Lasker-Schüler: Giselheer dem Tiger – Analyse

Über dein Gesicht schleichen die Dschungeln…

Text

http://seriealfa.com/tigre/tigre6/lasker.htm

Das Gedicht ist ein begeistertes Liebesbekenntnis an ein lyrisches Du, welches biografisch im Liebesverhältnis der Lasker-Schüler (Jg. 1869) mit Gottfried Benn (Jg. 1886) in den Jahren 1912/13 fundiert ist. Es ist 1913 veröffentlicht worden.

Im Titel ist es „Giselheer dem Tiger“ gewidmet, was ihr Name für Benn war. Als Tiger wird das Du in den ersten drei Strophen angesprochen, auch das Ich schlüpft in die Rolle einer Tigerin (V. 5 f.). Im Wesentlichen preist das Tiger-Ich die Schönheit des anderen Tigers: die schleichenden Dschungel im Gesicht (V. 1), was man im Bildkontext (V. 3 f.) vielleicht als wanderndes Schattenspiel sich vorzustellen hat; die süßen Augen. Direkt verzückt ist der Ausruf „O, wie du bist!“ (V. 2) – unaussprechlich im absoluten „wie“, unaussprechlich in der Tiger-Bildlichkeit. In der 3. Strophe wird dem Du die Rolle des hilflosen Tigerjungen zugeschrieben, welches die Tigermutter mit sich herumträgt.

Dieser Liebeshymnus ist in reimloser Prosa gehalten; die Verse stehen für sich, die Ergänzungen V. 4 und V. 6 stellen nur kleine Präzisierungen, aber keine wesentlichen Ergänzungen dar.

In der 4. Strophen wechselt das Ich in den Bildbereich des Indianischen, ohne dass dies dem Liebesbekenntnis Abbruch täte. Die 4. Strophe ist ein Sammlung von drei bewundernden Ausrufen („Indianerbuch“ bis „Siouxhäuptling“ – das liest man vielleicht als „Du bist das Feld und der Held meiner großen Abenteuer“), jeder ein Vers für sich.

Es folgen drei Strophen aus jeweils einem Satz, die jeweils ein echtes Enjambement aufweisen. Es wird das Bild eines Skalpspiels entfaltet: Skalpieren heißt die Siegestrophäe gewinnen; wenn es ein Spiel ist, dann bereitet es Lust und ist nicht tödlich. So malen die Messer ja auch nur „Rote Küsse“ auf die Brust der Besiegten, die ich hier im traditionellen Bedeutungsfeld von lieben-„besiegen“ als Frau verstehe. Spiel ist es auch, weil die Gebundene schmachtet (V. 10): auf die Fortsetzung des Skalpspiels, und zwar „Bis mein Haar an deinem Gürtel flattert“, bis das Spiel ans Ende gekommen bist, bis du mich völlig besiegt hast.

Das Ziel des Liebesspiels bekommt als einziger Vers eine ganze Strophe.

Mit Tiger-Dschungeln und Indianerspielen setzt sich das Ich von bürgerlichen Lebenswelten ab, um die Wildheit und Intensität seiner Liebe zu preisen.

Sonstiges

http://www.themen-der-zeit.de/content/Else_Lasker-Schueler.255.0.html (Biografie)

http://www.planetlyrik.de/else-lasker-schuler-ich-suche-allerlanden-eine-stadt/2013/07/ (dito)

http://www.reinhard-doehl.de/teils5.htm (Kontext: Benn – Lasker-Schüler)

http://www.swr.de/-/id=12220596/property=download/nid=659892/1dr075a/swr2-literatur-20131119.pdf (dito)

http://www.zeit.de/1956/06/ehemals-prinz-von-theben/seite-1 (Würdigung der L-S, 1956)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s