Lasker-Schüler: Gebet – Analyse

Ich suche allerlanden eine Stadt…

Text

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Lasker.html (3. Gedicht)

http://poemsforalifetime.wordpress.com/category/frauen-dichten-anders/else-lasker-schuler/ (2. Gedicht)

http://www.ekir.de/ekir/dokumente/Literarische_Texte.pdf (2. Gedicht)

Wir haben ein „Gebet“ vor uns (Überschrift): Das lyrische Ich wendet sich Gott zu und eröffnet sein Herz. Das Gedicht wurde 1919, also bald nach dem Ersten Weltkrieg in „Das junge Deutschland“ veröffentlicht; nach Conrady ist das Gedicht 1917 entstanden – ob es eine Antwort auf Leiderfahrungen des Weltkriegs ist, kann ich nicht beurteilen: Sehnsucht nach einer anderen Welt.

In der 1. Strophe stellt das Ich sich vor: Ich suche eine Stadt, ich trage einen Flügel und einen Stern. Die Feinheiten kommen erst noch: eine Stadt, „Die einen Engel vor der Pforte hat“ (V. 2). Aufgabe des Engels wäre es vermutlich, die Stadt als Stadt Gottes zu schützen (und nicht: den Zugang zu ihr zu verwehren, wie es die Aufgabe der Cherubim am Rande des Gartens war, Ex 3,24). Dieser erste Satz erinnert mich an einen Satz aus dem Hebräerbrief: «Wir haben hier keine bleibende Stätte [Stadt], sondern wir suchen die zukünftige.» (Hebr 13,14) Da wird ein ähnlicher Wunsch zuversichtlich ausgesprochen. Im „Gebet“ geht es dann aber sonderbar weiter: Das lyrische Ich bezeugt, dass es den Flügel des Engels selbst trägt, allerdings „gebrochen“, und dass es „schwer“ daran trägt (V. 4); seine Zugehörigkeit zum Engel geht noch weiter, es trägt seinen Stern „als Siegel“. Unklar ist, wer dem Ich das Siegel aufgedrückt hat: War das der Engel? War es Gott, der den Stern als Siegel gegeben hat? Das Siegel erinnert mich an des Paulus Wort von Gott, „der uns [in der Taufe] sein Siegel aufgedrückt und als ersten Anteil (am verheißenen Heil) den Geist in unser Herz gegeben hat“ (2 Kor 1,22) – in der „jüdischen“ Sprache des lyrischen Ichs hören wir die gleiche Heilserwartung wie in der christlichen Sprache des Paulus. In der Bibel werden alle Diener Gottes mit seinem Siegel gezeichnet (Jes 44,5; Apk 7,2 u.ö.). Wenn das Ich den Flügel trägt, hat es vielleicht auch einen Teil der Aufgaben des Engels aufgetragen bekommen; vielleicht ist der gebrochene Flügel aber auch eine Art Siegel wie der Stern in der Stirn. Da das Ich „allerlanden“ besagte Stadt sucht (V. 1), darf man sie nicht mit Jerusalem identifizieren – man darf sie mit keiner vorhandenen Stadt identifizieren, weil sie ja in den Worten des Hebräerbriefs erst die zukünftige ist.

Die Sprache des Ichs ist gehoben, ist biblisch; das Ich spricht ruhig in Jamben, vier oder fünf pro Vers. Wichtiger als der Wechsel in der Anzahl der Jamben ist, dass in V. 1, 2, 4 eine männliche Kadenz vorliegt, in V. 3 und 5 eine weibliche, was eine Pause hervorruft, auch wenn der Satz in V. 3 noch weitergeht. Es reimen sich V. 3/5 sowie V. 1/2/4; das kann man als eine Art Kreuzreim ansehen, wobei allerdings der 1. Vers verdoppelt wird. Hierdurch wie auch durch den Wechsel der Kadenz wird das Sprechen etwas bewegter, als es bei einem völlig starren Strophenschema der Fall wäre.

