Hofmannsthal: Der Jüngling in der Landschaft – Analyse

Die Gärtner legten ihre Beete frei…

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Der_J%C3%BCngling_in_der_Landschaft

http://gutenberg.spiegel.de/buch/1003/24

Dieses 1896 entstandene Gedicht Hofmannsthals klingt in einem ganz neuen Ton, wenn man es mit vorher geschriebenen vergleicht: Da ging es um Träume, um das Weltgeheimnis, um Todesnähe („Erlebnis“) und das Leben als ein leichtes, oberflächliches Spiel („Hohe Gitter, Taxushecken“); hier dagegen ist „dienen“ das beherrschende Stichwort, genauer: die Freude daran, dass ein junger Mensch dienen darf.

„Dienen dürfen“ widerspricht dem normalen Empfinden; dieses sieht Dienen als ein „Müssen“, dem dann ein Lohn folgt. So sagte schon Jakob zu seinem künftigen Schwiegervater: „Ich will dir um die jüngere Tochter Rahel sieben Jahre dienen.“ (Gen 29,18) Im Christentum tauchte dann ein neues Pathos des Dienens auf, dass sich an der Gestalt Jesu Christi orientierte: „… wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein […]. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,43-45 in Abgrenzung gegen das Streben nach Herrschaft und Unterdrückung, Mk 10,42 bzw. Mk 10,35 ff.) Schließlich gehen ineinander, dass der rechte Christ Gott, dem Herrn Jesus und dem Nächsten bzw. den „Brüdern“ (und Schwestern) dient. [In diesem Pathos des Dienens wird überspielt, dass es natürlich auch Nutznießer des Dienens gibt, dass also neue Herren von diesem Dienen profitieren – aber das soll hier ausgeklammert bleiben.]

Wenn man die deutschen Sprichwörter zum Dienen befragt, erhält man eher skeptische Antworten. Im normalen Sprachgebrauch gibt es die Variante, dass von „dienen“ „In edlerem Verstande“ die Rede ist: „eines andern Geschäfte ausrichten, eines andern Nutzen befördern, so wohl gegen eine gewisse Vergeltung, als auch aus andern Verbindlichkeiten“ (Adelung), was besonders von Kriegsdiensten und der Verwaltung kirchlicher Ämter gilt. Von den im Deutschen Wörterbuch angegebenen Bedeutungen kommt hier am ehesten die 4. in Frage: „wolwollend, liebreich, hilfreich, gefällig sich erweisen, ohne dazu verpflichtet zu sein“ (DWB); in 5.b. finden wir: „bei einem übertragenen amt, in einem übernommenen geschäft. er hat dem könig, dem staat, der kirche treu gedient.“

Aufbau: Zunächst wird im Gedicht Hofmannsthals eine Landschaft im Frühling beschrieben; die Beete werden freigelegt, der Blick geht frei ins Weite (V. 1, 6), neue Blumen duften (V. 4 f.). „Durch diese Landschaft ging er langsam hin Und fühlte ihre Macht und wußte – daß Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen.“ (V. 9-11) Dieser Jüngling („Der Jüngling“, Überschrift) ist von einem ungeheuren Sendungsbewusstsein erfüllt; er entscheidet Weltgeschicke, er lebt aus der Kraft der jungen Frühlingslandschaft. Wohin geht er? Er steht an einer Schwelle seines Lebens (V. 13), er geht auf fremde Kinder zu (V. 12); er ist bereit, „Ein neues Leben dienend hinzubringen“ (V. 14, vgl. die Verstärkung in V. 22). In seinem Sendungsbewusstsein lässt er leicht die normalen jugendlichen Liebeshoffnungen und –wünsche hinter sich (V. 15-18, V. 21), obwohl sie ihm nicht fremd sind – seinem Sendungsbewusstsein werden sie zum „nichtigen Besitz“. In den beiden ersten Strophen wird „Der Jüngling in der Landschaft“ beschrieben (zuerst die Landschaft, dann der Jüngling in ihr); in der dritten Strophen wird die seelische Disposition der Jünglings beschrieben (positiv V. 12.14, negativ V. 15-19), ehe in der vierten Strophe die Frühlingskräfte (Duft der neuen Blumen, die neue Luft) als seine Kraftquellen herausgestellt werden, die ihn befähigen, Freude am Dienendürfen zu haben.

Kurz ein paar Worte zur Form, ehe wir uns noch einmal mit diesem Jugend-Dienst und seiner Eigenart befassen: Der Sprecher ist ein allwissender Erzähler (V. 10, V. 15, V. 22), der voller Wohlwollen auf den Jüngling blickt; er spricht ruhig, auch wenn er gelegentlich den Satz übers Versende hinaus zieht, in fünfhebigen reimlosen Jamben; die Kadenzen sind teils männlich, teils weiblich. In den beiden letzten Versen, vielleicht auch in V. 4 ist gegen den Takt die erste Silbe betont. Die Strophen sind unterschiedlich lang.

