Hofmannsthal: Prolog (Einleitung) zu „Anatol“ – Analyse

Hohe Gitter, Taxushecken…

Text

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/hofmannsthal/hvh.html#anatol 

http://www.zeno.org/Literatur/M/Schnitzler,+Arthur/Dramen/Anatol/Einleitung

http://gutenberg.spiegel.de/buch/5378/2

http://depts.washington.edu/vienna/literature/hofmannsthal/hofmannsthal-anatol.htm (mit engl. Übersetzung)

Die Interpretation dieses 1892 entstandenen Gedichts bringt eine Reihe Fragen mit sich: Was bedeutet es, dass es das Vorwort zu Arthur Schnitzlers „Anatol“ ist? Wie steht es in der Tradition der „Garten“-Literatur? Was verdankt es dem Standort des Autors in der „Wiener Moderne“?

Beginnen wir mit der Wiener Moderne: „Wien war um 1900 das kulturelle Zentrum der multi-ethnischen österreichisch-ungarischen K.u.K.- Monarchie, die sich aufgrund nationaler, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Spannungen und Krisen in der Dekadenz befand. Motive und Themen der modernen Strömungen in Dichtung und Kunst der Jahrhundertwende waren die Krise der Sprache und des Bewußtseins, das komplexe Innenleben des Individuums, Zerfall, Dekadenz und Tod.“ (Sabine Mödersheim)

Erläuterungen zu Vers

1 Taxushecken: Die Gemeine Eibe (Taxus) ist eine typische Garten- und Parkpflanze; „Taxushecken“ haben etwas Vornehmes an sich (http://wordincontext.com/de/taxushecken).

3 Sphinxe: als Figuren in Parks des Adels

5 Kaskaden: Wasserfall in Form von Stufen

6 Tritonen: die Begleiter und Diener des Neptun, die zugleich mit den Nereiden, als den weiblichen Begleitern, neben seinem Wagen schwimmen und auf den Meermuscheln blasen – Brunnenfiguren

7 Rokoko: Stilrichtung der europäischen Kunst Mitte des 18. Jh.: zierlich-verspielt (s. Bilder zu Rokoko, z.B. http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/25592394)

8 Canaletto: Künstlername zweier Maler (Canal, Bellotto); Wiener Canaletto

16 Oleander: Gartenpflanze (http://de.wikipedia.org/wiki/Oleander)

20 Heroinen und Heroen: Gestalten der griechischen und römischen Mythologie, meist halbgöttlicher Herkunft – Figuren in Parks des Adels

29 Amoretten: kindliche Liebesgötter, meist nackte geflügelte Knaben

37 Monsignori: höhere katholische Geistliche, die eine violette Soutane oder Schärpe tragen

40 Abbati: Äbte (Klostervorsteher, entsprechen den Monsignori)

49 Winde: Einige Windengewächse werden als Zierpflanzen gezogen; die Ackerwinde ist nicht beliebt, „weil sie sich an Kultur- und Zierpflanzen emporrankt und mit ihrem eigenen raschen Wachstum deren Entwicklung hemmt“ (wikipedia)

54 Watteau: Antoine Watteau (1684-1721) war ein Maler des franz. Rokoko, s. dieses  oder dieses oder dieses Bild!

65 Agonie: Kampf, Todeskampf

69 galant: a) betont höflich und gefällig gegenüber Damen, b) ein Liebeserlebnis betreffend – passt zu den Kavalieren (V. 40)

74 Bologneser: ein Schoßhund; Madame de Pompadour, Katharina die Große und Maria Theresia besaßen Bologneser.

Aufbau des Textes

Der Sprecher scheint zunächst anonym zu sein und das Geschehen allwissend zu betrachten (V. 1 ff.); er wendet sich dann – vielleicht nur eine rhetorische Floskel – an ungenannte Zuschauer der Szene („Seht“, V. 8); schließlich erweist er sich als jemand, der zu den Figuren der Szene zählt („wir“, V. 48; „uns“, V. 57; „unser“, V. 58 ff.).

Der Blick auf einen Garten adeliger Kreise (Wappen, V. 2) kommt zuerst von außen und trifft die abgrenzende Hecke. Es wird beschrieben, wie sich die Tore öffnen (V. 4) und den Blick auf das Innere freigeben (V. 5 ff.). Es ist ein Rokoko-Park mit Brunnen, der dem Wien von 1760 zugezählt wird; vermittelt wird der Eindruck über die Nennung von Malern (Canaletto, V. 8; Watteau, V. 54).

