Becher: Eingang = Vorbereitung, Analyse

Eingang (1916)

 

Der Dichter meidet strahlende Akkorde.

Er stößt durch Tuben, peitscht die Trommel schrill.

Er reißt das Volk auf mit gehackten Sätzen.

 

Ich lerne. Ich bereite vor. Ich übe mich.

Wie arbeite ich – hah leidenschaftlich! –

Gegen mein noch unplastisches Gesicht –:

Falten spanne ich.

Die Neue Welt

Zeichne ich, möglichst korrekt, darin ein.

(– dabei die alte, die mystische, die Welt der Qual austilgend –)

Eine besonnte, eine äußerst gegliederte, eine geschliffene Landschaft schwebt mir vor,

Eine Insel glückseliger Menschheit.

Dazu bedarf es viel. (Das weiß auch ich längst sehr wohl.)

 

O Trinität des Werks: Erlebnis, Formulierung, Tat.

Ich lerne. Bereite vor. Ich übe mich.

 

… bald werden sich die Sturzwellen meiner Sätze zu einer unerhörten Figur verfügen.

Reden. Manifeste, Parlament. Der Experimentalroman.

Gesänge von Tribünen herab vorzutragen.

 

Der neue, der heilige Staat

Sei gepredigt, dem Blut der Völker, Blut von ihrem Blut, eingeimpft.

Restlos sei er gestaltet.

Paradies setzt ein.

Lasst uns die Schlagwetter-Atmosphäre verbreiten! –

Lernt! Vorbereitet! Übt euch!

 

 

Vorbereitung (1920)

 

Der Dichter meidet strahlende Akkorde.

Er stößt durch Tuben, peitscht die Trommel schrill.

Er reißt das Volk auf mit gehackten Sätzen.

                              *

Ich lerne. Ich bereite vor. Ich übe mich.

Wie arbeite ich – hah leidenschaftlich! –

Gegen mein noch unplastisches Gesicht –:

Falten spanne ich.

Die Neue Welt

(– eine solche: die alte, die mystische, die Welt der Qual austilgend –)

Zeichne ich, möglichst korrekt, darin ein.

Eine besonnte, eine äußerst gegliederte, eine geschliffene Landschaft schwebt mir vor,

Eine Insel glückseliger Menschheit.

Dazu bedarf es viel. (Das weiß er auch längst sehr wohl.)

 

O Trinität des Werks: Erlebnis, Formulierung, Tat.

 

Ich lerne. Bereite vor. Ich übe mich.

 

… bald werden sich die Sturzwellen meiner Sätze zu einer unerhörten Figur verfügen.

Reden. Manifeste, Parlament. Das sprühende politische Schauspiel. Der Experimentalroman.

Gesänge von Tribünen herab vorzutragen.

 

Menschheit! Freiheit! Liebe!

 

Der neue, der Heilige Staat

Sei gepredigt. Dem Blut der Völker, Blut von ihrem Blut, eingeimpft.

Restlos sei er gestaltet.

Paradies setzt ein.

– Laßt uns die Schlagwetter-Atmosphäre vorbereiten! –

Lernt! Vorbereitet! Übt euch!

———————————————————————————–

Das Gedicht gibt es in zwei Fassungen: Für die erste (mit der Überschrift „Eingang“, in „An Europa“, 1916) verlasse ich mich auf den Text Lutz Görners, die zweite von 1920 kann man in der Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1920) selber nachlesen. Ich versuche hier eine kurze Analyse der 1. Fassung.

In der ersten Strophe (V. 1-3) spricht der Sprecher darüber, was „der Dichter“ tut – im Sinn von: was er zu tun hat; das ist die Poetologie, der auch Bechers Gedicht verpflichtet ist. Er „meidet strahlende Akkorde“ (V. 1), also wohlklingende Verse – das Bild der Akkorde verdankt sich antithetisch den Instrumenten „Tuben“ und „Trommeln“, mit denen der Dichter „das Volk“ aufruft. Tuba und Trommeln sind Kriegsinstrumente. Der Gegensatz zu den strahlenden Akkorden sind die gehackten Sätze, mit denen das Volk emporgerissen werden soll (V. 3). – Die Strophe ist in Prosa verfasst. Jeder Vers ist ein selbständiger Satz, der mittlere besitzt zwei Prädikate. Ein Metrum ist nicht vorhanden, ebenso fehlen natürlich Reime.

