Stadler: Form ist Wollust – Analyse

Form und Riegel mußten erst zerspringen…

Text

http://www.literaturwelt.com/werke/stadler/formistwollust.html

https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1914_stadler.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1543

http://colecizj.easyvserver.com/pgstafor.htm (mit engl. Übersetzung)

http://thule-italia.com/wordpress/maria-richard-ernst-stadler/?lang=de (mit italien. Übersetzung)

„Form ist Wollust“ gehört als poetologisches Gedicht in den programmatischen Teil von Stadlers Gedichtsammlung „Der Aufbruch“, die auf 1914 datiert, aber Ende 1913 erschienen ist. Stadlers Aufbruch ist ein Aufbruch zu neuen Formen des dichterischen Sprechens und gehört in den Umkreis dessen, was man seit 1911 „Expressionismus“ nennt: „das Lebensgefühl einer jungen Generation. Die Anfänge gehen auf Vincent van Gogh und Edvard Munch zurück.“ (wikipedia) Die Form, von der das lyrische Ich, Stellvertreter Ernst Stadlers, sich distanziert, ist der Ästhetizismus des George-Kreises und im weiteren Sinn die formale Gebundenheit traditionellen Dichtens. – Das Gedicht ist auch in die große Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1920) übernommen worden, wo es neben sieben anderen Gedichten Stadlers steht. In der Anthologie „Der Kondor“ (1912) fehlt der Name Stadler noch.

Als Vorwort meiner Analyse zitiere ich einen Kommentar zum Gedicht, der Franz Marcs Bild „Kämpfende Formen“ in seine Deutung einbezieht:

Ernst Stadler: Form ist Wollust (1914), Franz Marc: Kämpfende Formen (1914)

„Dass Form selbst zum Inhalt von Lyrik und Malerei wird, ist eine der revolutionären Neuerungen in Kunst und Literatur der Jahrhundertwende. Erst die Expressionisten (und die weitaus extremeren Dadaisten) fanden radikal neue Ausdrucksformen. In Stadlers Gedicht stehen Form und Inhalt noch in Widerspruch zueinander. Die Entgrenzungsdynamik scheint mühsam in einer traditionellen Form gebändigt. Die „Lust“ an der Form thematisiert Franz Marc in seinem Bild, das ähnlich wie Stadlers Text noch im traditionellen Rahmen bleibt. Inhalt des Gedichts und Motiv des Bildes drängen aus ihren begrenzenden Formen hinaus.“ (http://www.stiftikus.de/umbruh19/TTS_LB.pdf)

Stadlers Gedicht ist nicht in Strophen gegliedert, aber metrisch klar strukturiert: Fünfhebige Trochäen (nicht Jamben, wie die Schüler in ihren Analysen schreiben) markieren ein festes Sprechen; in den Doch-Versen sind es jedoch sechs Trochäen – ich komme noch darauf zurück. Es sprich ein lyrisches Ich, das sich mit der traditionell eher festen Form des Dichtens auseinandersetzt.

In den ersten beiden Versen bilanziert das lyrische Ich seinen Aufbruch in eine neue Welt des Dichtens; „Form und Riegel“ (V. 1) wandelt die Redensart „hinter Schloss und Riegel“ ab – die alte Form des Dichtens hat den Dichter eingesperrt. Form und Riegel mussten zerstört werden: dass sie hier „zerspringen“, deutet die Kraft eines sprengenden Wesens an. Im zweiten Vers ist analog zum ersten „mußte“ zu ergänzen, die Inkongruenz Singular-Plural („mußten“) wird als Formstörung in Kauf genommen. Dass „Welt“ (V. 2) sich in der neuen Dichtung zur Geltung bringt, ist ein Affront gegen die blutlose ästhetisch-formale Dichterei der Epigonen Georges.

Es folgen drei Verspaare mit dem gleichen antithetischen Aufbau: Was Form ist und tut / Was ich will, was mich treibt (pointiert durch „Doch“ eingeleitet, jeweils in sechs statt in fünf Takten gesagt: ein Mehr gegenüber dem formal korrekten Fünfertakt). Im ersten Verspaar steht die Selbstgenügsamkeit des Elfenbeintumbewohners dem kräftig Zupackenden entgegen, im zweiten das Einengende dem Drang ins Weite (eine Erinnerung an Fausts Monolog im Studierzimmer, was auf eine untergründige Verwandtschaft des Expressionismus mit dem „Sturm und Drang“ hinweist), im dritten der elitäre Anspruch der hohen Literatur dem Impuls, gerade die unteren Schichten zu erreichen. Die Tatsache, dass immer Paarreime verwendet werden, bezeugt den Übergangscharakter dieses Gedichts, von dem im Vorwort oben die Rede war.

Den dritten Teil des Gedichts bildet das letzte Verspaar, das mit der Konjunktion „Und“ an das vorletzte angeschlossen ist: Hier tritt das Leben als Subjekt auf (V. 10), es ist der Gegenspieler der toten Form, es setzt sich durch und erfüllt „mich“ mit der Erfüllung, die früher die Form den Dichtern geboten hat (V. 3). Hier liegt auch (im grenzenlosen Michverschenken) ein Anklang an die Lebensphilosophie vor.

Achim Aurnhammer weist in seiner Analyse (in: Poetologische Lyrik von Klopstock bis Grünbein, hrsg. von Olaf Hildebrand, 2003, S. 187 ff.) darauf hin, dass Stadler im 2. Vers vermutlich Verse Hölderlins, des großen Dichters freier Rhythmen, aufgreift:

„Und es drängt sich und rinnt aus deiner ewigen Fülle

Die beseelende Luft durch alle Röhren des Lebens.“ (An den Äther, 1797)

„In ein poetisches Programm übersetzt, bedeutet die prägnante Konfrontation von ‚Form’ und lyrischem Ich nichts weniger als die Selbstfindung des Dichters im Affront gegen die Tradition.“ (Aurnhammer, a.a.O. S. 192) Aurnhammer erkennt in diesem Gedicht die Paraphrase des Aufbruchs, wie der Titel der ganzen Gedichtsammlung lautet: Aufbruch als gewaltsames Öffnen, als Aufbrechens neuen Lebens, als Aufbruch zu neuen Zielen. Aurnhammer stellt auch noch die poetischen Entwicklung Stadlers dar (S. 193 ff.); aber die braucht uns hier nicht zu interessieren. Wer möchte, kann noch die Gedichtsammlung „Präludien“ von 1905 lesen.

http://www.e-hausaufgaben.de/Hausaufgaben/D5011-Hausaufgabe-Deutsch-Interpretation-Stadler-Ernst-Form-ist-Wollust.php (simpel)

http://www.klausuren.de/inhalt/kategorie/deutsch-1/interpretation-form-ist-wollust-ernst-stadler.html (nicht ganz so simpel)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kondor (Anthologie „Der Kondor“, 1912 – Übersicht)

https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1912_hiller.html („Der Kondor“, Vorwort)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

http://d-nb.info/575379588/04 (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

http://www.ngiyaw-ebooks.org/ (dort unter „Stadler“: Präludien, 1905; „Der Aufbruch“, 1914; drei weitere Gedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Gedichte/Der+Aufbruch („Der Aufbruch“ und weitere Gedichte 1910/14)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

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