Rolf Dobelli: Die Kunst des klugen Handelns – Besprechung

52 Irrwege, die Sie besser anderen überlassen (Hanser, 233 Seiten, 2012)

Da haben wir also die Fortsetzung des Bestsellers „Die Kunst der klaren Denkens“, wiederum 52 Kolumnen unter dem Titel „Die Kunst des klugen Handelns“ (2012); dabei sollen sich die Denk- von den Handlungsfehlern eigentlich gar nicht unterscheiden (S. 5). Rolf Dobellis Ziel: „Entfernen Sie alle Denk- und Handlungsfehler, und ein besseres Denken und Handeln wird sich von alleine einstellen.“ Dieses Ziel ist mit Dobellis Methode nicht zu erreichen, natürlich nicht: Wenn man keinen Mist macht, macht man noch nichts Vernünftiges, sondern zunächst einmal nichts. Und bereits bei Kant kann man nachlesen, dass es keine sicheren Ratschläge geben kann, wenn jemand wissen will, wie er glücklich wird. Leider konnte ich das erste Buch noch nicht ausleihen, ehe ich das zweite gelesen habe; darum kann ich zum Verhältnis der beiden Bücher nichts sagen, außer dass man bei Fortsetzungen von Bestsellern etwas skeptisch sein soll und dass die magische Zahl der 52 Fehler sich vermutlich der Einteilung des Jahres in 52 Wochen, nicht aber der Sachlogik des Fehlerhaften verdankt. Die zweite Tatsache lässt Lücken oder Doppelungen erwarten.

Am meisten lernt man (resp. ich) bei Dobelli, wenn er zeigt, wie vorsichtig man mit Statistiken umgehen muss, um nicht getäuscht zu werden. Das beginnt beim „Problem mit dem Durchschnitt“ (S. 17 ff.): Wenn Karl Albrecht einen Raum betritt, erhöht sich der „Durchschnitt“ des Besitzes erheblich, ohne dass die anderen einen Cent mehr im Portmonee hätten. Mit solchen Beispielen beginnt Dobelli seinen Kolumnen, die er für Sonnstags- und Wochenzeitungen verfasst hat; im Wesentlichen ranken sie sich um die Beispiele und kommentieren sie. Zum Schluss zieht er normalerweise ein Fazit, in dem er einen guten Rat gibt: Wann kann man sinnvollerweise mit dem Durchschnitt rechnen, wann nicht? Wo ein einzelner Extremfall die Zahlen dominiert (Beispiel: Albrecht), kann man es nicht. Ähnliche Beispiele sind das Will-Rogers-Phänomen (S. 29 ff.) oder „Das Gesetz der kleinen Zahl“ (S. 45 ff.; vgl. auch S. 205 ff.).

Manche der Kolumnen enthalten ausgesprochen kluge strategische Überlegungen. Dazu zähle ich das zum „Aderlasseffekt“ (S. 97 ff.) Gesagte: Erweislich falsche Theorien (wie die vom Nutzen des Aderlasses) sollte man aufgeben, auch wenn keine bessere Theorie in Sicht ist. Hierhin gehört auch der Tipp, sich nicht von der vermeintlichen letzten Chance zu unüberlegten Handlungen (Käufen) verleiten zu lassen (S. 133 ff.). Ebenso führt der „Salienz-Effekt“ (S. 137 ff.) in die Irre: ein auffälliges Merkmal für bedeutend zu halten; dabei möchte ich gleich anmerken, dass die „Übersetzung“ des englischen Wortes salience mit „Salienz“ ziemlich nichtssagend und eher faul ist. Auch die sogenannte introspection illusion (S. 69 ff.) verdient Beachtung: die eigenen Überzeugungen nicht deshalb für wahrer als andere zu erachten, weil man sozusagen durch Blick ins eigene Innere von ihnen überzeugt ist, weshalb man anders Denkende leicht für blind, blöd oder verstockt hält. Auch die Polemik gegen „Neomanie“ (S. 77 ff.) gefällt mir: Das Neueste wird oft überschätzt – zu Ungunsten dessen, was sich schon lange bewährt hat. Erhellend war für auch die Kolumne „Warum wir lieben, wofür wir leiden mussten“ (S. 41 ff.).

Manche Kolumnen stoßen den Leser direkt zur Selbstkritik an: Die Neujahrsvorsätze taugen nicht viel, weil man sich zu viel vornimmt und weil man wichtige Dinge dann gern auf die lange Bank schiebt – man muss sich auch Auszeiten gönnen, damit „die Batterie wieder auflädt“ (S. 150). Das berührt sich damit, dass es besser ist, „wenn Sie weniger entscheiden“ (S. 9 ff); es gibt eine Entscheidungsermüdung, die sich bis in die Ergebnisse von Gerichtsurteilen auswirken – sagt zumindest R. Dobelli. Es gibt auch einige echte Doppelungen, etwa die „Affektheuristik“ (S. 65 ff.) und die Warnung vor „Zu viel denken“ (S. 175 ff.); beide Kolumnen laufen darauf hinaus, dass man schwierige oder komplexe Entscheidungen treffen soll, „indem Sie ihr Gefühl konsultieren“ (S. 67). Das ist natürlich nicht besonders originell; einige Kolumnen sind sogar ausgesprochen trivial, aber eben nur einige wenige.