Es folgen zwei Strophen, die durch einen fast gleich lautenden Vers umrahmt werden (V. 4 / 15); in ihnen berichtet der Sprecher in der Ich-Form, was er selber tut. Hier wird deutlicher, wozu er (als Dichter, siehe die 1. Strophe) das Volk mitreißen will: Ihm schwebt „Die Neue Welt“ (V. 8) vor, „Eine Insel glückseliger Menschheit“ (V. 12). Diese neue Welt will er jetzt schon in sein Gesicht einzeichnen (V. 8 f.); dazu muss er gegen sein „noch unplastisches Gesicht“ arbeiten (V. 6) – und das tut er leidenschaftlich, wie er begeistert ausruft (V. 5). Er spricht durchweg schwungvoll, begeistert vom kommenden Neuen, sogar in Form von Ausrufen (V. 14). Er steht in einer Spannung, die in den drei Versen 13-15 deutlich wird: Er erkennt die Defizite, die ihn noch vom Ziel trennen (V. 13); aber er ist dabei, das Neue vorzubereiten (V. 15 und V. 4); so erlebt er jetzt die „Trinität des Werks: Erlebnis, Formulierung, Tat“ (V. 14). Will man das Gedicht verorten, so ist es dieser Formulierung zuzuordnen.

Die Formel von der „Trinität“ (Dreiheit, Dreieinigkeit) des Werks greift polemisch das christliche Dogma von der Dreifaltigkeit Gottes auf; der Dichter verkündet eine neue Trinität, wie er ja auch die alte mystische Welt der Qual, die von der Religion bestimmte Welt, austilgen will zugunsten der neuen, besonnten Welt (Landschaft, V. 10 f.). „Die Neue Welt“ und „Eine Insel glückseliger Menschheit“ bekommen als die Formeln der Hoffnung einen eigenen Vers, obwohl sie keine Sätze sind (Enjambement).

Es folgen noch zwei Strophen, in denen der Sprecher erklärt, was er für sein weiteres Wirken bzw. Werk erwartet (4. Str.) und was insgesamt geschehen soll (5. Str.). Im Anschluss an V. 15 bzw. den Satz „Ich übe mich“ folgt unvermittelt, bzw. durch die drei eine Fortsetzung anzeigenden Punkte vermittelt (V. 16) das Wort von der großen Gestalt seines dichterischen Werks („zu einer unerhörten Figur verfügen“): Das ist ein Werk, das Literatur und Politik vereint, Experimentalroman, politisches Manifest und Massengesang in einem (V. 17 f.). Weil es etwas ganz Neues sein wird, kann es jetzt nur andeutungsweise umschrieben werden.

In der letzten Strophe wird der bereits im Begriff der Trinität des Werks erkennbare religiöse Unterton der erhofften Erneuerung noch deutlicher erkennbar: Der heilige Staat soll den Völkern gepredigt werden (V. 19 f.). Das ist eine allgemeine Aufgabe, aber eben auch die Aufgabe, die seinem neuen Werk zukommt (V. 16-18). Neben dem Predigen steht das Bild vom Einimpfen (V. 20), was auch eine gewaltsame Seite besitzt – durch das Verb „einimpfen“ wird das Bild „Blut“ = heiliger Staat heraufgeführt (V. 20); damit ist erneut ein (anti-)religiöser Anklang gegeben („In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade“, Eph 1,7), anderseits auch die Möglichkeit der mystischen Einheit von neuem Staat und den leidenden Völkern eröffnet: „Blut von ihrem Blut“ (V.20). Eine Besonderheit des neuen heiligen Staates ist es, dass er ganz gestaltet ist bzw. sein soll (V. 21, vgl. V. 11: gegliedert, geschliffen); er ist also nicht naturwüchsig, nach geschichtlichen Zufällen und den Ergebnissen der Machtkämpfe geworden, sondern aus Vernunft entworfen. Deshalb ist die Hoffnung berechtigt: „Paradies setzt ein.“ (V 22), wiederum eine religiöse Metapher.