In V. 6 setzt das Ich mit einer Konjunktion die Aussage von V. 1 fort: Ich suche allenthalben „Und wandle immer in die Nacht …“ (V. 6), gehe also bei meiner Suche ins Dunkel hinein. Hinter den drei Punkten (= Pause) folgen zwei Aussagen, mit denen das Ich auf seinen Lebensweg zurückblickt: „Ich habe Liebe in die Welt gebracht“ (V. 7) „Und hab ein Leben müde mich gewacht“ (V. 9). Die erste Aussage ist konventionell (einschließlich V. 8), in der zweiten gibt es das überraschende Paradox „sich müde wachen“, also bis zur Erschöpfung wachen. Das erinnert an Jesu Gleichnis von den zehn Jungfrauen, die in der Nacht auf den Bräutigam wachend warten sollen (Mt 25,1-13), und an Jesu Mahnung zur Wachsamkeit (Legt euren Gürtel nicht ab und lasst eure Lampen brennen! Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft. Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt!…, Luk 12,35 ff.); in einem anderen Bild haben wir hier die gleiche Hoffnung wie in V. 1 vor uns. Dass das Ich mit seinem Atem (Atemschlag = Atemzug) „In Gott gehüllt“ war (V. 10), ist unanschauliches Bild seiner Geborgenheit.

Dass das Ich sich abschließend noch mit einer Bitte an Gott wendet, überrascht nach dem Bekenntnis der totalen Geborgenheit von V. 10: „O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest“ (V. 11). Dieses Bild vom umhüllenden, schützenden Mantel ist fest in der religiösen Sprache verankert; katholisch kennt man die Schutzmantelmadonna, unter deren Mantel Platz für alle Bedrängten ist. Es folgt in V. 12 ff. eine Begründung der Bitte um Gottes Schutz in einer kommenden Endzeit: Wenn ich die Bilder richtig verstehe, wird hier die Erde als Kugelglas gesehen, die wie ein Aquarium vom letzten Menschen ausgeschüttet (vergossen) wird. Dieses Bild vom Weltende steht im Wissen (V. 12) des lyrischen Ichs: dass Gott auch dann das Ich nicht verlässt („nicht wieder“, V. 14: auch dann nicht), sondern dem Ich einen neuen Erdball erschafft. Das grenzt an die christliche Hoffnung von der neuen Welt Gottes: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde [Zitat aus Jesaja 65,17]; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem [vgl. Jes 65,19], von Gott her aus dem Himmel herabkommen…“ (Apk 21,1 f.) Das lyrische Ich bekennt hier als eigene Glaubensgewissheit, was jüdische Endzeithoffnung und christlicher Erlösungsglaube lange zuvor formuliert haben.

Die Form der beiden letzten Strophen gleicht der der ersten Strophe, nur dass jetzt immer männliche Kadenz vorliegt: Jeder Vers ist ein Satz für sich. Bis auf V. 6 bestehen alle Verse aus fünf Takten; in V. 6 sind es nur vier, die drei Punkte stehen für einen ganzen Takt (große Pause – Überleitung zu einer neuen Sicht, nun auf die eigene Vergangenheit).

Christliche Prediger zitieren gelegentlich die Verse des „Gebets“ als Dichterstimme, wenn sie über Hebräerbrief 13 predigen; sie zitieren damit eine Stimme, die im gleichen Traditionszusammenhang wie sie selber steht. Während die christlichen Kirchen inzwischen ihren Platz in der Welt gefunden haben, ist das Wachen auf dem Wachtturm eine sektiererische Angelegenheit geworden.

 

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=2rv-O8ZD6j8 (F. Stavenhagen)

Sonstiges

http://www.zeit.de/2007/52/Engel-Raetsel (Engel-Gedichte)

http://www.poetry.de/showthread.php?p=268520 (Ich-Sätze in Gedichten)

http://www.themen-der-zeit.de/content/Else_Lasker-Schueler.255.0.html (Biografie L-S)

http://www.planetlyrik.de/else-lasker-schuler-ich-suche-allerlanden-eine-stadt/2013/07/ (dito)

http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_025.htm (Stationen ihres Schaffens)

http://project.arts.ubc.ca/els-bib/links.htm (Links, 2008)

https://openlibrary.org/works/OL6875579W/Menschheitsd%C3%A4mmerung (bzw. https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

http://www.zeit.de/1956/06/ehemals-prinz-von-theben/seite-1 (Würdigung der L-S, 1956)

http://www.g.eversberg.eu/DUpdf/FrauenLyrik.pdf (u.a. Würdigung der L-S)

http://www.else-lasker-schueler-gesellschaft.de/ (E-L-S-Gesellschaft)

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