Werfel: An den Leser – Analyse

Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!…

Text

http://www.gutenberg.org/files/41883/41883-h/41883-h.htm (Werfel: Ausgewählte Gedichte, 1917 – dort das erste)

http://www.buecherlesung.de/pdf/An_den_Leser-Franz_Werfel.pdf

Es ist ein programmatisches Gedicht, in dem der Dichter sich 1911 im Gedichtband „Der Weltfreund“ direkt an seine Leser wendet – das lyrische Ich wird durch die Anrede und die Position im Buch vom Dichter als Franz Werfel vorgestellt. In vier Strophen wird der Leser als Mensch angesprochen („o Mensch“, V. 1); das ist bedeutsam – denn alles, was er sonst noch sein mag (Neger, Akrobat usw., V. 2 ff.), zählt nicht. Diesem Menschen wird der brennende Wunsch vorgetragen: „Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!“ (V. 1) Als Begründung dieser Bitte lese ich V. 9, auch wenn dieser Vers unmittelbar an V. 7 f. anzuschließen scheint: „Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht.“ Das wäre in der Tat eine solide Begründung für Verwandtschaft. Aber man muss auch die andere Möglichkeit zulassen bzw. denken, dass mit V. 9 die Bitte begründet wird, gemeinsam mit dem Ich zu weinen, „wenn ich Erinnerung singe“ (V. 7) – es handelt sich hier schließlich um ein Gedicht, nicht um eine logisch strukturierte Abhandlung.

Dass wir ein Gedicht vor uns haben, erkennt man nicht nur am Untertitel des Buches („Gedichte“), sondern auch an der Form: fünf Strophen à vier Verse, die zwar kein Versmaß aufweisen, aber einen Kreuzreim. Dieser Reim trägt jedoch nichts zur Semantik bei (z. B.: „verwandt zu sein – Floß im Abendschein“, V. 1/3), sondern ist rein äußerlich da. Die Sprache ist die Umgangssprache, jedoch leicht gehoben (Akrobat, V. 2; Aviatiker = Flieger, V. 4; Gouvernante, V. 11, usw.).

Mit den zuerst herausgehobenen Sätzen (V. 1, V. 7 f., V. 9) ist bereits das erfasst, was in den ersten vier Strophen gedacht wird; die 12 anderen Verse enthalten nur Beispiele für die entsprechenden Nomina Verwandtschaft, Erinnerung, Schicksale; diese Beispiele decken ein breites Spektrum menschlichen Lebens ab, tendenziell das ganze Spektrum. Nur in der 3. Strophe werden Adjektive herangezogen, um die Gefühle der aufgezählten schwachen Harfenistinnen, Gouvernanten, Debutanten zu charakterisieren. „Das Gefühl“ wird zweimal wiederholt (V. 10, 11, 12), diese Anapher bestimmt die 3. Strophe.

In der 5. Strophe wird das Fazit der bisherigen Äußerungen gezogen: „So gehöre ich Dir und Allen!“ (V. 17) Es folgen abschließend zwei Bitten; die erste erinnert an die Bitte in V. 7 f.: „Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!“ (V. 18) Nicht widerstehen – da fehlt zwar ein Präpositionalobjekt, worin der Du-Leser dem Sprecher nicht widerstehen soll; das ist jedoch klar: nicht in seinem Werben um Bruderschaft widerstehen. Daran schließt sich dann der letzte Wunsch als Hoffnung an: Könnten wir uns doch einmal „in die Arme fallen“ (V. 19 f.) – Vgl. auch Werfels Gedicht Der gute Mensch!

Im Pathos der allumfassenden Brüderlichkeit zeigt sich vermutlich eine Entfremdung des Einzelnen von der Gesellschaft. Man versteht das Gedicht vielleicht am besten, wenn man es als Anwort auf Wolfensteins „Städter“ liest, oder als ein Gegenwort zu dem verbohrten und überheblichen Nationalismus, der sich in dem Spruch (aus Emanuel Geibels Gedicht „Deutschlands Beruf“, 1861, verändert entnommen) äußert: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Was bei Geibel 1861 eine Werbung um Deutschlands Einheit unter einem neuen Kaiser war, trug in seiner überheblichen Umformung vielleicht auch dazu bei, dass 1914 das deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg mit entfesselte.

In der Anthologie „Die Menschheitsdämmerung“ (1920) war Franz Werfel mit 27 Gedichten der meistzitierte Dichter, wenn wir heute auch eher andere Namen mit dem Stichwort „Expressionismus“ verbinden.

Sonstiges

http://www.lexikus.de/bibliothek/Juden-in-der-deutschen-Literatur/Franz-Werfel-von-Rudolf-Kayser (über F.W.)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

https://archive.org/stream/verkndigungant00kays#page/n5/mode/2up (Verkündigung. Anthologie junger Lyrik, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921)

http://jhelbach.de/Lit/Expressionismus.pdf (Kleine Textsammlung: Expressionismus)

http://d-nb.info/575379588/04 (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

http://d-nb.info/956759254/04 (Lyrik des Expressionismus, hrsg. von Silvio Vietta, 1998, 4. verbesserte Aufl. 1999: Inhaltsverzeichnis)

http://www.dandelon.com/servlet/download/attachments/dandelon/ids/AT001C2E5251121E98B63C12572AC00483681.pdf (Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Von den Wegbereitern bis zum Dada. Eingeleitet von Gottfried Benn, 1955: Inhaltsverzeichnis)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://delabar.net/storage/216c27f9Vorlesung_02_Expressionismus.PDF (Lyrik des 20. Jh.: Expressionismus)

http://is.muni.cz/th/183873/pedf_b/derneuemensch.doc (Miroslav Janík: Der neue Mensch in der Expressionistischen Literatur, Bachelorarbeit 2009)

http://dspace.library.uu.nl/bitstream/handle/1874/209057/Abschlussarbeit_nieuwe_versie%5B1%5D.pdf?sequence=1 (Rick Duijf: Das Sonett in der expressionistischen Lyrik, Bachelor-Arbeit 2011)

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