität; mittels der du/ich-Identifikation wird man als Leser in die Situation des Leidenden hineingezogen.

Im Gedicht kommen die qualvollen Erfahrungen von Sehnsucht und Enttäuschung, von Liebesverlangen und Einsamkeit zur Sprache, die eigentlich jeder kennt – im Blog vk.com/page (s.o., Text) wird das Gedicht lapidar „So isses halt;)“ kommentiert. Wer das klüger gesagt lesen will, kann Dieter Wyss: Lieben als Lernprozeß (1975), zu Rate ziehen, dort v.a. S. 75 ff. (Die drei fundamentalen Enttäuschungen in der Liebesbeziehung), das sowohl auf Papier wie digital greifbar ist, s. Link dazu unten.

Es fällt auf, wie viele Schüler sich an diesem Gedicht produktiv abgearbeitet haben – und immer weitere Versuche kommen noch hinzu. Dabei könnte man als älterer Mensch fragen, ob sie das Gedicht wirklich richtig verstehen – aber was heißt schon „richtig verstehen“?

http://mirabella-wonderland.blogspot.de/2011/07/blog-post.html

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=_G6YKF_mEfE (F. Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=ZPupeH4G_X0 (gesungen, Arno Assmann)

http://www.youtube.com/watch?v=BFR9HQNr6xY (gesungen von Martin Klodzinski)

http://www.myvideo.de/watch/5378302/Kleines_Solo (gesungen, ?)

http://www.youtube.com/watch?v=qqGKC8Lfxo4 (gesungen, Kleeberg & Genossen)

= http://www.youtube.com/watch?v=hc0BfENEKHc

http://www.youtube.com/watch?v=iCm4lgeHTws (gesungen, Jim Zitrone)

http://www.youtube.com/watch?v=AOzUcKmT0xE (Schüler, mit Bildern unterlegt)

http://www.youtube.com/watch?v=JC0jsQAjKvg (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=Zlv3L03U0e0 (POEM, mit Film u. engl. Untertiteln)

http://www.youtube.com/watch?v=fmNYME3ilTc (mit Film, Schülerin)

http://www.youtube.com/watch?v=BB86i-HKeww (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=axnCyWpoX2A (dito)

http://vimeo.com/45537630 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=F72YWPuaSEo (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=t71AMWPlizc(dito)

http://www.youtube.com/watch?v=8OaIuwwhqEM (mit Spielszenen)

http://www.youtube.com/watch?v=QDVgfC5LE1A (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=fEILXGlIZEM (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=K61z7bcKA6A (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=qtt0HIHxya8 (dito)

Sonstiges

http://www.cyberkult.de/gedichte/final-fantasy-gedicht-kleines-solo-von-erich-kastner-musik-text/ (Bildfolge, mit Musik untermalt, Text eingeblendet)

http://www.youtube.com/watch?v=KG-07sVqLHs (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=I1TOLP5UpDY (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=eFVK4xZaaFg (gezeichnet)

http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00051892_00001.html?sort=sortTitle+asc&letter=W&context=&person_str=%7BWyss%2C+Dieter%7D&mode=person_str (Dieter Wyss: Lieben als Lernprozeß, digitalisiert)

http://norberto42.blog.de/2006/06/11/liebe_und_kommunikation~869427/ (Mini-Referat des Kerngedankens von Dieter Wyss)

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)