Wird man also klüger, wenn man alle Tipps Dobellis beherzigt? Das kann man überhaupt nicht tun, weil es einige recht widersprüchliche Tipps gibt: Einerseits soll man nicht zu viel denken (S. 173 ff.), sondern auch der Weisheit der Gefühle vertrauen; anderseits soll man detaillierte Pläne haben, „wie man mit den unaufgeräumten Dingen umgeht. Schritt für Schritt. Am besten schriftlich.“ (S. 187) Ein direkter Widerspruch besteht zwischen dem Rat, seine Schiffe hinter sich zu verbrennen (S. 73 ff. – also ganz radikal alles auf eine Karte zu setzen), und der Warnung vor der Alternativenblindheit (S. 85 ff.). Solche Widersprüche lösen sich auf, wenn man an die griechische Weisheit „Nichts zu viel!“ denkt oder an des Aristoteles Einsicht, dass die Tugend in der Mitte zwischen zwei Extremen liegt. Es wäre ja auch beinahe ein Wunder, wenn man in 52 dreiseitigen Kolumnen einer Wochenzeitung – genau über ein Jahr verteilt! – die Summe der Weisheit fände; aber anregend ist die Lektüre schon, oft auch erhellend. Man darf sie halt nicht übertreiben, sondern sollte sich gelegentlich einfach drei, vier Kolumnen zu Gemüte führen und ein bisschen darüber nachdenken – wiederum nicht zu viel, gerade so viel, dass man sie mit eigenen Erfahrungen verbinden oder konfrontieren kann.

Eine Reihe der Kolumnen findet man noch im Archiv der SonntagsZeitung (Suchwort: Rolf Dobelli).

Vgl. die andere Dobelli-Besprechung und  meinen kleinen Artikel (mit einigen guten Links) über Denkfehler! Sofern das Handeln im Fokus steht, werden diese Fragen von der sogenannten Verhaltensökonomie (z.B. D. Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken, 2012; D. Ariely: Denken hilft zwar, nützt aber nichts, 2008) bzw. der (Wirtschafts- und Finanz-)Psychologie (und sogar der angewandten Statistik: Dubben & Beck-Bornholdt) und unter anderen Stichworten untersucht, etwa von Gerd Gigerenzer, Dietrich Dörner…

Links zu Darstellungen der Heuristiken, also der Techniken, mit unvollständigen Informationen gute Entscheidungen zu treffen (z.T. von Gerd Gigerenzer):

http://www.psychology48.com/deu/d/heuristiken/heuristiken.htm (Einführung)

http://www.psychologie-studium.info/dateien/ava_entscheiden.ppt (Einführung)

http://www.uni-bielefeld.de/ikg/zick/HEURISTIKEN.ppt (Einführung)

http://www.uni-kiel.de/psychologie/emotion/team/kaernbach/lehre/entscheidung/Heuristiken2.ppt (auch neuere Beispiele, etwas knapp)

http://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/enzykl_denken/Enz_06_Heuristiken.pdf (Gigerenzer: Denken und Urteilen unter Unsicherheit: großer Aufsatz, die Abbildungen fehlen)

http://edoc.bbaw.de/volltexte/2007/509/pdf/293V8Wkn8aLnA_509.pdf (Gigerenzer: kleiner Aufsatz)

http://library.mpib-berlin.mpg.de/ft/gg/GG_Rationalitaet_2011.pdf (Rationalität, Heuristiken und Evolution)

http://www.socialbehavior.uzh.ch/teaching/NeurooekonomieHS09/VL8_Heuristiken_Bias_update.pdf (Heuristiken und Bias)

http://www.youtube.com/watch?v=3qpyD3uv6OQ (Gute Intuition und Heuristik)

http://www.sedus.de/se/de/downloads/pdf-downloads/services/events/wag-07/Praesentation_Gigerenzer.pdf(Gefühltes Wissen… Intuition)

und zur Kritik an Gigerenzer: http://www2.hs-fulda.de/~grams/hoppla/wordpress/?p=314

http://www.slideserve.com/isaura/heuristiken (24 slides: einfach und klar)

http://socialcognition.wikispaces.com/Heuristiken+und+Biases (kurzer Aufsatz: 3 Heuristiken)

http://regierungsforschung.de/dx/public/article_popup.html?id=146 (Heuristiken bei polit. Entscheidungen)

http://www2.hs-fulda.de/~grams/Heuristik/Heuristik.htm (Beispiele, im Sinn von: schöpferisches Denken)

http://www.gefilde.de/ashome/vorlesungen/gzmadi/heuristik_problemloesen/heuristik_problemloesen.html (Mathe-Didaktik)

http://www.psychology48.com/deu/d/heuristiken/heuristiken.htm (dito)

http://www.mathematik.hu-berlin.de/~filler/lv_ph/sem-begabfoerd/Vortrag-Heuristik-Teiner-Hofholz.pdf (dito)

http://mathematik.ph-weingarten.de/~hafenbrak/docs/Problemloesen/Problem05.pdf (dito)

http://www.ra.cs.uni-tuebingen.de/lehre/ss03/vs_mh/mh-vorlesung.pdf (Moderne heuristische Optimierungsverfahren: Mathematik)

www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/lehre/denken.pdf(Joachim Funke: Denken – Vorlesung, 2007)