Hofmannsthal: Ein Knabe – zur Interpretation

Ein Knabe stand ich so im Frühlingsglänzen…

Text

http://gutenberg.spiegel.de/buch/1003/18

http://www.thokra.de/html/hofmannsthal1.html

http://www.gedichte.xbib.de/Hofmannsthal_gedicht_Ein+Knabe+stand+ich+so+im+Fr%FChlingsgl%E4nzen….htm

http://www.avl.uni-mainz.de/Dateien/Aesthetizismus-Vorlesung.doc (Auszüge aus „Der Tod und der Tor“, dort S. 34 ff.)

Das Gedicht ist Teil von Hofmannsthals Drama „Der Tod und der Tor“ (1894). Es stammt aus einer Rede Claudios, ist von Musik begleitet. Wenn man den Kontext liest, fühlt man sich stark an Goethes „Faust“, und zwar an die Osternacht und die Szene vor dem Tor erinnert. 1896 ist es als eigenständiges Gedicht veröffentlicht worden.

Ich zitiere aus einer Dissertation zur Interpretation des Kontextes im Drama:

„Was erfahren wir über Claudios Leben? Eigentlich sehr wenig. Das Bezeichnende für Claudio ist nämlich die Armut an Erlebnissen. Claudio selbst erzählt nur von seiner Sehnsucht nach etwas Größerem, als das Leben ist. Als er jung war, durchdrang ihn eine „so hohe Ahnung von den Lebensdingen, daß dann die Dinge, wenn sie wirklich [waren], nur schale Schauer des Erinnerns [brachten].“ (GD1, 297)

Andererseits hat Claudio in seiner Jugend auch jenes Gefühl erlebt, das Nietzsche als dionysisch bezeichnet. Es ist das Gefühl der Vereinigung ‚mit dem Ur-Einen, seinem Schmerz und Widerspruch’ (zitiert nach STR, 54) das Nietzsche in seiner Geburt der Tragödie der Wirkung der Musik zuschreibt. Dieses Gefühl beschreibt Hofmannsthal meistens als eine Art Entgrenzung und Ausweitung der eigenen Person, die eine ungeheure Anteilnahme an allen Einzelwesen oder sogar ein „Hinüberfließen“ in sie ermöglicht. Der Klang der Geige des Todes erweckt in Claudio dieses Gefühl, das ihn an die Gefühlswelt seiner Jugend erinnert. Claudio beschreibt die Wirkung der Musik folgendermaßen:

Wie der Geliebten, wie der Mutter Kommen,

Wie jedes Langverlornen Wiederkehr,

Regt es Gedanken auf, die warmen, frommen,

und wirft mich in ein jugendliches Meer:

Ein Knabe stand ich so im Frühlingsglänzen

Und meinte aufzuschweben in das All,

Unendlich Sehnen über alle Grenzen

Durchwehte mich in ahnungsvollem Schwall! (GD1, 287)

Dieses Gefühl steht scheinbar im vollen Gegensatz zum Großteil aller Repliken und Monologe Claudios, in denen er sich über das Fehlen seiner Anteilnahme an der Welt beklagt.“ (Pavel Knápek: Zur Kunstauffassung und Künstlerproblematik im Werk von Hugo von Hofmannsthal und Henrik Ibsen, Dissertation, S. 11 f.) 

 

Kontext des Gedichtes in „Der Tod und der Tor“:

Claudio

        Hinter der Szene erklingt das sehnsüchtige und ergreifende Spiel einer Geige, zuerst ferner, allmählich näher, endlich warm und voll, als wenn es aus dem Nebenzimmer dränge.)

       Musik?


       Und seltsam zu der Seele redende!


       Hat mich des Menschen Unsinn auch verstört?


       Mich dünkt, als hätt ich solche Töne


       Von Menschengeigen nie gehört . . .

(Er bleibt horchend gegen die rechte Seite gewandt)

In tiefen, scheinbar lang ersehnten Schauern


Dringts allgewaltig auf mich ein;


Es scheint unendliches Bedauern,


Unendlich Hoffen scheints zu sein,


Als strömte von den alten, stillen Mauern


Mein Leben flutend und verklärt herein.


Wie der Geliebten, wie der Mutter Kommen,


Wie jedes Langverlornen Wiederkehr,


Regt es Gedanken auf, die warmen, frommen,


Und wirft mich in ein jugendliches Meer:


Ein Knabe stand ich so im Frühlingsglänzen


Und meinte aufzuschweben in das All,


Unendlich Sehnen über alle Grenzen


Durchwehte mich in ahnungsvollem Schwall!


