Hofmannsthal: Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen – Analyse

Terzinen III

Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1486

http://de.wikisource.org/wiki/Terzinen_%C3%BCber_Verg%C3%A4nglichkeit_%28I%E2%80%93IV%29

http://www.lyrik123.de/hugo-von-hofmannsthal-wir-sind-aus-solchem-zeug-wie-das-zu-traeumen-terzinen-ueber-vergaenglichkeit-iii-11807/(richtig: III statt IV)

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/hofmannsthal/hvh.html#terzinen

1894 ist das Gedicht entstanden, Erstdruck in 1895 in »Pan«. In anderen Ausgaben ist es als Teil III der Gruppe »Terzinen« erschienen.

Der rätselhafte erste Vers zitiert Shakespeare „Der Sturm“ IV/1, 156-158: „We are such stuff / As dreams are made on; and our little life / Is rounded by a sleep.“ Das sagt in Shakespeares Stück der Zauberer Prospero zu Ferdinand, dem Bräutigam seiner Tochter Miranda, im Rückblick auf sein Zauberspiel, dass der ganze Erdball sich ebenso wie dieses auflösen und spurlos verschwinden werde. Hofmannsthal verwendet das Zitat in Anlehnung an die schlegelsche Übersetzung (»Wir sind solcher Zeug, / Wie der zu Träumen, und dies kleine Leben / Umfaßt ein Schlaf.«). Bei Hofmannsthal verschiebt sich allerdings gegenüber Shakespeare der Fokus vom Leben als Traum zum Wesen unserer Träume.

Über den Traum als literarisches Symbol schreibt Christiane Frey (in: Metzler Lexikon literarischer Symbole, 2008): „Symbol einer höheren Offenbarung, der Seele, des Gewissens und des Unbewussten, des Vergänglichen und der Täuschung sowie der Poesie. – Relevant für die Symbolbildung sind (a) die enigmat. und surreale Bildhaftigkeit des T., (b) sein flüchtiger und irrealer Charakter und (c) die Verbindung mit Nacht und Schlaf.“

Entgegen der gängigen Tendenz, das menschlichen Leben als einen Traum zu verstehen (Herder: Ein Traum ist unser Leben), geht es in Hofmannsthals Gedicht um die Träume selbst und ihre Verbindung zu uns. Diese Verbindung wird in V. 1 als eine substanzielle dargestellt: Ein ungenannter Sprecher meditiert über die Träume und spricht über die uns Menschen gemeinsamen Traumerfahrungen („wir“, V. 1 ff.). Er beginnt mit der Beschreibung dessen, wie Träume auftauchen (V. 2-6). Diese Beschreibung lebt von den Vergleichen, wie ja bereits in V. 1  die Verbindung zu den Träumen im Vergleich hergestellt wird. Diese Vergleiche machen aber nichts „deutlich“, sondern stellen traumhafte Verbindungen her: wir und die Träume (V. 1), Träume schlagen die Augen auf (Personifikation!) wie kleine Kinder (V. 2 f.), sie tauchen wie der Vollmond aus den Kirschbäumen auf (V. 4-6) – kurz, sie tauchen irgendwie auf.

Diese Vergleiche mit dem Kind und dem schwebenden Vollmond werden in Str. 3 wieder aufgenommen: So leben sie (V. 7). In der 4. Strophe wird ihre besondere Potenz gepriesen: „Das Innerste ist offen ihrem Weben“ (V. 10). Diese eigentümliche Macht der Träume ist es, die nicht nur diesen Dichter des Symbolismus fasziniert: dass wir im Traum Zugang zum Weltgeheimnis finden („Der tiefe Brunnen weiß es wohl…“); im folgenden Vergleich werden wir als versperrter Raum gesehen, in dem die Träume „wie Geisterhände“ durch die Sperren hindurchgreifen (V. 11, wieder ein Vergleich).

Im Schlussvers verzichtet der Sprecher auf Vergleiche und spricht dadurch erst recht rätselhaft: „Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.“ (V. 13) Wenn ich diesen rätselhaften Vers überhaupt „verstehen“ will, muss ich diese mystische Einheit so differenzieren, dass dem Menschen im Traum „ein Ding“ präsent ist, dass der Mensch sozusagen in das Ding hineinschlüpfen kann; einfacher wird es, wenn wir „ein Ding“ als eine Aufgabe oder Idee ansehen, der sich ein Mensch hingibt: Dann ist ihm dieses Ding ein Traum, sein Leben steht unter einem Traum. Die einleitende Formel „drei sind eins“ greift auf die christliche Formel von der Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit Gottes zurück: „In der christlichen Dogmatik bezeichnet man mit diesem Worte die Eigenschaft der Gottheit, nach welcher die drei Personen, Vater, Sohn und Geist, nur Ein Wesen ausmachen.“ (Damen Conversations Lexikon, 1834) Hofmannsthals Sprecher bleibt genauso bildhaft-unverständlich wie das christliche Dogma, er legitimiert so sein dunkles Sprechen.

Zu den Vergleichen kommt in diesem rätselhaften Sprechen die Form der Terzinen hinzu, in der die einzelnen Verse über die Strophengrenzen hinaus miteinander verbunden werden: a – b – b / b – c – b / c – d – c / e – f – e / f. Terzinenverse sind so wie Leben und Traum ineinander verschlungen. Die letzte f-Silbe, das Schlusswort, ist „Traum“. Fünfhebige Jamben bestimmen den Rhythmus; die a- und d-Reime haben eine zusätzliche Silbe, also eine weibliche Kadenz, was den Sprechfluss bremst. In V. 4, V. 8 und V. 11 geht der Satz übers Versende hinweg, was das Sprechen beschleunigt.

Die geheimnisvolle Traumhaftigkeit des Lebens, die tiefe Lebendigkeit der Träume ist ein bezeichnendes Motiv des symbolistischen Dichtens, vgl. Ein Traum von grosser Magie!

Analysen

http://de.wikipedia.org/wiki/Gedichte_in_Terzinen (Entstehung)

http://prezi.com/us8sfuxwplrs/hugo-von-hoffmansthal-terzinen-uber-verganglichkeit/ (einige Andeutungen)

Clemens Heselhaus: Deutsche Lyrik der Moderne, 1961, S. 73 ff.

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/terzinen.496.html (F. Stavenhagen, mit Text)

Sonstiges

http://www.seminarhaus-schmiede.de/pdf/traumarbeit.pdf (kreative Traumarbeit)

https://norberto42.wordpress.com/2013/10/26/symbolismus-deutscher-und-franzosischer/ (Symbolismus)

https://norberto42.wordpress.com/2013/11/30/hofmannsthal-weltgeheimnis-analyse/ (Analyse „Weltgeheimnis“)

https://norberto42.wordpress.com/2013/10/24/hofmannsthal-uber-verganglichkeit-terzinen-i-analyse/ (Analyse: Terzinen I)