Paul Zech: Fabrikstraße Tags – Analyse

Nichts als Mauern. Ohne Gras und Glas…

Text

http://www.lyrikwelt.de/gedichte/zechg1.htm

Da es im Netz fünf Analysen gibt, die des Kollegen Larbig und vierer Schüler, wollte ich selber zunächst nichts schreiben; aber wegen der großen Phantasie der fünf Interpreten muss ich doch einige Bemerkungen machen, damit man das, was sie richtig sehen, in einen passenden Rahmen einordnen kann.

Die „Lyrikwelt“ (s. den Text-Link) datiert das Gedicht auf 1911, Conrady erst auf 1922 – das ist sicher falsch.

Es spricht kein lyrisches Ich, sondern ein quasi auktorialer Sprecher, der sehr stark wertet. Zwar taucht zweimal das Personalpronomen der 2. Person auf (dich, V. 5; Du, V. 12); aber damit ist kein bestimmtes Du angesprochen, wie bereits die Alternative in V. 12 zeigt. Zudem steht dieses Pronomen in einem Konditional- und einem Konzessivsatz, wodurch mögliche Ereignisse bezeichnet werden; „dich“ kann man durch „einen“ ersetzen, „Du“ durch „man“ – das (Personal)Pronomen hat die Qualität eines Indefinitpronomens.

Zunächst wird die Fabrikstraße als solche beschrieben (1. Quartett), als ein Ort der Defizite und des Eingesperrtseins; im 2. Quartett wird eine mögliche Begegnung (Konditional!) mit einem Menschen auf dieser Straße beschrieben – auch sie ist oder wäre kalt, nicht menschlich. In den Quartetten wird also etwas beschrieben.

Im ersten Terzett wird die beklemmende Auswirkung der Architektur der Fabrikstraße auf jeden dort Gehenden bewertend erklärt („dies Gehen / zwischen Mauern, die nur sich besehn“, V. 10 f.); im 2. Terzett wird diese Wirkung metaphorisch als „Gottes Bannfluch“ (V. 14) gedeutet. Diese Deutung zieht die Alternative in V. 12 nach sich: „Trägst Du Purpur oder Büßerhemd“; nun trägt in der Fabrik niemand Purpur (wie Kardinäle) oder Büßerhemd – die „religiöse“ Deutung passt nicht zum Ort Fabrik, sie ist poetisch eine Schwäche. Sie fügt der im 1. Terzett beschriebenen Auswirkung nichts hinzu, ist eine künstliche Steigerung des Schrecklichen – abgesehen davon, dass die Purpurträger nicht durch die Straße gingen, sondern einen prächtigen Eingang zu ihrem Büro hätten. Den Vergleich mit dem Zuchthaus (V. 9 f.) kann so leichthin nur jemand aussprechen, der noch nicht jahrelang im Zuchthaus gesessen hat. 

Keiner der fünf Interpreten hat sich an die „uhrenlose Schicht“ (V. 14) getraut. Mit dieser auswertenden Metapher wird der Bereich der Religion wieder verlassen und erneut die Welt der Industriearbeit betreten. Eine uhrenlose Schicht verstehe ich als eine Schicht, die nicht zu einer bestimmten Uhrzeit endet. Mit diesem Paradox (innerer Widerspruch zum Begriff „Schicht“) soll der Schrecken der Nötigung, durch die Fabrikstraße gehen zu müssen, erfasst werden – ein nie endender Schrecken oder eine Fortsetzung der Schicht auch nach Arbeitsschluss. Das sei so etwas wie das, was man früher „Gottes Bannfluch“ nannte – vielleicht: Verbannung Adams und Evas aus dem Paradies (Gen 3,17 ff., keine originelle Deutung der Arbeitswelt).

Zur Hypothese des Kollegen Larbig möchte ich noch sagen, dass Paul Zech sich ausgesprochen intensiv mit den Zuständen der industriellen Arbeitswelt befasst, aber nicht einfach „Großstadtlyrik“ fabriziert hat; wenn man als Lehrer dieses Gedicht in eine Reihe „Großstadtlyrik“ hineinnimmt, verführt man (sich und) die Schüler dazu, „Großstadt“ zu finden, wo bloß Arbeitswelt zu sehen ist. Natürlich stehen Fabriken in Großstädten, aber der Blick geht hier eben nicht in die Großstadt, sondern in eine Fabrikstraße; ich kann es nicht ändern, es ist so.

Wenn ich richtig zähle, war Paul Zech mit fünf Gedichten in der Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1920) vertreten, darunter mit „Fabrikstraße Tags“, „Sortiermädchen“ und „Der Fräser“.

Analysen

http://herrlarbig.de/2008/11/26/paul-zech-fabrikstrasse-tags-1911/ (Die Arbeitshypothese, „dass der Titel »Fabrikstraße tags« als Pars pro toto für das Leben in der Stadt steht,“ halte ich für falsch: Gerade Paul Zech hat viel Industrielyrik produziert! Auch die Deutung des umarmenden Reims halte ich für unsäglich.)

http://www.rhetoriksturm.de/fabrikstrasse-tags-zech.php (Hier muss man sich zunächst gegen die Reklame wehren. – Es wird ein lyrisches Ich erfunden, das es im Text nicht gibt. Das Gedicht „handelt von dem monotonen und einseitigen Leben als Fabrikarbeiter“ – das ist Unsinn!)

http://www.schoolwork.de/gedichte/fabrikstrasse_tags.php (mit viel Phantasie wird einiges Angelesene verarbeitet)

http://lyrik.antikoerperchen.de/paul-zech-fabrikstrasse-tags,textbearbeitung,157.html(Kl. 11; etwas unbeholfen, trotz 1+: komisches Gymnasium)

http://lyrik.antikoerperchen.de/paul-zech-fabrikstrasse-tags,textbearbeitung,42.html (T. K., Kl. 13, auch hilflos)

Sonstiges

http://www.bibliele.com/CILHT/zech.html (vier Gedichte Zechs, mit span. Übersetzung)

http://www.gutenberg.org/ebooks/34833 (Novellen Zechs)

http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Zech (Biografie)

http://www.lwl.org/literaturkommission/alex/index.php?id=00000003&letter=Z&layout=2&author_id=00000953 (Biografie usw.)

http://www.werner-steinbach.com/wuppertal/infopages/vips/paul-robert-zech/paul-robert-zech.html (Biografie, tabellarisch)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

http://d-nb.info/575379588/04 (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

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