Und Wanderzeiten kamen, rauschumfangen,


Da leuchtete manchmal die ganze Welt,


Und Rosen glühten, und die Glocken klangen,


Von fremdem Lichte jubelnd und erhellt:


Wie waren da lebendig alle Dinge


Dem liebenden Erfassen nah gerückt,


Wie fühlt ich mich beseelt und tief entzückt,


Ein lebend Glied im großen Lebensringe!


Da ahnte ich, durch mein Herz auch geleitet,


Den Liebesstrom, der alle Herzen nährt,


Und ein Genügen hielt mein Ich geweitet,


Das heute kaum mir noch den Traum verklärt.


Tön fort, Musik, noch eine Weile so


Und rühr mein Innres also innig auf:


Leicht wähn ich dann mein Leben warm und froh,


Rücklebend so verzaubert seinen Lauf:


Denn alle süßen Flammen, Loh an Loh


Das Starre schmelzend, schlagen jetzt herauf!


Des allzu alten, allzu wirren Wissens


Auf diesen Nacken vielgehäufte Last


Vergeht, von diesem Laut des Urgewissens,


Den kindisch-tiefen Tönen angefaßt.


Weither mit großem Glockenläuten


Ankündigt sich ein kaum geahntes Leben,


In Formen, die unendlich viel bedeuten,


Gewaltig-schlicht im Nehmen und im Geben.

(Die Musik verstummt fast plötzlich.)

Da, da verstummt, was mich so tief gerührt,


Worin ich Göttlich-Menschliches gespürt!


Der diese Wunderwelt unwissend hergesandt,


Er hebt wohl jetzt nach Kupfergeld die Kappe,


Ein abendlicher Bettelmusikant.

(Am Fenster rechts)

Hier unten steht er nicht. Wie sonderbar!


Wo denn? Ich will durchs andre Fenster schaun . . .

(Wie er nach der Türe rechts geht, wird der Vorhang leise zurückgeschlagen, und in der Tür steht der Tod, den Fiedelbogen in der Hand, die Geige am Gürtel hängend. Er sieht Claudio, der entsetzt zurückfährt, ruhig an.)

Wie packt mich sinnlos namenloses Grauen!


Wenn deiner Fiedel Klang so lieblich war,


Was bringt es solchen Krampf, dich anzuschauen?


Und schnürt die Kehle so und sträubt das Haar?


Geh weg! Du bist der Tod. Was willst du hier?


Ich furchte mich. Geh weg! Ich kann nicht schrein.

(sinkend)

Der Halt, die Luft des Lebens schwindet mir!


Geh weg! Wer rief dich? Geh! Wer ließ dich ein?

Der Tod

       Steh auf! Wirf dies ererbte Graun von dir

       
Ich bin nicht schauerlich, bin kein Gerippe!


       Aus des Dionysos, der Venus Sippe,


       Ein großer Gott der Seele steht vor dir.

       
Wenn in der lauen Sommerabendfeier


       Durch goldne Luft ein Blatt herabgeschwebt,

       
Hat dich mein Wehen angeschauert,

       
Das traumhaft um die reifen Dinge webt;


       Wenn Überschwellen der Gefühle


       Mit warmer Flut die Seele zitternd füllte,


       Wenn sich im plötzlichen Durchzucken


       Das Ungeheure als verwandt enthüllte,

       
Und du, hingebend dich im großen Reigen,

       
Die Welt empfingest als dein eigen:


       In jeder wahrhaft großen Stunde,

       
Die schauern deine Erdenform gemacht,


       Hab ich dich angerührt im Seelengrunde


       Mit heiliger, geheimnisvoller Macht.

Claudio

       Genug. Ich grüße dich, wenngleich beklommen.

(http://gutenberg.spiegel.de/buch/1009/1 Der Tod und der Tor, Text)

Zum Schluss einige Interpretationen zu „Der Tor und der Tod“:

http://www.peter-matussek.de/Pub/A_24.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tor_und_der_Tod

http://thanatoblog.wordpress.com/2010/01/05/hugo-von-hofmannsthal-der-tor-und-der-tod/

http://aspektedergermanistik.blogspot.de/2012/02/hugo-von-hofmannsthal-der-tor-und-der.html und

http://aspektedergermanistik.blogspot.de/2012/03/hugo-von-hofmannsthal-der-tor-und-der.html

http://www.univie.ac.at/iggerm/files/mitschriften/Literaturgeschichte_I-2009S-Sonnleitner.pdf (dort S. 3-5)

http://deutschsprachige-literatur.blogspot.de/2010/05/epoche-symbolismus-1890-1920.html (Symbolismus)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=CGpt8VCD4Lw (Patrick B.)