Herman Koch: Sommerhaus mit Swimmingpool, 2011 – Besprechung

Wieder ein Buch von einem Mann, der „das Recht“ in die eigene Hand nimmt; der als Arzt bewusst einen Bekannten tötet, indem er eine Krebsgeschwulst aufschneidet, weil er ihn für den Vergewaltiger seiner Tochter hält – zu Unrecht, wie sich später herausstellt.

Der Roman beginnt mit einer illusionslosen, beinahe zynischen Beschreibung der Tätigkeit eines Hausarztes, erzählt in der Ich-Perspektive des Arztes Marc Schlosser, und einem Eklat beim Begräbnis des von ihm indirekt Ermordeten (Kap. 1). Danach wird in 48 Kapiteln die Vorgeschichte dieses Begräbnisses erzählt. Es ist die Geschichte der Verwicklung der Familien Schlosser und Meier, des Arztes und eines berühmten Schauspielers; Verwicklung insofern, als nicht nur die Kinder der beiden sich „nett“ finden, sondern auch die Männer die jeweils andere Ehefrau. Marc Schlosser hat es so eingerichtet, dass seine Familie bei einem Frankreichurlaub in der Nähe des Ferienhauses der Meiers zeltet und so unweigerlich die Einladung kommt, mit dem Zelt zu den Meiers zu ziehen.

Es folgen dann heftige Ferienerlebnisse, in die auch ein amerikanischer Regisseur verwickelt ist; der Urlaub nimmt ein plötzliches Ende, als die 14jährige Julia Schlosser in einer Nacht am Strand vergewaltigt wird und sich an nichts erinnern kann. Schlosser verdächtigt verschiedene Männer und nimmt sich das Recht, Meier an seinem Krebs beschleunigt sterben zu lassen. Am Ende stellt sich heraus, dass Julia nicht vergewaltigt worden ist, sondern sich freiwillig mit dem Klempner des Ortes abgegeben hat.

In Kapitel 50 springt die Erzählung wieder in die „Gegenwart“, was technisch nicht ganz gelingt, da anschließend das Heute des Erzählens (S. 12: „Jetzt sind wir anderthalb Jahre weiter…“) nicht konsequent aufgegriffen, sondern irgendwie fortgeführt wird: Schlosser ist vor die Ärztekammer geladen, weil sein „Kunstfehler“ aufgefallen ist; er gesteht seinem ehemaligen Professor seine Tat, ohne auf seinen Irrtum hinzuweisen, und bekommt von diesem den guten Rat, einfach zu verschwinden. Da der Termin vor der Ärztekammer verschoben wird, kann Familie Meier ungehindert nach Amerika in den Urlaub fliegen – und Kontakt zum Regisseur aufnehmen, der die beiden Töchter in Frankreich häufig fotografiert hat, mit ihnen auf facebook in Kontakt steht und sie als Models herausbringen will.

Ein Hintergrund des bisher Erzählten ist folgender: Julia hat vor der Kamera posiert; Julia ist dabei, sich vom Elternhaus zu lösen. Am Schluss wird es dann reichlich metaphorisch: Julia steht auf dem Springbrett eines Pools. „Wir sahen einander an. Erst sah ich in ihr das Mädchen. Dann sah ich in ihr die Frau. Dann stieß sie sich ab.“ (S. 346) Damit ihr Papa das verarbeiten kann, hat er allerdings Ralph Meier getötet; das war zwar ein Dreckskerl – aber doch ein Mensch.

Eine eigenständige Schicht des Romans ist die illusionslose Beschreibung der Sicht eines „Hausarztes“ auf das Gesundheitssystem und seine Kranken, ihre Körper, ihre realen oder eingebildeten Krankheiten: ein Dokument der Menschenverachtung. Ernüchternd.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1617100/  

http://www.ndr.de/kultur/literatur/buchtipps/nbsommerhaus101.html

http://freie-zeit.eu/2012/02/21/buchrezension-sommerhaus-mit-swimmingpool-von-herman-koch/

http://www.kult-literaten.de/sommerhaus (kritisch)

http://buchwelten.wordpress.com/2012/02/10/sommerhaus-mit-swimmingpool-von-herman-koch-45/

http://www.leselupe.de/blog/2011/11/24/herman-koch-sommerhaus-mit-swimmingpool/

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/sommerhausmit-r.htm u.a.