Paul Zech: Im Dämmer – Analyse

Im Dämmer

 

Im schwarzen Spiegel der Kanäle zuckt

die bunte Lichterkette der Fabriken.

Die niedren Straßen sind bis zum Ersticken

mit Rauch geschwängert, den ein Windstoß niederduckt.

 

Ein Menschentrupp, vom Frohndienst abgehärmt,

schwankt schweigsam in die ärmlichen Kabinen;

indes sich in den qualmigen Kantinen

die tolle Jugend fuselselig lärmt.

 

Nocheinmal wirft der Drahtseilzug mit Kreischen

Den Schlackenschutt hinunter in die flachen

Gelände, drin der Schwefelsumpf erlischt.

 

Fern aber gähnen schon, vom Dampf umzischt,

des Walzwerks zwiegespaltne Feuerrachen –

und harrn des Winks den Himmel zu zerfleischen.

(in: „Der Sturm“, 11. November 1911, S. 677) 

In „Der Sturm“ steht das Gedicht neben „Die Einfahrt“ und „Der Hauer“, also zwei Bergmanns- oder Bergwerksgedichten, buchstäblich genau so, wie es hier gedruckt ist. 1913 erschien die überarbeitete Ausgabe seines erstmals 1909 als Privatdruck erschienenen Gedichtbands »Das schwarze Revier«, in dem Zech vielleicht die Erlebnisse seiner Arbeit unter Tage (ca. 1898/1900) verarbeitete, darunter auch „Im Dämmer“ und „Der Hauer“; allerdings bearbeitete er erst ab ca. 1909 „mit zunehmender Häufigkeit die Themen Großstadt und Arbeitswelt in einer dem literarischen Expressionismus verpflichteten Manier. Hierbei war er sich durchaus bewusst, ein Neuerer zu sein, auch wenn er weiterhin konventionelle Formen, insbes. das Sonett, verwendete.“ (wikipedia – dieser Artikel gibt einen guten Einblick in sein ungewöhnliches Leben).

In den beiden ersten Strophen wird eine Industrielandschaft im Stil des Expressionismus beschrieben: Kanäle, Fabriken, Straßen (1. Strophe) – ein Überblick; ein erschöpfter Arbeitertrupp geht in die Kabinen (?), Jugend lärmt in Kantinen – zwei einzelne Eindrücke. Wenn man ehrlich ist, muss man eingestehen, dass die Situation unanschaulich beschrieben ist: Ich weiß nicht, wo die Kabinen und die Kantinen sind; „Frohndienst“ weist einen Rechtschreibfehler auf; dass die Jugend „sich“ lärmt, ist grammatisch sehr eigenwillig und wohl eher dem Jambus als der Semantik verdankt; „ducken“ wird normalerweise reflexiv gebraucht: „sich ducken“, und ersetzt hier um des Reimes willen „drücken“.

Die Form des Gedichts ist das Sonett mit umarmendem Reim in den beiden ersten Strophen: Jeweils zwei Verse machen einen Satz aus; die Reime geben den fünfhebigen Versen (nur V. 4 hat sechs Hebungen) den expressionistischen Hauch (zuckt / niederduckt, V. 1/4; Fabriken/Ersticken, V. 2/3; usw.).

In den beiden Terzetten wird ein Arbeitsvorgang im Walzwerk (V. 9-11) und das Walzwerk selbst mit offenbar zwei Walzstraßen (V. 12 f.) beschrieben. Dieses Walzwerk erscheint im Bild eines mythischen Ungeheuers (Drache), der sich anschickt, „den Himmel zu zerfleischen“ (V. 14); zu diesem Bild passt auch der Schwefelsumpf (V. 11), in den die Schlacke gekippt wird. Der Arbeitsvorgang (Schlacke entsorgen) und das kampfbereite Aufsperren des Rachens sind zeitlich mittels der Partikeln „noch / schon“ (V. 9/12) gegliedert. Unklar bleibt mir, wieso nach dem Schichtende (V. 5 f.) die Schlacke nur „noch einmal“ (V. 9) entsorgt wird.

Vor allem die Reimwörter „Kreischen / zerfleischen“ machen das Bedrohliche der Fabrik deutlich. Die beiden Terzette bestehen jeweils aus einem einzigen Satz, was das Sprechtempo erhöht – passend zur Gefahr, von der in der letzten Strophe die Rede ist. Was sich zunächst als eher armselige Lebenssituation erwies (Quartette), offenbart im Arbeitsvorgang eine mythische Gefährlichkeit (Terzette); die beiden Teile des Sonetts sind jedoch nicht gedanklich miteinander vermittelt – die Form des Sonetts ist diesem Gedicht äußerlich geblieben, sie hat den Autor überfordert. Wieso ein Walzwerk den Himmel zerfleischen will, bleibt unverständlich; mit den zwiegespaltenen Feuerrachen ist das mythische Bild eines Drachen beschworen, der in der Bibel zunächst Chaosdrache ist, später in der Apokalypse als Satan Gott (= den Himmel) bekämpft. Der Kampf gegen den Himmel folgt also der Logik des Drachenbildes, nicht der Arbeit des Walzwerks das könnte sich gegen die Arbeiter, aber nicht gegen den Himmel richten.

Vortrag

http://www.literaturportal-westfalen.de/main.php?id=00000083&article_id=00000158 (in Zech: Das schwarze Revier, 1913)

Sonstiges

http://www.bibliele.com/CILHT/zech.html (vier Gedichte Zechs, mit span. Übersetzung)

http://www.gutenberg.org/ebooks/34833 (Novellen Zechs)

http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Zech (Biografie)

http://www.lwl.org/literaturkommission/alex/index.php?id=00000003&letter=Z&layout=2&author_id=00000953 (Biografie usw.)

http://www.werner-steinbach.com/wuppertal/infopages/vips/paul-robert-zech/paul-robert-zech.html (Biografie, tabellarisch)

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