Hofmannsthal: Dein Antlitz… – Analyse

Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen…

Text

http://www.versalia.de/archiv/von_Hofmannsthal/Dein_Antlitz_war_mit_Traeumen_ga.2190.html

http://www.e-literatum.de/t77113193f22-Hugo-von-Hofmannsthal.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hofmannsthal,+Hugo+von/Gedichte/Die+Gedichte%3A+Ausgabe+1924/Dein+Antlitz

http://de.wikisource.org/wiki/Dein_Antlitz

Das 1896 entstandene Gedicht war vielleicht an Georg Albert von und zu Franckenstein gerichtet, einen intimen Freund Hofmannsthals, den er und Leopold von Andrian „Bubi“ oder öfter noch „Bui“ nannten und der ab 1894/95 zum Freundeskreis Hofmannsthals gehörte; das Helle, Weiße, Glänzende ist bei O. Wilde und St. George mit dem Androgynen und mit Homoerotik verbunden. (Ilija Dürhammer, in: Literatur, Universalie und Kulturenspezifikum, hrsg. von Andreas Kramer und Jan Volker Röhnert, 2010, S. 149 f.) Es wurde im März 1896 in Georges „Blätter für die Kunst“ veröffentlicht.

Das lyrische Ich spricht von dem Eindruck, den ein Du auf das Ich macht. Es braucht also die Pronomina der 2. Person (Dein Antlitz, V. 1; deinem Haar, V. 15; deinen Lidern, V. 16), ohne dass man daraus schließen kann, dass es dieses Du tatsächlich anspricht. Wahrscheinlicher ist es, dass es monologisch seine Begegnungen mit dem Du bedenkt.

Zuerst spricht es von einer undatierten vergangenen Begegnung: „Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen…“ (V. 1, Präteritum). „Antlitz“ ist gehobene Sprache; mit wessen Träumen das Antlitz beladen war, wird nicht gesagt – vermutlich ist diese erlesene Wendung nur die Umschreibung für den Satz „Du blicktest verträumt“; dafür spricht die Aufteilung der Verse 1 / 2 nach den Anteilen Du / Ich. Das „Beben“ (V. 2) ist Ausdruck der Erschütterung: Das Ich blieb stumm, erst nachträglich kann es darüber sprechen.

Dann folgt der rätselhafte, später zweimal wiederholte Satz „Wie stieg das auf!“ (V. 3; 11, 12) Es wird nicht gesagt, was wo aufstieg. Zwei Möglichkeiten sehe ich, das Was zu bestimmen: a) das Beben, b) der folgende dass-Satz bzw. das im dass-Satz Gesagte. Für die zweite Möglichkeit spricht der Inhalt des dass-Satzes: dass das Ich sich „einmal schon / In frühern Nächten völlig hingegeben“ (V. 3 f.) hatte. Das besagt, dass es sich auch in seinem stummen Beben dem Du hingibt – früher hatte es sich dem Mond und dem Tal hingegeben (V. 5).

Mond, Tal, Fluss sind die Requisiten in Goethes Gedicht „An den Mond“; durch diesen Rückbezug wird als Alternative zur Hingabe an Mond und Tal die Hingabe an den Freund aufgerufen („Selig, wer sich vor der Welt / Ohne Haß verschließt, / Einen Freund am Busen hält…“; in der 1. Fassung hieß es: „Einen Mann am Busen hält…“). „Wie stieg das auf!“ – das wäre dann die Erinnerung an die frühere Hingabe und ihre Emotionen. Dafür spricht die Fortsetzung: „Denn allen diesen Dingen / Und ihrer Schönheit – die unfruchtbar war – / Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz“ (V. 12-14). Und dann wird die Verbindung zur neuen Begegnung hergestellt: „Wie jetzt“ (V. 15). Das Adverbial „jetzt“ markiert gegenüber der Begegnung mit dem verträumten Antlitz eine zweite, neue Begegnung. Die neue Begegnung mit dem Du wird gegenüber der Hingabe an Mond und Tal dadurch hervorgeheben, dass jene als „unfruchtbar“ (V. 13) abgewertet wird: völlige Hingabe umsonst! Diesmal ist das Ich vom Haar des Du und von den glänzenden Augen ergriffen. Dass Antlitz, Haar und Augen des Du faszinieren, lässt die Begegnung als erotisch, aber nicht sexuell bestimmt erscheinen.

Die Form des Gedichtes ist eigenwillig; es reimen sich V. 2/4, dann V. 8/12 paarig, schließlich V. 13-16 im Kreuzreim. Der Takt ist eigentlich ein fünfhebiger Jambus mit teils männlicher, teils weiblicher Kadenz; einige Verse weichen davon jedoch stark ab, und zwar immer die Verse mit der Wendung „Wie stieg das auf!“ (alle vier Silben werden betont!). Dann fallen auch V. 14 und 15 aus dem Schema heraus. Es fällt auf, dass der Bericht von der Hingabe an Mond und Tal (der dass-Satz) nur einen einzigen Satz ausmacht, der über alle Versenden hinweg geht; auch die letzten vier Verse bilden einen einzigen Satz – man hört die Aufregung des Ergriffenen aus seinem Tempo heraus. Die Inversion „Hingab ich mich“ wirkt künstlich, ebenso die Inversion in V. 9-11.

In der Strophenbildung ist V. 12 der letzten Strophe zugeschlagen worden, obwohl er nach dem Schema zur dritten gehören könnte; damit wird das dritte „Wie stieg das auf!“ vom zweiten getrennt und mit neuer Betonung hervorgehoben.

In allen Drucken heißt es im letzten Vers „diesen Glanz“; nach den Handschriften müsste es „diesem Glanz“ heißen, grammatisch von „von“ (V. 15) abhängig. Hier konnte sich der Dichter nicht gegen die Drucker durchsetzen.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=m-eKasl4S-o

http://www.sprechbude.de/dein-antlitz-hugo-von-hofmannsthal/ (Angelika Fanai)