Hofmannsthal: Weltgeheimnis – Analyse

Der tiefe Brunnen weiß es wohl…

Text

http://hor.de/gedichte/hugo_von_hofmannsthal/weltgeheimnis.htm

http://de.wikisource.org/wiki/Weltgeheimnis

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/hofmannsthal/hvh.html#geheimnis

http://www.noltex.de/dichtung/5105059bd90989c07/5105059bd90b280a9/index.html

Im Wiki „Sprachkritik; Sprachskepsis; Sprachnot“ wird das 1894 entstandene, 1896 veröffentlichte Gedicht „Weltgeheimnis“ als Beleg für besagtes Phänomen aufgeführt; aber damit ist es noch nicht verstanden – im Gegenteil: Wie im Chandos-Brief wird hier versucht, eine neue Sprache zu finden oder zu begründen. Hier kommt einiges zusammen, was sorgsam aufzuhellen ist: die Rede vom Weltgeheimnis, das Symbol des wissenden Brunnens und ein raunendes Sprechen.

Was meint „Weltgeheimnis“? Ich verstehe es als das Unsagbare, was manche auch das Göttliche nennen. Da das Weltgeheimnis „die Sache“ ist, um die es geht, habe ich eine Reihe Links unter den Suchworten „das Unaussprechliche“ und „das Unsagbare“ gesammelt, teils triviale, teils sorgfältig bedachte Texte. Wo nicht „das Göttliche“ selbst gemeint ist, nennt man das entsetzliche Leiden zum Tod und den Verlust der Liebsten unsagbar.

Wieso weiß der tiefe Brunnen von dem, wovon die Menschen nur ahnend sprechen können? Spätestens hier (wenn nicht schon beim Namen „Weltgeheimnis“) beginnt das Raunen des lyrischen Ich-Sprechers („in unsern Worten“, V. 19): Der Brunnen ist ein Symbol. Daniela Gretz nennt in ‚Metzler Lexikon literarischer Symbole’ als Kern des Symbols „das zu Tage geförderte Wasser als Symbol des Ursprungs und Lebens“ (Art. „Quelle/Brunnen“), sodann die Funktion des Brunnens als Begegnungsstätte. Im Einzelnen zählt sie folgende Aspekte auf: 1. Symbol des Ursprungs, des Lebens, der Weisheit und des Schicksals; 2. Symbol der (erotischen) Begegnung und der Sehnsucht; 3. Symbol der Läuterung, Reinigung, Heilung und Verwandlung; 4. Symbol der dichterischen Inspiration; 5. Symbol des Unbewussten. Für uns sind die 1., 4. und 5. Bedeutung von Interesse; im Verlauf des Gedichts kommt auch die 2. Bedeutung ins Spiel. Wenn man den Selbst-Bezug (5. Bedeutung) ernst nimmt, kommt auch die 3. Bedeutung zum Tragen: als Möglichkeit einer Heilung und Verwandlung aus dem Wissen des Brunnens.

Der Aufbau des Gedichts ist in der ersten Analyse (s.u.) i.W. zutreffend beschrieben; allerdings würde ich den Abgesang (7., 8. Str.) noch einmal aufteilen: In den beiden ersten Strophen wird das gegenwärtige Sprechen der Unwissenden dem früheren allgemeinen Wissen (und Schweigen) gegenübergestellt. Die beiden Zustände sind im Wissen des tiefen (!) Brunnens heute (V. 1) miteinander verbunden (früher waren alle tief, V. 2). Im Mittelteil wird eine mythische Geschichte erzählt, wie das Wissen aus dem Brunnen über einen erleuchteten Mann und sein wirres Sprechen, vermittelt über Spiegel und Kind, in der Liebe einer Frau wieder als „tiefe (!) Kunde“ (V. 16) in die Welt kommt, freilich nur geahnt (V. 17, 18). In der 7. Strophe wird die „normale“ Existenz dieses Liebes-Wissens in der Welt beschrieben: Es ist in unseren Worten (V. 19), die allerdings nur wie Zauberworte nachgelallt und nicht begriffen sind (V. 4 f.). Die 7. Strophe entspricht also der 2., wie ja auch die 8. der 1. entspricht (formale Wiederholung in V. 22 f.; Gegensatz einst/nun in V. 24 wie vorher in den beiden ersten Strophen).

In den vorliegenden Analysen wird hinreichend deutlich, wie viele semantische Unbestimmtheiten sich im raunend-ahnenden Sprechen finden, womit der Sprecher über ein tieferes Wissen zu verfügen suggeriert. Ausdrücklich möchte ich nur auf den Mann hinweisen, der sich in den Brunnen bückt und das Weltgeheimnis begreift (3. Str.) – was hat er „in Wirklichkeit“ gemacht? Wir wissen es nicht. Und wie konnte er sein Wissen verlieren? Wir wissen es nicht. Und wie kann das verlorene Wissen in seinem irren Lied fortleben? Was kann der Spiegel eines Liedes sein? Wie kann ein Kind entrückt werden? Das Motiv des Blicks in den Spiegel als Medium undeutlicher Erkenntnis finden wir schon in 1 Kor 13; dort ist es aber einfach dem direkten Schauen entgegengesetzt; bei Hofmannsthal finden wir das völlig surreale Bild des Spiegels eines Liedes (V. 10 f.). Deutlich ist hier nur das Ende des Wissensweges: die in der Liebe ahnend erfahrene „tiefe Kunde“ (6. Str.).

