Lasker-Schüler: Versöhnung – Analyse

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen…

Text

http://www.gedichte.vu/?versoehnung.html

http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_019.htm (mit wichtigen Erläuterungen)

http://petereicher.de/?p=224

Die Struktur des 1910 veröffentlichten Gedichts ist eigenwillig: In den ersten drei Strophen scheint der jüdische Versöhnungstag bevorzustehen, der von einem lyrischen Ich erwartet und begrüßt wird. Danach wird unter dem gleichen Stichwort „Versöhnung“ die Liebessituation eines Paars erwartet und begrüßt (also die Versöhnung „säkularisiert“, wenn man so will). Diese beiden teile sind durch zwei Verse miteinander verbunden, die in beiden Teilen vorkommen: „Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen“ (V. 1, 15) und „Wir wollen uns versöhnen die Nacht“ (V. 5, 13).

Es spricht ein lyrisches Ich (V. 1), das sich an ein Du wendet (V. 10 explizit, sonst ab V. 2). Es spricht davon, was „wir“ tun „wollen“ (V. 2) – vielleicht einfach im Sinn von „tun werden“, vielleicht auch im Sinn von „tun wollen“, das ist nicht auszumachen. Jedenfalls ist die angekündigte Versöhnung im Rahmen eines Versöhnungstages geplant. Eingeleitet wird diese Passage durch die Ankündigung (Hoffnung), dass „ein großer Stern in meinen Schoß fallen“ wird (V. 1), dass also ein Himmelslicht zu mir kommt – in V. 6 heißt es entsprechend: „So viel Gott strömt über.“ Der Gott mag vom Himmel strömen, mag von dir zu mir und umgekehrt strömen. [Zum Verständnis der ersten 6 Verse sollte man Skrodzis Erläuterungen lesen, s.o., und sich über den Versöhnungstag informieren.]

Ab V. 7 spricht das lyrische Ich von unseren „Herzen“ (V. 7, Subjekt), die es als „Kinder“ (V. 7, Prädikativ bzw. Gleichsetzungsnominativ) bezeichnet, womit es ihr Bedürfnis nach Ruhe erklärt (V. 8). Damit taucht ein anderer Bereich ins Blickfeld auf: Herzen, Lippen, sich küssen, sich herzen (V. 7-14). Die erwünschte erotische Begegnung der beiden wird wiederum als geplante Versöhnung beschrieben (V. 13), wörtlich genau wie bei der Versöhnung des Versöhnungstages (V. 5). Weshalb ist diese Versöhnung nötig? Das wird vom Ich angedeutet, als es fragt: „Was zagst du?“ (V. 10) „zagen“: ‚aus Ängstlichkeit, Unsicherheit zögern, unentschlossen sein’ (DWDS) Diesem Zögern des Du setzt das Ich die Wünsche der Herzen und der Lippen entgegen, die bereits mehr wollen als das zagende Du (V. 7-9), setzt es die Nähe seines eigenen Herzens beim Du entgegen (V. 11 f.), setzt es die Pflicht zur Versöhnung entgegen (V. 13) – und knüpft daran seine Verheißung: „Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.“ (V. 14) Dieses Gefühl einfachen Seins (nicht sterben) macht das Glück aus, den Moment des Glücks, eine Vorahnung von Ewigkeit, die man natürlich nicht zeitlich zu denken hat.

Zum Abschluss wiederholt es die zu Beginn geäußerte Erwartung vom großen Stern, der „in meinen Schoß fallen“ wird (V. 15). Damit bindet es die religiöse Hoffnung an die erotische Begegnung; zugleich bekommt diese Erwartung im erotischen Kontext eine spezielle Bedeutung: „in meinen Schoß fallen“, damit spielt das Ich, wenn man es als Frau denkt, darauf an, dass der Mann in sie eindringen wird.

Die Sprache des lyrischen Ichs ist ruhig und einfach, wenn auch gehoben (Harfen, überströmen, zagen, sich herzen). Bis auf V. 3 besteht jeder Vers aus einem Satz, sodass am Versende eine Pause entsteht; das bringt Ruhe in das werbende Sprechen des lyrischen Ichs: Es lebt auf eine erwartete Erfüllung hin. – Wie wichtig dieses Gedicht der Dichterin war, kann man bei K.J. Skrodzki nachlesen.

http://qspace.library.queensu.ca/bitstream/1974/7061/1/Allen_Sonja_M_201204_PhD.pdf(dort S. 110 ff.: etwas „freie“ Interpretation)

Versöhnungstag

http://de.wikipedia.org/wiki/Jom_Kippur

http://wegedeslebens.info/Literatur/JomKippur.html

http://www.bibelwork.de/file.php?s=1&file_id=29

http://www.hopechannel.de/mediathek/beitrag/ml/die-bibel-das-leben/der-grosse-versoehnungstag/ (Film)

http://www.borisogleb.de/lev16.htm (altoriental. Kontext)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=Es8kciU7xaY (Claudia Gahrke)

Sonstiges

http://www.themen-der-zeit.de/content/Else_Lasker-Schueler.255.0.html (Biografie)

http://www.planetlyrik.de/else-lasker-schuler-ich-suche-allerlanden-eine-stadt/2013/07/ (dito)

http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_025.htm (Stationen des lyrischen Schaffens)

http://project.arts.ubc.ca/els-bib/links.htm (Links, 2008)

http://www.zeit.de/1956/06/ehemals-prinz-von-theben/seite-1 (Würdigung der L-S, 1956)

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