Hofmannsthal: Ein Traum von großer Magie – Analyse

Viel königlicher als ein Perlenband…

Text

https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1896_2hofmannsthal.html

http://www.balladen.de/web/sites/balladen_gedichte/autoren.php?b05=13&b16=132

http://www.richard-dehmel.de/rdehmel/zeitgenossen/hofmannsthal.html#Traum

„Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen“, dieses Gedicht Hofmannsthals haben wir hier bereits kennengelernt. Nun steht erneut ein Traum-Gedicht an, 1895 entstanden, 1896 veröffentlicht. Es ist „Ein Traum von grosser Magie“.

Magie wird in einer klassischen anthropologischen Definition als der Glaube angesehen, durch Manipulation übernatürlicher Mächte könne man gute oder böse Wirkungen erzielen.“ (wikipedia) Wir brauchen die wissenschaftlichen Diskussionen darüber, was Magie nun wirklich ist oder wie sie sich von Hexerei und Religion unterscheidet, nicht zu verfolgen. Es genügt zu wissen, dass als Magie „die vorgegebene Kunst, Wirkungen hervor zu bringen, welche die natürlichen Kräfte der Körper übertreffen“ (Adelung), bezeichnet wird. Im Traum von großer Magie vollzieht der Sprecher also eine Regression in ein früheres Stadium der Geschichte oder in ein frühes Stadium seiner geistigen Entwicklung – solange er im Traum der großen Magie befangen bleibt.

Der Ich-Sprecher erzählt in der 1. Str. von einem Traum, den er „fand“ (V. 3) und außerordentlich hoch schätzt. In Str. 2-13 wird der Inhalt des Traums erzählt. Dabei wird zuerst die Situation des (im Traum) schlafenden Ichs geschildert (Str. 2-3); es folgt der Bericht davon, wie der große Magier auftrat (Str. 4-10); in den letzten drei Strophen des Traumberichts wird die überirdische Position des Magiers zusammenfassend herausgestellt: „Er fühlte traumhaft aller Menschen Los (…), Genoß er allen Lebens großen Gang (…)“ (V. 31 ff.). Unter einer gestrichelten Linie folgen noch zwei Strophen bzw. sieben Verse, in denen das lyrische Ich bedenkt, was „unser [zuweilen träumender, N.T.] Geist“ (V. 40) ist und wie er in uns bzw. „in mir“ (V. 45) lebt; diese letzten sieben Verse stehen im Präsens, während die Erzählung vorher im Präteritum abgefasst ist.

Der große Magier erweist sich zunächst als Herr der Elemente Erde und Wasser (V. 16 ff.); daraus holt er die tönenden Edelsteine hervor: Musik und Sprache (V. 20 f.). Dann ruft er mit einem Wort die vergangenen Zeiten herauf (V. 27 f.), wodurch er sich als der große Mittler erweist (V. 31), und zwar nicht nur der Menschen, sondern aller Lebewesen, ja des Lebens selbst (13. Str.).

Es folgt unterm Strich die Traumdeutung; dort leugnet der Sprecher möglicherweise die „Wahrheit“ der Magie, indem er auf den Geist reflektiert, der die Welt regiere (V. 40). Christoph König formuliert Hofmannsthals Problem, das sich in dieser Spannung zwischen Traum und Reflexion zeigt, so: „Wie kann ich die Magie, die die strenge Form schafft, samt ihrer Unmittelbarkeit retten angesichts einer Dualität, die die (Universitäts)Philosophie behauptet?“ (Hofmannsthal: ein moderner Dichter unter den Philologen, S. 104) König meint, Hofmannsthal könne das Problem nicht lösen. Gegen König kann man aber vertreten, dass der Geist als „Feuer“ (V. 43) bestimmt wird, welches auch „mit den Feuern jener Ferne“ spricht (V. 42) und sich so als das überlegene bzw. den Traum mit einschließende Prinzip erweist.

Das Gedicht ist in Terzinen angefasst: fünfhebigen Jamben in Strophen zu drei Versen, die sich nach dem Muster a-b-a, b-c-b, c-d-c, usw. reimen; der Takt wird nicht immer sauber durchgehalten (z.B. V. 4).

Stefan Waba hat in einer Seminararbeit im WS 1999/2000 unter anderem Hofmannsthals Vortrag „Bildlicher Ausdruck“ (1897) referiert. Zum angemessenen Verständnis des Gedichts „Ein Traum von grosser Magie“ und seiner Bilder zitiere ich zwei Absätze aus Wabas Referat von Hofmannsthals Vortrag:

Gleich zu Beginn wendet er sich mit Nachdruck gegen die Auffassung, ein Dichtwerk sei „mit bildlichem Ausdruck geziert“. Denn dies rufe eine falsche Vorstellung hervor, die Vorstellung nämlich, dass Bilder in der Dichtkunst etwas Entbehrliches seien, die bloß als schmückendes Beiwerk dienen. Hofmannsthal stellt im Gegenteil fest, der bildliche Ausdruck sei Kern und Wesen aller Poesie: „Jede Dichtung ist durch und durch ein Gebilde aus uneigentlichen Ausdrücken“. Dies unterstreicht die schon in „Poesie und Leben“ erläuterte Auffassung, ein Kunstwerk sei eben nicht ein bloßes Abbild der Natur, sondern schaffe sich seine eigene Bilderwelt.

In diesem Sinne fährt Hofmannsthal fort. Die Handlungen und Personen von literarischen Werken seien nichts anderes als „Gleichnisse, aus vielen Gleichnissen zusammengesetzt“. Genauso verhalte es sich mit der Sprache, die auch voller Gleichnisse sei. Bloß werden diese im normalen Sprachgebrauch nur unbewusst verwendet. Der Dichter sei der Einzige, der sich des Gleichnishaften der Sprache ununterbrochen bewusst ist und damit in seiner Dichtung Bezüge zur Wirklichkeit herstellen kann. (S. 13)

Stefan Waba: Kulturgeschichtliche Perspektiven im essayistischen und novellistischen Werk Hugo von Hofmannsthals (dort S. 12-14)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=zitqKb-PtuM (Patrick B.)

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