Für weitere Einzelheiten verweise ich auf die vorliegenden Analysen. Zur Form ist kurz zu sagen, dass die Verse aus vierhebigen Jamben bestehen; an entscheidenden Stellen wird jedoch die erste Silbe betont (V. 2, 9, 23, 24, auch 20). Die drei Verse einer Strophe sind keine echten Terzinen, weil der Reim nicht über die einzelne Strophe hinausweist; dass sich nur die beiden letzten Verse einer Strophe reimen, gemahnt an die „Zauberworte, nachgelallt“ (V. 4).

Zu fragen bleibt, woher der ungenannte Ich-Sprecher des Gedichts sein Wissen um das Geschick des Weltgeheimnisses bezieht. Genügt es, aus den Ahnungen der Liebe (6. Str.) und einzelnen Erleuchtungen (3. Str.), verbunden mit der Erfahrung eines Mangels (2. und 7. Str.), auf die Existenz eines ursprünglichen Wissens zu schließen? Kann das jeder, oder beansprucht der Sprecher eine Erleuchtung, von der er jedoch schweigt?

P.S. Man könnte von dem Mann, der irr redete und ein Lied sang (V. 10), annehmen, dass er die den Menschen gemäße Weise gewählt hat, vom Unsagbaren zu sprechen – er hätte das Weltgeheimnis also gar nicht verloren, entgegen dem Sprecher des Gedichts (und seinem Autor).

Einen Hinweis verdient auch das Motto von Robert Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (1906): „Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam. Wir glauben in die Tiefe der Abgründe hinabgetaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an unseren bleichen Fingerspitzen nicht mehr dem Meere, dem er entstammt. Wir wähnen eine Schatzgrube wunderbarer Schätze entdeckt zu haben, und wenn wir wieder ans Tageslicht kommen, haben wir nur falsche Steine und Glasscherben mitgebracht; und trotzdem schimmert der Schatz im Finstern unverändert.“ [Maurice Maeterlinck: Le Trésor des humbles, 1896]

Analysen

http://userpage.fu-berlin.de/~mertins/haus.htm

http://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/crcl/article/download/2253/1659 (als Beispiel indischer Metaphysik bei Hofmannsthal)

http://trace.tennessee.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=3006&context=utk_gradthes (dort S. 32 ff. – im Zusammenhang mit Novalis: Die Lehrlinge zu Sais, und dem Chandos-Brief)

http://johannesklinkmueller.wordpress.com/2009/06/14/wie-liebe-tiefe-kunde-gibt-uber-hugo-von-hofmannsthals-weltgeheimnis/ (tiefsinnig-frommes Gerede)

Tobias Heinz: Hofmannsthals Sprachgeschichte, S. 242 ff. – leider unvollständig

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/weltgeheimnis.html (Fritz Stavenhagen – gut)

http://www.youtube.com/watch?v=MxR_YuRsiZA

Das Unaussprechliche, das Unsagbare

http://druiden.de.tl/Das-Unaussprechliche.htm

http://www.wortblume.de/dichterinnen/heigeiei.htm

http://www.zeno.org/Literatur/M/Angelus+Silesius/Gedichte/Cherubinischer+Wandersmann/Viertes+Buch/9.+Das+Unaussprechliche

http://www.uni-kassel.de/hrz/db4/extern/dbupress/publik/abstract.php?978-3-86219-424-7

http://wittgensteinrepository.org/agora-alws/article/view/2766/3255 (Florian Franken: Über das Unaussprechliche beim frühen und späten Wittgenstein)

https://also42.wordpress.com/?s=%C3%BCber+das+unaussprechliche

https://norberto42.wordpress.com/2013/04/11/hofmannsthal-ein-brief-des-lord-chandos-inhalt-links-zum-verstandnis/ (Hofmannsthals Chandos-Brief)

http://www.byak.de/media//DasUnsagbaresagen_DAB_06_2010_Seite_8_9.pdf

http://www.uni-trier.de/fileadmin/fb2/SIN/Pohl_Publikation/das_unsagbare_sagen.pdf 

http://sammelpunkt.philo.at:8080/677/1/SagenZeigenBeobachten.pdf

http://www.youtube.com/watch?v=V_I1An7IxYM

http://www.ardmediathek.de/bayern-2/evangelische-perspektiven-bayern-2?documentId=17924666

http://www.akademie-rs.de/fileadmin/user_upload/download_archive/religion-oeffentlichkeit/100809_splett_wort.pdf

http://www.goethe.de/kue/tut/tre/de3745546.htm

Sonstiges

http://www.nthuleen.com/papers/150midterm.html (N. Thuleen: Hofmannsthal und Hauptmann)

http://de.wikipedia.org/wiki/Brunnen_als_Motiv (Brunnen als Motiv)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Brunnen (dito)

http://de.wikipedia.org/wiki/Am_Brunnen_vor_dem_Tore („Am Brunnen vor dem Tore“)

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