Hofmannsthal: Manche freilich – Analyse

Manche freilich müssen drunten sterben…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1415

http://de.wikisource.org/wiki/Manche_freilich

http://harpers.org/blog/2007/11/hofmannsthals-manche-freilich/ (mit engl. Übersetzung)

http://colecizj.easyvserver.com/pghofman.htm (dito)

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.eb&&ds=2588&id=3217&add=erles&start=0 (Geschichte der Editionen; Kommentare 1984)

In den beiden ersten Strophen des 1895/96 entstandenen Gedichts werden zwei Gruppen von Menschen einander gegenüber gestellt: manche / andere (V. 1-10). Manche sind „drunten“ (V. 1), andere „droben“ (V. 3); die einen liegen (V. 5 f.), die anderen sitzen (V. 7 ff.). Der Sprecher meldet sich erst später als „ich“ zu Wort (V. 16); durch die Partikel „freilich“ (V. 1) wird der Eindruck erweckt, er antworte einem Partner und müsse diesem auf seine letzte Bemerkung hin zugeben, dass manche drunten sterben. „Freilich“ ist „ohne Zweifel eine elliptische Art des Ausdrucks, welche ungefähr so viel bedeutet: daß ich es frey gestehe“ (Adelung).

Das Bild ist das eines antiken Schiffs, wo unten die Galeerensklaven rudern, während oben die Herren leben und kommandieren (lenken, steuern). Sie sind durch ihr Wissen ausgezeichnet, sie „kennen“ den im Vogelflug gedeuteten Willen der Götter. Was „die Länder der Sterne“ (V. 4) sind, ist nicht eindeutig bestimmt; es könnte sein, dass Vogelflug und Sternenländer einfach für Vögel und Sterne steht: für das, was oben an Deck zu sehen ist, während die Sklaven unten eingepfercht sind. Das Schiff ist eine alte Metapher des Staates, zugleich ist die Schiff-Fahrt ein Symbol des menschlichen Lebens und seiner Unwägbarkeiten.

In der 2. Strophe wird die Beschreibung der Zweiklassengesellschaft fortgeführt, wenn auch die Einheit des Bildes aufgegeben wird: bei den Wurzeln des verworrenen Lebens liegen / bei den Sibyllen, den Königinnen sitzen (V. 5-10). Die Sibylle „ist dem Mythos nach eine Prophetin, die im Gegensatz zu anderen göttlich inspirierten Sehern ursprünglich unaufgefordert die Zukunft weissagt“ (wikipedia); die Sprüche der Sibyllen entwirren das verworrene Leben und bewirken, dass ihren Gästen Haupt und Hände (Alliteration) leicht werden (vs. schwere Glieder, V. 5). Das Zustandspassiv „sind … gerichtet“ (V. 7) zeigt den schicksalhaften Charakter der Bevorzugung an. Die Wendung „die Stühle gerichtet“ (V. 7) ist eine Anspielung auf das Parzenlied in Goethes „Iphigenie auf Tauris“ IV,5: „Auf Klippen und Wolken / Sind [den Lieblingen der Götter, N.T.] Stühle bereitet / Um goldene Tische“ (V. 1734 ff.). In diesem Zusammenhang klingt die Bestimmung „wie zu Hause“ (V. 9) nicht nur heimatlich, sondern auch bedrohlich: Sie sind dort nicht wirklich zu Hause, sie können ihren Platz wieder verlieren. Gleichwohl wird das leichte Leben der anderen breiter beschrieben als das schwere Leben der Geknechteten (4 vs. 2 Verse).

In der 3. Strophe wird der bisher eindeutige Gegensatz der beiden Gruppen durch die einleitende Partikel „Doch“ (V. 11) abgemildert; „doch dient einem Satz „zur Begleitung, welcher dem Vordersatze zu Folge eigentlich nicht Statt finden sollte, wie dennoch“ (Adelung), oder leitet einen Gegensatz ein: Die anderen sind an die einen „Wie an Luft und Erde gebunden“ (V. 14); Luft und Erde sind die Bedingungen unserer Existenz. Diese Bindung wirkt wie ein Schatten, der in das Leben der leicht Lebenden fällt (V. 11 f.); ein Schatten ist eine dunkle Stelle im Licht, er beeinträchtigt das schöne Bild. Die anderen sind keine Götter, die einfach über den einen stehen und sorglos leben können.

