Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens – Rezension

52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen (Hanser 2011)

Nach Rolf Dobelli: Die Kunst des klugen Handelns (2012) habe ich das Vorgängerbuch gelesen: Die Kunst des klaren Denkens (2011). Denkfehler, im Unterschied zu Irrtümern, „sind systematische Abweichungen zur Rationalität“ (S. 2). Dobelli berichtet, wie ihm die Erkenntnis der Denkfehler im Geschäfts- wie im privaten Leben von Nutzen war: „Ich erkannte meine Denkfallen frühzeitig und konnte sie abwenden, bevor sie großen Schaden angerichtet hatten.“ (S. 3) Zugleich konnte er vermeiden, auf das falsche Denken anderer hereinzufallen… welch ein glücklicher Mensch! Ob der Leser sich zu den gleichen Erfolgen aufschwingen kann? Na ja, zumindest Dobelli hat mit seinen beiden Büchern zum Thema Erfolg.

Er will einen Beitrag zu einer „kalten“ Theorie der Irrationalität leisten (S. 214 ff.): „Das Denken per se ist nicht rein, sondern fehleranfällig. Und zwar bei allen Menschen.“ (S. 214) Das kommt daher, dass Denken ein biologisches Phänomen ist, das sich der Evolution verdankt: „Körperlich, und das schließt das Hirn mit ein, sind wir Jäger und Sammler in Hugo-Boss-Kleidern (oder H&M, je nachdem).“ Da sich aber die Umgebung, in der wir leben, massiv gegenüber der früheren verändert hat, kommt das alte Denken nicht immer damit zurecht: „Unsere Hirne sind auf Reproduktion angelegt, nicht auf Wahrheitsfindung. In anderen Worten Wir brauchen unser Denken primär, um andere zu überzeugen. Wer andere überzeugt, sichert sich Macht und damit Zugang zu Ressourcen.“ (S. 217)

Leistet Dobelli einen Beitrag zur kalten Theorie der Irrationalität? Es geht; das liegt nicht nur an der Form (52 Kolumnen zu je drei Seiten à 32 Zeilen, ursprünglich für eine Sonntagszeitung geschrieben), sondern auch am Inhalt. Manches, was Dobelli schreibt, ist trivial, manches seit langem bekannt, manches bemerkenswert – und manches wiederholt sich in den beiden Büchern. Trivial ist das, was er zum „Chauffeur-Wissen“ sagt („Schuster, bleib bei deinen Leisten!“), zum Auswahl-Paradox („Wer die Wahl hat, hat die Qual.“) oder zum Self-Serving Bias (Erfolge sich selber, Misserfolge anderen zuschreiben).

Seit langem bekannt ist das, was Dobelli zur „Regression zur Mitte“ (S. 73 ff.) schreibt; das ist nur ein Sonderfall der alten Regel: post hoc heißt nicht propter hoc! Der gleiche Denkfehler erscheint unter dem Namen Association Bias (S. 197 ff.) und „Falsche Kausalität“ (S. 153 ff.) noch einmal – was bei Sonntagskolumnen nach Wochen nicht auffällt, aber in einem Buch stört. Auch dass man sich nicht an die Dinge klammern soll (S. 93), predigen Religion und Philosophie sei Jahrtausenden. Und dass man eigene Erfolgsaussichten und eigene Fähigkeiten überschätzt (S. 5 ff. und S. 13 ff.), ist ebenfalls keine originelle Einsicht (und auch nicht evolutionspsychologisch zu erklären, sondern als egozentrische Blickverzerrung anzusehen). Dem kann jeder Leser leicht zustimmen.

Nennen wir auch einige der bemerkenswerten Einsichten: Warum haben die guten Schwimmer einen idealen Körperbau? „Ihr Körperbau ist Selektionskriterium, nicht das Resultat ihrer Aktivitäten.“ (S. 9) Dass der entgegenstehende Irrtum The Swimmer’s Body Illusion heißt, zeigt den episodischen Charakter der „Theorie“ der kalten Rationalität. Auch The Winner’s Curse ist bemerkenswert: Wer bei einer Versteigerung begehrter Güter siegt, zahlt vermutlich einen überhöhten Preis (S. 145 ff.); vielleicht hängt das damit zusammen, dass knappe Güter von uns übermäßig geschätzt werden (S. 113 ff.) – wozu das allerdings den Jägern und Sammlern nützen sollte, verstehe ich nicht. Social loafing nennt Dobelli die Tatsache, dass man sich in Teams (Gruppen) unter den anderen versteckt und weniger leistet (S. 137 ff.). Der entsprechende Irrtum steckt in den Lobeshymnen auf Team- und Gruppenarbeit. Dass die Orientierung am eigenen Nutzen „Die Tragik der Allmende“ (S. 73 ff.) ausmacht, ist wichtig, aber bekannt. Als Lösung gebe es dafür nur „Privatisierung oder Management. Was unmöglich zu privatisieren ist – die Ozonschicht, die Meere, die Satellitenumlaufbahnen -, das muss man managen.“ (S. 79) Richtig – aber leichter gesagt als getan!

Daneben gibt es manches, was unklar oder fragwürdig ist: Dass z.B. bei Elfmetern wirklich ein Drittel der Schüsse in der Mitte landet (S. 177) bezweifle ich – das ändert jedoch nichts daran, dass das in The Action Bias (S. 177 ff.) behandelte Problem existiert, dass man nämlich in problematischen Situationen eine schnelle Reaktion dem Abwarten und Nachdenken vorzieht; und das kann man sogar evolutionspsychologisch verstehen. Auf den Nachweis weiterer Unklarheiten (z.B. beim Verständnis der Formel carpe diem) verzichte ich. Es wäre mir lieber gewesen, deutsche Bezeichnungen statt der vielen englischen Fehlernamen zu lesen – Dobellis Ausrede von der jungen Wissenschaft (S. 219) ist zu simpel.

Alles in allem ein Buch, dessen einzelne Kapitelchen wertvoller sind als das Buch insgesamt. Da ich bereits eines der beiden Dobellibücher kannte, bin ich von diesem ein bisschen enttäuscht.

Wo es etwas systematischer zugeht:

http://www2.hs-fulda.de/~grams/dnkfln.htm (Timm Grams: Denkfallen und Paradoxa: „Eine Denkfalle tut sich auf, wenn eine Problemsituation einen bewährten Denkmechanismus in Gang setzt, und wenn dieser Denkmechanismus mit der Situation nicht zurechtkommt und zu Irrtümern führt.“ – viele Beispiele zu statistischen Paradoxa, dazu einige theoretische Aufsätze! Mit einem Link zum Aufsatz über Denkfallen http://www2.hs-fulda.de/~grams/Denkfallen/KlugIrren.pdf und „Das System der Denkfallen“ http://www2.hs-fulda.de/~grams/Denkfallen/SystemHaupt.htm)

http://www.hermannscherer.de/home/wp-content/uploads/2012/11/Denken-ist-dumm_BusinessBestseller.pdf (Hermann Scherer: Denken ist dumm, 2012, großes summary eines guten Buches)

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/psychologie-des-fehlermachens-irren-ist-nuetzlich-a-759346.html (Anna Gielas: Psychologie des Fehlermachens: Irren ist nützlich; mit Plädoyer für eine Fehlerkultur)

Vgl. auch meinen kleinen Aufsatz über Denkfehler mit Links!