Martin Urban: Wie die Welt im Kopf entsteht – Besprechung

Von der Kunst, sich eine Illusion zu machen, Berlin 2002

Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über sie.“ Dieser Satz Epiktets ist das Motto des Buchs von Martin Urban. Urban, Jahrgang 1936, Physiker und Sachbuchautor (Wissenschaftsjournalist), entfaltet diese Einsicht in der These, dass Bilder unser Leben bestimmen, dass sie uns beherrschen und dass wir uns von ihnen frei machen können. Das beginnt mit den Bildern, die wir uns von uns selber machen, geht über Reliquienverehrung und Werbung bis hin zu den Bildern, mit denen die Religionen (speziell das Christentum) die Menschen trösten und terrorisieren.

Urban ist Journalist und schreibt über vieles, von dem er notgedrungen nur wenig Ahnung hat. Seine Quellen sind nicht immer die besten. So beruft er sich für das Leben Jesu weithin auf den unbedeutenden Theologen Burton L. Mack; bei seinen Ausführungen über die Freiheit des Willens zitiert er „Spektrum der Wissenschaft“ 2001, Der Spiegel 2001, Die Welt 2001, Geo 2001, FAZ 2001, kosmos 2001 – das sind kein unseriösen Quellen, aber sie kommen über das Niveau „populärwissenschaftlich“ nicht hinaus, es sind bloß Zeitungs- und Zeitschriftenartikel von 2001: Urban wird damit dem Problem bzw. seiner heutigen Diskussion nicht gerecht. Richtig peinlich wird es, wenn er behauptet, zu Zeiten Karls des Großen habe man „noch nicht den Unterschied von plus und minus“ gekannt (S. 228) – ein Blick in den Wikipedia-Artikel „Mathematik im Alten Ägypten“ könnte ihn eines Besseren belehren. Auch was er zur Null sagt (S. 229 f.), ist nicht richtig, beinahe genauso falsch wie seine Leugnung der Subtraktion; auch seine Etymologie mancher Wörter ist mehr als zweifelhaft (heilig, S. 52; Narkose, S. 89).

Wenn man ein paar Kapitel des Buches gelesen hat, weiß man genug, wenn man nicht speziell an seinen (vereinfachten) religionskritischen Äußerungen interessiert ist (vgl. dazu kurz dieses Gespräch). Dann hat man begriffen, wie richtig der Satz Epiktets ist, auch wenn man noch nicht weiß, wie man sich von falschen Bildern befreit oder vor der Gefahr schützt, ihnen zu erliegen. Dazu müsste man sich u.a. mit dem befassen, was heute unter dem Stichwort Denkfehler oder kognitive Verzerrung verhandelt wird; vgl. auch mehrere kleine Beiträge über Metaphorik und Imagination in diesem Blog.

Ganz nett ist übrigens der Schnitzer, der ihm öfter unterläuft: wenn er zwischen den (falschen) Bildern und den Tatsachen unterscheidet – Tatsachen kann es nach seiner Theorie eigentlich nicht geben, nur Bilder von Tatsachen. Und er hätte auch einen Zeugen seiner Einsichten finden können, der schon lange vor Epiktet lebte, den großen Xenophanes: „Wenn aber Hände hätten die Rinder, Pferde oder Löwen, oder zeichnen könnten mit Händen und Standbilder wirken wie Menschen, zeichneten Pferde den Pferden, Rinder den Rindern gleich auch ihrer Götter Gestalt, und Körper bildeten sie so, wie auch selbst ihren Wuchs sie haben im einzeln.“ Vgl. zu Xenophanes auch http://www.antike-griechische.de/Vorsokratik-2.pdf (dort S. 5-8), http://www.vorgedacht.net/013-xenophanes/, http://de.wikipedia.org/wiki/Xenophanes. Über die Fragmente des Xenophanes wird man noch sprechen, wenn Martin Urbans Bücher längst verramscht und vermodert sind.

Zum Stichwort Imagination:

http://de.wikipedia.org/wiki/Imagination,

http://www.verena-kast.ch/Imagination.pdf,

http://www.popsci.com/science/article/2013-09/how-imagination-works,

http://www.newadvent.org/cathen/07672a.htm,

http://also.kulando.de/post/2006/12/30/ber_die_imagination,

http://also.kulando.de/post/2008/11/19/bild-bildwissenschaft-imagination-neue-links (Links).