In den beiden folgenden Strophen wird vom Ich-Sprecher erklärt, wie er mit diesem Schatten umgeht, wie er sich zur Zweiteilung der Menschen stellt: Die Müdigkeit der einen färbt auf das Ich ab („nicht abtun von meinen Lidern“, V. 16), ihr Untergang geht die eigene erschrockene Seele an (V. 17 f.). Hier wird der Bereich dessen, was das Ich etwas angeht, in Raum und Zeit unermesslich auf vergessene Völker (Zeit) und ferne Sterne (Raum) ausgeweitet. In der letzten Strophe wird durch eine Erklärung begründet, warum das Ich die Geschicke der Leidenden nicht ausblenden kann: Das Nebeneinander der Geschicke ist ein vom „Dasein“ bewirktes Durcheinander (V. 19 f.), wobei das Dasein kein Name einer wirkenden Macht ist – das Ich und sein Dichter flüchten ins Nebulöse. Das Verb „weben“ (V. 17) ist altertümlich, kommt beinahe nur neben „leben“ vor und bedeutet „sich (langsam) bewegen“. Die beiden letzten Verse stellen ein Bekenntnis des mitleidenden Ichs dar. Die Wendung „mein Teil“ ist aus den Psalmen bekannt; dort sagt der Beter, dass Gott „mein Gut und mein Teil“ ist (Ps 16,5). „Du bist meine Zuversicht, mein Teil im Land der Lebendigen.“ (Ps 142,6) Hier im Gedicht könnte man die Wendung so ersetzen: „Und mein Anteil [an diesem Knäuel der Geschicke] ist mehr als…“ (V. 21). Mehr als was? Mehr „als dieses Lebens / Schlanke Flamme oder schmale Leier“ (V. 21 f.). „Dieses Leben“ lese ich als „dieses mein Leben“, welches in den Bildern von Flamme und Leier, von Licht und Dichtung gesehen wird. Beide sind schlank oder schmal – aber das Ich will im Lebensknäuel auch in die Breite gehen und dort seinen Anteil bei den Unterdrückten suchen.

Das alles wird in freien Rhythmen gesagt; vier oder fünf Hebungen machen einen Vers aus; öfter geht ein Satz übers Versende hinaus (V. 5, 7 usw.), was aber den ruhigen Fluss des Sprechens nicht stört. Der Sprecher gewinnt durch den Rückgriff auf die antiken Bilder, auf die Sprache Goethes und der Bibel einen getragen-erhabenen Ton. Er klagt nichts und niemanden an, sondern beschreibt die Zweiklassengesellschaft in Bildern und bekennt sich – wiederum in Bildern – als betroffen oder mitverantwortlich. Freilich lässt er offen, wie er das schwere Dasein der Leidenden mittragen will.

Das Gedicht wurde von Rudolf Borchardt in seine Anthologie „Ewiger Vorrat deutscher Poesie“ (1926) unter der Überschrift Schicksalslied aufgenommen, was ihm ein große Verbreitung sicherte.

Reinhold Grimm: Bange Botschaft, in: Gedichte und Interpretationen 5, hrsg. von Harald Hartung. Stuttgart 1983, S. 34 ff.

Jörg Schönert, in: Lyrik und Narratologie: Text-Analysen…, hrsg. von Jörg Schönert u.a. Berlin 2007, S. 197 ff.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=zyA1k8zkExA (Konstantin Wecker)

http://www.firstpost.com/topic/person/max-beckmann-hugo-von-hofmannsthal-manche-freilich-video-tesDlO3xgcA-77885-6.html (HvH, 1907)

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