Es folgt abschließend der Aufruf an alle anderen, die im Pronomen der 1. Person Plural einbeschlossen sind: Lasst uns eine revolutionäre Atmosphäre (Schlagwetter: führen zur Explosion) vorbereiten (V. 23). Und dann der Aufruf nur an die anderen, es dem vorangehenden Dichter-Ich gleichzutun und ihm nachzufolgen (politisch-religiös): „Lernt! Vorbereitet! Übt euch!“ (V. 24, vgl. V. 4 und 15) Die Verse 4, 15, 24 erinnern an Brechts „Lob des Lernens“, bzw. umgekehrt, da Brechts Gedicht gut 20 Jahre jünger ist (1940).

Wir finden im Bechers Gedicht eine utopische Hoffnung, wie sie viele Menschen in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts beseelte – mitten im Ersten Weltkrieg, ein Jahr vor der Oktoberrevolution in Russland formuliert; diese Hoffnung ist politisch enttäuscht worden, auch wenn das noch nicht alle verstehen wollen oder können. Einen heiligen Staat gibt es nicht, wie Becher selber später erfahren musste, als er Minister in der DDR war, vgl. die Biografien Bechers. – 2008 war das Gedicht Thema im Deutsch-Abitur Bayerns (Lk: Gedichtvergleich).

Viel wilder als das gerade vorgestellte Gedicht ist „MENSCH STEHE AUF“ (in „Menschheitsdämmerung“ S. 211-215): „Verfluchtes Jahrhundert! Chaotisch! Gesanglos! / Ausgehängt du Mensch, magerster der Köder, zwischen Qual Nebel-Wahn Blitz. / […] Noch ists Zeit – / Mensch Mensch Mensch stehe auf stehe auf!!!“

Etwas kommunistischer ist das Gedicht „Ewig im Aufruhr“ (a.a.O. S. 219-221): „Ewig im Aufruhr / Wider die Feste / Wütendster Bürger / Der Schlächter des Lamms. / […] Aber bald endet solch Werk sich: / Da stürzen / […] Sich verreckend / Die Mörder aufs Pflaster. / Fahnen hissen sich / Heilig in Rot.“

Aber es gibt auch andere Gedichte Bechers, etwa die Gedichte um Lotte oder „Der Wald“ – doch ist der politische Ton insgesamt deutlich zu hören.

Text

http://www.anti-literatur.de/Text.Becher_Johannes_R_.202.html (verkürzter Text)

http://www.lutzgoerner.de/get/shows/59.pdf (Text von 1916)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up(dort S. 163: Text von 1920)

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/447/ (Lutz Görner, sehr gut)

Sonstiges 1

http://www.ceryx.de/literatur/ls_becher.htm (Biografie)

http://staff-www.uni-marburg.de/~naeser/becher.htm (Biografie)

http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_R._Becher (Biografie)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41123815.html (Autobiografie 1947)

http://www.kominform.at/article.php?story=20081120091337659 (Würdigung durch Hans Heinz Holz, 2008)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorb/becher.html (Linksammlung: Becher)

http://is.muni.cz/th/183873/pedf_b/derneuemensch.doc (Miroslav Janík: Der neue Mensch in der Expressionistischen Literatur, Bachelorarbeit 2009)

Sonstiges 2

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kondor (Anthologie „Der Kondor“, 1912 – Übersicht)

https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1912_hiller.html („Der Kondor“, Vorwort)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

https://archive.org/stream/verkndigungant00kays#page/n5/mode/2up (Verkündigung. Anthologie junger Lyrik, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921)

http://d-nb.info/575379588/04 (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

http://d-nb.info/956759254/04 (Lyrik des Expressionismus, hrsg. von Silvio Vietta, 1998, 4. verbesserte Aufl. 1999: Inhaltsverzeichnis)

http://www.dandelon.com/servlet/download/attachments/dandelon/ids/AT001C2E5251121E98B63C12572AC00483681.pdf (Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Von den Wegbereitern bis zum Dada. Eingeleitet von Gottfried Benn, 1955: Inhaltsverzeichnis)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

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