Dieser Jüngling ist anders als die jungen Menschen bei Goethe, die im Frühling gerade die Liebe erleben („Maifest“ – aber bereits anders die Abfolge im Gedicht „Ein zärtlich jugendlicher Kummer“), anders aber auch als die Schüler bei Hofmannsthals Zeitgenossen Wedekind, die an ihrer Jugend leiden („Frühlings Erwachen“). Hofmannsthals Jüngling lässt das alles hinter sich; er tut den entscheidenden Schritt über die Schwelle zum reifen Erwachsenen (siehe die Suchworte „Schwelle – Initiation“ bei google). Sein Dienst ist aber auch nicht der Dienst, wie er jungen Erwachsenen in Preußen als Ideal eingeimpft wurde: Dienst für den König und fürs Vaterland. Er geht vielmehr auf fremde Kinder zu (V. 13), wobei er nicht weiß, was auf ihn zukommt (V. 13). Doch mit seinem neuen Leben (V. 14) passt er in die Frühlingslandschaft mit ihren neuen Blumen (V. 4) und der neuen Luft (V. 20).

Ob zu dieser Konzeption des reifenden Jünglings Linien vom „jungen Wien“ oder vom „Jugendstil“ hinführen, kann ich nicht beurteilen. Ich verweise dazu auf die Vorstellung Hofmannsthals in der Uni Duisburg und auf Ferdinand Hodlers Bild „Jüngling, vom Weibe bewundert“: „Berauscht davon [von Hofmannsthals Gedichten, N.T.] reiste der deutsche Dichter Stefan George 1891 eigens nach Wien, um einen Bundesgenossen für sein eigenes – antinaturalistisches – Schreibprogramm, die Erneuerung der deutschsprachigen Literatur aus dem Geiste des der Romantik und des französischen Symbolismus, zu gewinnen Im Schnittpunkt gemeinsamer Interessen, besonders bei der Zusammenarbeit in der Zeitschrift Blätter für die Kunst, fanden die beiden Dichter für eine Weile zusammen; menschlich hielten sie lebenslang Distanz. Ein zweiter Entdecker Hofmannsthals war der Wiener Kunstkritiker Hermann Bahr. Als er ihn im Kaffeehaus kennen lernen sollte, erwartete er einen alten, lebenserfahrenen Herrn – und traf zu seiner Verblüffung einen siebzehnjährigen Jüngling. „Jung“ wurde zum Synonym für „modern“, und nicht zufällig ist „Das junge Wien“ der (nachträgliche!) Sammelbegriff für eine ganze Reihe von – nicht notwendig biologisch, wohl aber ‚mental‘ – jugendlichen Autoren geworden. Sie selbst verstanden sich nicht als Gruppe, aber doch als Repräsentanten einer „neuen“ Kunst und Kultur, für die Friedrich Nietzsche wichtige Impulse geliefert hatte.“ (https://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/ausblick/hofmannsthal.htm)

Jüngling, vom Weibe bewundert – ein Bild Ferdinand Hodlers (1903/4), oder hier

Als älterer Herr denke ich an das Pathos meiner eigenen Jugend zurück, das anders als das heutige Streben nach „Selbstverwirklichung“ auch ein Pathos des Dienens war, welches dann in der katholischen Kirche heftig ent-täuscht wurde. Anderseits weiß ich jedoch, dass man sich selbst finden kann, wenn man sich an einer Aufgabe abarbeitet; cum grano salis verweise ich auf das, was Arnold Gehlen über „Persönlichkeit“ geschrieben hat („Die Seele im technischen Zeitalter“).

Vortrag

http://gedichte.xbib.de/mp3-audio_Hofmannsthal_Der+J%FCngling+in+der+Landschaft.htm (Ole Irenäus Wieröd)

http://www.youtube.com/watch?v=bJsmHQgFN9o (Wortmann)

http://www.youtube.com/watch?v=CwadGY5tpmo (Patrick B.)

Sonstiges

http://www.leopoldmuseum.org/de/sammlung-leopold/schwerpunkte/wien1900undjugendstil (Wien 1900 und Jugendstil

http://www.youtube.com/watch?v=RzdoN_8HWKo (Film dazu)

http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.j/j817307.htm (Jugendstil)

http://www.my-entdecker.de/europa/oesterreich/wien/wien-und-sein-jugendstil/7458?cw=la1i (Wien und sein Jugendstil)