Kästner: Der dreizehnte Monat – Analyse

Wie säh er aus, wenn er sich wünschen ließe? …

Text

http://www.erich-kaestner-kinderdorf.de/Gedichte/13.htm

http://www.jobstvogt.de/html/schneetreiben.html

http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-dreizehnte-monat.html (mit Vortrag Fritz Stavenhagen)

Im Zusammenhang mit den Gedichten von den 12 Monaten (s. Text bei Fritz Stavenhagen z.B.) ist das Gedicht vom dreizehnten Monat entstanden und 1955 veröffentlicht worden. Ich möchte i.W. den Aufbau analysieren, die einzelnen utopischen Bilder aber nicht kommentieren.

Erläuterungen:

V. 2 Elfember: in Analogie zu Oktober (lat.: achter Monat), November (neunter Monat), Dezember (zehnter Monat) gebildet

V. 20: Die Zeit hat Raum für einen weiteren Monat.

V. 22: Anspielung auf die verschleierte Götterstatue der Isis

Ein ungenannter Ich-Sprecher denkt im Monolog (V. 31: mein Herz) darüber nach, wie ein 13. Monat – frei von Arbeit, Sorgen und Stress – wohl aussähe, „wenn er sich wünschen ließe“ (V. 1). Der Sprecher entfaltet also utopische Vorstellungen. In der 1. Strophe legt er seine Fragestellung dar. In Str. 2 – 7 werden seine Vorstellungen geschildert; dabei besteht seine Schilderung nur aus vier Strophen (Str. 2 – 5), während er anschließend den 13. Monat persönlich anspricht und ihn bittet, sich zu zeigen. In der letzten Strophe zieht er ein eher resigniertes Fazit: Es bleibt beim Kreislauf des Jahres, wie er immer schon stattgefunden hat.

Auch in der Form unterscheiden sich die rahmenden (1 und 8) von den utopischen Strophen. Die rahmenden Strophen bestehen aus fünfhebigen Jamben; in der 1. Strophe gibt es den Paarreim, alle Verse haben eine Silbe zusätzlich (weibliche Kadenz); in der 8. Strophe gibt es einen Kreuzreim mit dem Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen. Den gleichen Wechsel der Kadenzen (plus Kreuzreim) finden wir auch in den Strophen 2 – 7; allerdings ist dort der letzte Vers jeweils auf zwei Hebungen verkürzt, was der Zeit Raum gibt, also eine große Pause eröffnet, weil man doch fünf Hebungen erwartet. Diese Verkürzung finden wir bei Kästner öfter.

Die 1. Strophe besteht, vom Kommentar in V. 3 abgesehen, nur aus Fragen, die der Sprecher sich selbst stellt; „Schaltmonat“ ist dabei analog zu „Schalttag“ gebildet. Der letzte Vers, vorbereitet durch die Überschrift, das Verb wünschen (V. 1) und die Sentenz in V. 3, erhebt mit der paradoxen Formulierung der dreizehnte von zwölfen (V. 4) deutlich den utopischen Anspruch. Von der 2. Strophe an werden utopische Bilder eines „neuen“ Monats geschildert, in dem die Erde „ein Traum“ wäre (V. 18). Mit der direkten Anrede „Dreizehnter Monat, laß uns an dich glauben!“ (V. 19) kommt er zu einem ersten Höhepunkt seiner Wunschvorstellungen. Der Sprecher macht darauf einen kleinen Rückzieher, als habe er sich leichtfertig an eine Gottheit gewandt und sie ungeziemend um etwas gebeten: „Verzeih…“ (V. 21 ff.). Er weiß ja, dass das Antlitz der Göttin „13. Monat“ verhüllt ist (V. 22) und dass menschliche Versuche, es sich vorzustellen, zum Scheitern verurteilt sind (V. 23 f.). Darum hebt er zu einer noch kühneren neuen Bitte an: „Drum schaff dich selbst!“ (V. 25) Diese Bitte ist logisch paradox: Wie kann ein nicht Bestehendes sich selbst schaffen? Die Paradoxie wird kurz entfaltet (V. 25 – 27). Dann stellt der Sprecher enttäuscht fest: „Du schweigst?“ (V. 28) Damit endet die Du-Anrede, er wechselt wieder in die 3. Person, wenn er sich vom 13. Monat eingesteht: „Er schweigt.“ (V. 28)

Im Fazit legt er sich dar, warum seine Hoffnung auf den utopischen 13. Monat gescheitert ist: „Das Jahr dreht sich im Kreise. Und werden kann nur, was schon immer war.“ (V. 29 f.) Das ist das alte Lied: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ (Kohelet 1,9) Deswegen ruft er sich selbst auf: „Geduld, mein Herz.“ Das ist sachlich unpassend, weil er nicht angeben kann, worauf das Herz denn warten soll. Eher müsste er sich zur Zufriedenheit mit dem Gegebenen aufrufen: „Im Kreise geht die Reise.“ (V. 31, Binnenreim) „Und dem Dezember folgt der Januar“ (V. 32), nicht aber der Elfember.

Ein schönes Gedicht in der Schwebe zwischen Hoffnung und Melancholie, wobei am Ende der bescheidene Verzicht auf die große Erneuerung steht. Vielleicht steht dahinter die Einsicht, auch wenn sie nicht ausgesprochen wird, dass ein 13. Monat uns nichts nützt, wenn wir nicht uns selber ändern und in uns zur Ruhe kommen, wozu ja vor langer Zeit bereits der Sabbat eingeführt wurde; wer daraus das Wochenende mit Freizeitaktivitäten oder Aktenstudium macht, dem ist auch mit einem 13. Monat nicht zu helfen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_13_Monate

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=vdw_nfE_0B0 (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=vdw_nfE_0B0 (Christian Quadflieg)

http://www.youtube.com/watch?v=GOo1xrl2HgU (Heinz Rühmann)

http://www.youtube.com/watch?v=dPsxL9XkKmE (mit Musik und Bildern unterlegt)