Zunächst werden danach Teiche, Bäume und Figuren des Parks beschrieben (V. 10-25), ehe durch die Erwähnung von Musik die Gegenwart von Menschen angedeutet wird (V. 26-34). Es ist eine vornehme Gesellschaft; eigens genannt werden kokette Frauen und höhere Geistliche (V. 35-42), die parfümierten Sänften (V. 42) bezeugen den Charakter der Gesellschaft.

Es folgt eine Beschreibung dessen, was die Gesellschaft tut: Man hat ein Gerüst aufgeschlagen und mit Tapeten drapiert, auf welchen Schäferszenen dargestellt sind (V. 43 ff.): „Also spielen wir Theater“ (V. 57; V. 55-65). Die Theaterstücke haben es in sich, wie die ambivalente Charakterisierung (V. 59 ff.) zeigt; es sind „Böser Dinge hübsche Formeln“ (V. 62), Agonien stehen neben Episoden (V. 65) – hier sieht man, was in die Wieder Moderne gehört. Die Anteilnahme der Zuschauer wird kurz erwähnt (V. 66-69), ehe die Beschreibung der Szene mit einem Blick auf die Natur endet (V. 70-74).

Durch die Hecke ist diese verwöhnt-dekadente Gruppe von den arbeitenden Bürgern abgetrennt; sie lebt noch halb in der Vergangenheit (Rokoko) und beschäftigt sich damit, nutzlose Spiele zu betreiben und halb ernst, halb unernst sich in den eigenen Gefühlen zu bespiegeln. Dirk Niefanger hat „Raum und Landschaft in der Wiener Moderne“ untersucht (dort S. 74 ff.).

Form

Die 74 Verse sind in einem vierhebigen Trochäus abgefasst, reimlos und ruhig dahinfließend. Oft stehen im Text drei Punkte (V. 4, 8, 10 usw.), wodurch eine kleine Pause bezeichnet wird; der Sprecher scheint ein wenig zu träumen oder seinen Blick auf einem Detail ruhen zu lassen. Die kleinen Einschnitte im Aufbau werden immer durch drei Punkte bzw. einen Gedankenstrich (V. 4) angezeigt. Was man von der Wortwahl zu sagen geneigt ist, gehört eher in das beschriebene Geschehen: Eine Gruppe vornehmer, reicher und untätiger Menschen hat sich in einem alten, gepflegten Schlosspark zu galantem Zeitvertreib getroffen.

Das Gedicht als Prolog des Schauspiels „Anatol“ soll „die Stimmung darstellen, die auch in Anatol herrscht. Dies ist die Oberflächlichkeit und die Welt als Theater, in der sich die Leute gegenseitig etwas vorspielen“ (wikipedia, Art. „Anatol“).

Garten

http://www.navigare.de/hofmannsthal/zerebin.htm („Garten“ bei HvH)

http://www.ananieva.de/pdf/ananieva_art_garten.pdf („Garten/Park“)

http://www.derkleinegarten.de/kunst_und_religion.htm (Garten in Kunst und Religion)

http://www.bibelkommentare.de/index.php?page=dict&article_id=151 (Eden, der Garten)

Wiener Moderne

http://www.austria.gv.at/2004/4/15/wiener_moderne.pdf (umfangreich)

http://community.eduhi.at/download.php?id=367019&folder=99785

http://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Moderne

http://www.helpster.de/wiener-moderne-die-epoche-anschaulich-erklaert_208986

http://lav-kurs.beepworld.de/wienermoderne.htm (Schülerarbeiten)

http://www.psychoanalyse-literatur.de/index.php?id=5

http://www.pf.jcu.cz/stru/katedry/nj/doc/Wiener_Moderne.pps (mit Bildern)

http://german.lss.wisc.edu/~smoedersheim/gr711wm/ (Bilder)

Schnitzler: Anatol

http://de.wikipedia.org/wiki/Anatol_%28Schauspiel%29 (Inhalt)

http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/files/13965/06_VO_6_Schnitzler.pdf

http://aspektedergermanistik.blogspot.de/2012/01/arthurs-schnitzlers-anatol-als.html

http://www.uni-due.de/imperia/md/content/genderportal/vanessa_tr__sch_neu.pdf (Die Frau bei Schnitzler)

http://www.gestalttherapie.at/downloads/gt08_vortrag_dorit_warta.pdf (Schnitzlers Herren)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/5378/1 (Text des Schauspiels)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Schnitzler,+Arthur/Dramen/Anatol (dito)