Hofmannsthal: Über Vergänglichkeit (Terzinen I) – Analyse

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen…

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Terzinen_%C3%BCber_Verg%C3%A4nglichkeit_%28I%E2%80%93IV%29

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/hofmannsthal/hvh.html#terzinen

http://aspektedergermanistik.blogspot.de/2012/01/hugo-von-hofmannsthal-1874-1929.html

Der biografische Hintergrund der Terzinen ist in dem unten genannten Wikipedia-Artikel dargestellt; die Terzinen sind im Sommer 1894 entstanden (Hofmannsthal war 20 Jahre alt), „Über Vergänglichkeit“ ist 1896 in Georges „Blätter für die Kunst“ veröffentlicht worden.

Bezugspunkt des Gedichtes ist der Tod einer Frau: sie. Davon geht der Ich-Sprecher aus; er erinnert sich, er fühlt noch das gerade Vergangene: „Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen“ (V. 1). Er erinnert sich an sein Spüren und weiß doch, dass sie unwiderruflich tot ist. Aus dieser Differenz zwischen Spüren und Wissen fragt das Ich: „Wie kann das sein…?“ (V. 2 f.) Es ist die Differenz zwischen der noch gespürten Nähe (V. 2) und dem Wissen: „für immer fort“ (V. 3). Im Reim ist es die Spannung zwischen dem Spüren „auf den Wangen“ / „ganz vergangen“ (V. 1/3).

In der 2. Strophe gibt das Ich seine hilflose Antwort: Die Tatsache der umfassenden Vergänglichkeit (V. 6) ist nicht zu fassen (V. 4) und nur zu beklagen (V. 5) – in einer Steigerung („viel zu grauenvoll“) wird das allumfassende Vergehen sogar über jedes Klagen erhoben. „grauen“: einen mit Schauer verbundenen sinnlichen Abscheu empfinden (Adelung, 1796); grauenvoll kann nur der unmittelbar erlebte Todesfall sein, die gedachte allgemeine Vergänglichkeit kann einen erschrecken lassen, ist aber nicht grauenvoll, entgegen dem Wort des lyrischen Ichs. Im Reim sind das Unverständliche („keiner voll aussinnt“, V. 4) und die Vergänglichkeit (V. 6: „gleitet und vorüberrinnt“) aufeinander bezogen. Der Bezug von V. 2 / 5 ist weniger offensichtlich; da muss man die ganzen Sätze mithören (daß diese nahe Tage fort sind / daß man klage), um den semantischen Bezug zu entdecken.

In den folgenden sieben Versen wendet der Sprecher die von ihm erkannte allgemeine Vergänglichkeit auf sich selbst an; aber seltsamerweise projiziert er sein Nichtsein nicht in die Zukunft, sondern sieht sein Ich-Etwas aus der Vergangenheit herübergleiten: aus ihm selbst als „einem kleinen Kind“ (V. 8), aus seinen verstorbenen Ahnen „im Totenhemd“ (V. 11). Damit wird unterstellt, dass „alles gleitet und vorüberrinnt“ (V. 6) und dabei nur seine Gestalt wandelt, nicht aber vergeht; „mein eignes Ich“ (V. 7) wird als etwas wenn auch Verwandeltes, so doch Beständiges empfunden bzw. gedacht. Das führt zu paradoxen Aussagen: „daß ich auch vor hundert Jahren war“ (V. 10), aber natürlich „Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd“ (V. 9) – so bleibt als Modus der Verbindung zwischen dem Ahnen-Ich und dem heutigen Ich die „Identität“ von mir und meinem eignen Haar (V. 12 und 13). Im Haar wird die Einheit von Identität und Fremdheit dargestellt.

Ehe wir uns den formalen Beobachtungen zuwenden, soll noch kritisch angemerkt werden, dass der junge Mann Hofmannsthal die eigene Sterblichkeit nicht zu denken wagt. In Nietzsches „Morgenröte“ (1881, Nr. 501) hätte er die Sterblichkeit der Seele ganz anders gedacht finden, in Goethes „Dauer im Wechsel“ die Vergänglichkeit auch über das jetzige Ich hinaus anschauen können.

Die Reime in V. 7-13 sind verschlungen, mit der einzigen Ausnahme der Waise in V. 8; sie ergeben aber kaum noch semantisch sinnvolle Bezüge. Vier Verse des Gedichtes sind echte Elfsilber (V. 1-3, 5), fünfhebige Jamben mit weiblicher Kadenz; die anderen Verse sind Zehnsilber, entsprechend mit männlicher Kadenz. Die Terzinenform erzeugt eine sprachlich-rhythmisch vermittelte Verbindung der Verse zu einem eingängigen Gedicht. Man muss es sprechen und hören (s. u. „Vortrag“), man muss es aber auch bedenken. Das Gedicht bezeugt, dass das Fin de siècle eine kulturelle Bewegung war, die den kulturellen Verfall zu ihrem Objekt machte (Wikipedia).

http://de.wikipedia.org/wiki/Gedichte_in_Terzinen (mit Text)

http://www.cicero.de/salon/terzinen-ueber-vergaenglichkeit/47922

http://www.dradio.de/download/106571/ (Unterrichtsentwurf)

http://www.deutschlandfunk.de/lyrix-unterrichtsmaterialien-juli-2009-deutsch-als.download.8402db702af395aa651c8650527121cf.pdf (dito)

Clemens Heselhaus: Deutsche Lyrik der Moderne, 1961, S. 73 ff.

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/terzinen.html (Fritz Stavenhagen: Terzinen)

http://www.youtube.com/watch?v=L8EmkAyjRTE (geflüstert, mit wilden Effekten)

http://media3.roadkast.com/sprechbude/hofmannsthal_ueber_vergaenglichkeit.MP3 (Kempkes)

http://www.youtube.com/watch?v=9-QG_GV-eME

http://www.youtube.com/watch?v=3UpnpNKGWJ0

http://www.youtube.com/watch?v=REV6Wl4XEfg (Kubinski, gesungen)

Sonstiges

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/lyrik/terzine.htm (Terzine)

http://www.lyrik-kalender.de/terzine.html (Terzine)

http://de.wikipedia.org/wiki/Fin_de_si%C3%A8cle (Fin de siècle)

http://complit.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/abt_complit/VOFramod01.pdf (dito, umfangreich)

https://norberto42.wordpress.com/2013/12/01/hofmannsthal-wir-sind-aus-solchem-zeug-wie-das-zu-traumen-analyse/ (Analyse: Terzinen III)