Herman Koch: Angerichtet – Besprechung

Roman. Kiepenheuer und Witsch 2010

Von APERITIF, dem ersten Kapitel, geht es über alle Stationen des Essens bis zum TRINKGELD, dem letzten Kapitel: die Geschichte eines Abendessen der Brüder Lohmann mit ihren Frauen; Paul, ein vorzeitig pensionierter Lehrer, fühlt sich dort unwohl, während Serge, ein Politiker mit großartigen Aussichten, seinen Ruhm und das zu teure Essen genießt – falls er überhaupt genießen könnte. Mit den Augen Pauls, des Ich-Erzählers, erlebt man die kulinarische Demonstration des Oberkellners und den Bruder Serge als unangenehme Phänomene.

In die Geschichte dieses Abendessens werden verschiedene Vorgeschichten hineingeflochten: wie die halbwüchsigen Söhne der Brüder Lohmann eine betrunkene Obdachlose malträtiert und leichtfertig getötet haben; wie die Eltern dahintergekommen sind, obwohl die Aufnahmen einer Überwachungskamera unscharf sind; wie ein afrikanischer Adoptivbruder die beiden Jungen zu erpressen versucht, indem er ihre eigenen Filme auf youtube veröffentlicht; wie Paul wegen psychischer Probleme aus dem Dienst ausgeschieden ist; wie seine Frau Claire schwer erkrankt war und die Familie seines Bruder ihm „helfen“ wollte; wie dieser Bruder ein Ferienhaus in Frankreich bewirtschaftet und sich dort als reicher Niederländer unmöglich macht; wie es bei der Schwangerschaft Claires und der Geburt ihres Sohnes zuging…

Am Ende wird dann noch angedeutet, dass Claire ihren Schwager mit einem Weinglas so zurichtet, dass er die Pressekonferenz absagen musste, in der er die Taten ihrer Kinder gestehen und seinen Rückzug aus der Politik verkünden wollte; und die beiden Jungen haben offensichtlich ihren schwarzen Adoptivbruder gewaltsam beseitigt und so die Gefahr gebannt, dass sie als Täter eines Totschlags identifiziert werden. An dieser Stelle – und nicht nur an dieser – wird nicht genau erzählt, was wirklich geschehen ist, genau wie die Krankheiten Pauls und seiner Frau nicht näher erläutert werden: Der Ich-Erzähler will es einfach nicht sagen, es gehe andere nichts an (warum und wem erzählt er überhaupt?).

Ein spannender Roman, den ich innerhalb von zwei Tagen gelesen habe. Ich bin auf Herman Koch durch die große Reportage „Tiefseeltaucher“ von Holger Gertz in der SZ vom 11. November aufmerksam geworden. Dort wird Koch mit seinem Roman als 1+ bewertet; realistisch ist eine 2 bis 2-, würde ich sagen. Was mir vor allem fehlt: Der Totschlag wird gedeckt (und durch weitere Vergehen vertuscht), um die Familie des Ich-Erzählers zu schützen – aber es wird nicht erzählt, worin das Glück der Familie besteht oder zu bestehen scheint; denn dass Paul seiner Frau beim Gehen die Hand auf die Taille legt und sich per Blick mit ihr verständigen kann, ist wohl ein bisschen wenig, um den Status eine glückliche Familie zu dokumentieren. Oder sollte das schon alles sein?

Vermutlich muss man sich als Leser gegen den Ich-Erzähler wenden und sein Reden von der glücklichen Familie, die es zu erhalten gelte, als Sprüche eines selbstherrlichen Gewalttäters enttarnen, der sein egozentrisches Handeln vor sich selbst zu rechtfertigen weiß. Seine Frau unterstützt ihn darin, als sie ihren Sohn auf den Erpresser ansetzt und ihrem Mann bekennt, dass der rabiate Mann der ist, den sie liebt…

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/herman-koch-angerichtet-henkersmahlzeit-fuer-einen-lehrer-11014431.html

http://www.sueddeutsche.de/kultur/roman-angerichtet-das-schweigen-droehnt-1.1002264

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1258549/

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14773