Ulrich Becher: Murmeljagd – Besprechung

Zufällig war ich auf Bechers Roman „Murmeljagd“ (1969) aufmerksam geworden; er wurde in einem Atemzug mit Albert Vigoleis Thelens „Die Insel des zweiten Gesichts“ genannt. Heute habe ich den Roman zu Ende gelesen: Man kann ihn mit Thelens Roman nicht vergleichen, obwohl auch er ein Exilroman ist. Fazit: Thelens Roman ist eine Nummer größer, ist Weltliteratur, Bechers Roman nicht. Bechers Roman fesselt, kriegt um S. 550 einen Durchhänger und geht ab S. 630 wieder zügig voran. Man braucht aber einige Zeit, um in den Roman und die verwickelten Personenbeziehungen und v.a. -bezeichnungen hineinzukommen.

Der Roman zeigt, wie ein gerade noch über die grüne (bzw. schneeweiße) Grenze in die Schweiz entkommener österreichischer Kommunist seine Situation als Verfolgter nach dem Anschluss Österreichs 1938 erlebt; neben den eigenen aktuellen Erlebnissen (für die man als Nicht-Alpenurlauber google-maps für die Gegend um St. Moritz braucht) stehen die Erfahrungen von Bekannten und Verwandten mit dem Nazismus, stehen die Erinnerung Albert Treblas (Albert von ***, „Trebla“ ist nur Anagramm des Vornamens Albert) an seinen Abschuss als Kriegsflieger 1917 und an Verhaftungen in Österreich sowie eine Begegnung mit seinem ehemaligen Kommandeur, einer Gestapo-Größe in Wien. Der Schluss ist ein wenig kitschig: Nach einer gewissen Entfremdung teilt seine Frau ihm, als er nächtens als vermeintlich Verfolgter heimkommt, mit, dass sie im dritten Monat schwanger ist.

Eines der Leitmotive des Romans sind einige Sätze des Abbés Galiani: „Ein Bündnis mit der Natur ist dem Menschen nicht zu empfehlen, es ist zu ungleich. Wir sind nicht für die Wahrheit geschaffen, sie darf uns nichts angehen. Was uns angeht, ist die optische Täuschung. / Man muss lernen, die Ungerechtigkeit zu erdulden und die Langeweile zu ertragen. Der Tod ist uns gewiss. Warum sollen wir nicht heiter sein?“ Diese Sätze haben die Nietzschesaite in mir erklingen lassen; Trebla findet sie auf die Tür eines Klos gekritzelt – die letzte Botschaft De Colanas an ihn (der verfolgte Trebla verfällt öfter optischen Täuschungen“). Diese Mischung zwischen hohem Gedanken und niederem Ort ist typisch für den Roman Bechers.

Die Sprache ist überbordend und voller Anspielungen und Verdrehungen, sodass man einen Kommentar daneben lesen müsste, um alles mitzukriegen; die Erläuterungen Dieter Häners auf murmeljagd.ch leisten das nicht, ich habe sie nur flüchtig beachtet. – Ich verweise auf folgende Links:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45741708.html (Kurzbesprechung)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/ulrich-becher-murmeljagd-es-hat-wirklich-gar-keinen-sinn-sentimental-zu-sein-1902351.html (treffende Rezension)

http://www.dieterwunderlich.de/Becher-murmeljagd.htm (eine Art Rekonstruktion des erzählten „Geschehens“; die Bewertung ist dürftig)

http://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article4876641/So-lacht-die-Hoelle.html (Besprechung)

http://www.echo-online.de/freizeit/kunstkultur/literatur/Murmeljagd-von-Ulrich-Becher;art639,524425 (dito)

http://www.deutschlandfunk.de/wie-eine-hoch-dosierte-starkbierinfusion.700.de.html?dram:article_id=84565 (dito)

http://www.fr-online.de/literatur/literatur-jagd-auf-den-murmelmenschen,1472266,3043132.html (dito, verhalten kritisch)

http://www.murmeljagd.ch/Rezensionen.html (u.a. Personenregister, Erläuterungen auf wikipedia-Niveau und einige Rezensionen)

http://contextlink.blogspot.de/2010/01/ulrich-becher-schriftsteller-100-jahre.html (u.a. zum vorigen Link)

One thought on “Ulrich Becher: Murmeljagd – Besprechung

  1. Auch wenn er ans Werk des guten Vigo nicht heran reicht, ich schätze es sehr, auch auf diesen Roman aufmerksam gemacht zu haben… Zu leicht gerät zu vieles in Vergessenheit!

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