Werfel: Als mich dein Wandeln an den Tod verzückte – Analyse

Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte…

Text

http://dspace.library.uu.nl/bitstream/handle/1874/209057/Abschlussarbeit_nieuwe_versie%5B1%5D.pdf?sequence=1 (dort S. 26)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920 – dort S. 107)

Im erstgenannten Link gibt es eine kurze Deutung Rick Duijfs, die ich jedoch für falsch, zumindest für missverständlich halte: Das lyrische Ich wendet sich an sein geliebtes Du und beschreibt in den beiden Quartetten und im ersten Terzett, was außerdem geschah, „Als mich dein Dasein tränenwärts entrückte“ (V. 1): Da lebten zugleich „Millionen Unterdrückte“ (V. 4), es „starben Niebeglückte“ (V. 8), viele stampften „im Dumpfen“. Im letzten Terzett wendet das lyrische Ich sich an alle diese Unterdrückten: „Ihr Keuchenden…“ (V. 12) und fragt sich selbst: „Wie werd’ ich diese Schuld bezahlen müssen!?“ (V. 14) – Schuld unter der Bedingung (V. 13 ist ein Konditionalsatz), dass es „ein Gleichgewicht in Welt und Leben“ gibt oder gäbe. Ob es diesen Ausgleich gibt, wird nicht erörtert; aber das Ich hält ihn zumindest für möglich, wenn es sich diese Schlussfrage stellt.

Ich kann hier keinen Ich-Zerfall erkennen, sondern nur ein lyrisches Ich, das an der Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt leidet, das eine Art von Schuldgefühl angesichts seines privilegierten Schicksals empfindet. Seltsamerweise wird diese Diskrepanz der Geschicke jedoch nicht durch Ungleichheit der sozialen Lage erklärt, sondern durch die Differenz: eigenes Liebesglück / soziale Unterdrückung der anderen; nur in V. 7 f. werden die anderen auch als „gottlos Unerwärmte“ oder „Niebeglückte“ bezeichnet – allenfalls die letzte Formel könnte man aufs fehlende Liebesglück der anderen beziehen.

Dieses Gedicht ist zwar zusammen mit 26 weiteren Gedichten Werfels in die „Menschheitsdämmerung“ (1920) aufgenommen worden, hat aber gar nichts von dem an sich, was man „Expressionismus“ nennt; es steht in der Anthologie in der Abteilung „Erweckung des Herzens“ – da passt es hinein.

Wenig „expressionistisch“ sind die Sprache und die Form des Sonetts – aber was ist überhaupt Expressionismus? Über die Problematik der Klassifizierung von Gedichten in expressionistische und nichtexpressionistische hat Gottfried Benn sich in der Einleitung der Anthologie „Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts“ geäußert. Die Sprache des Gedichtes bzw. des lyrischen Ichs ist hochartifiziell, beinahe noch artistisch wie die Georges oder Hofmannsthals. Das gilt zunächst für das Vokabular: „tränenwärts“ (V. 1) ist ein Neologismus; die Substantivierungen „das Unermeßne“ (V. 2) und „das Abgehärmte“ (V. 3) sind als solche ungebräuchlich, aber auch schon die Adjektive selbst gehören ebenso wie das Verb „wandeln“ (V. 1) der gehobenen Sprache an; Ähnliches gilt für „gottlos Unerwärmte“ (V. 7) und „Niebeglückte“ (V. 8). Die Ellipse „[bis] an den Tod verzücken“ (V. 5) ist sprachlich sehr anspruchsvoll; „von Dir geschwellt“ (V. 9) wirkt heute in Verbindung mit „zum Entschweben“ schon beinahe lächerlich, da man an einen aufgeblasenen Luftballon denken könnte.

Das Versmaß ist ein fünfhebiger Jambus mit weiblicher Kadenz (also mit zusätzlicher Silbe), welche an jedem Versende für eine kleine Pause sorgt und das Sprechen getragener, feierlicher macht. Die Reime stellen Bezüge des Kontrastes (tränenwärts entrückte / Millionen Unterdrückte, V. 1/4), der Entsprechung (lärmte / Unerwärmte, V. 5/6) sowie einen Bezug her, den ich nicht benennen kann: „Ihr Keuchenden (…) auf Flüssen!!“ / ich werde „diese Schuld bezahlen müssen!?“ (V. 12/14). Hier geht es sachlich um einen Ausgleich, eine Schicksalsgemeinschaft, formal um eine Art von Entsprechung (?). Die Reime in V. 9/13 stellen keine Beziehung zwischen den Versen her. Es fallen eine Reihe von Alliterationen auf (Dein Dasein, V. 1; durch Dich, V. 2; ins Unermeßne, V. 2; um uns und, V. 6, usw.), auch die Häufung der dumpfen pf-Laute in V. 10 f. (Dumpfen, stampften, schrumpften, dampften).

Expressionistisch ist vielleicht der erregte Blick auf die Millionen Leidenden; erregt wirkt dieser Blick, weil er mit dem privaten Über-Glücksgefühl erfüllter Liebe konfrontiert und dem Gedanken des Ausgleichs verbunden wird. Diese Konfrontation macht jedoch auch die Schwäche des Gedichts aus: Die Kategorien des Vergleichs haben nichts miteinander zu tun, auch Unterdrückte können glücklich verliebt sein; deshalb bleibt  der Gedanke des Ausgleichs („diese Schuld bezahlen müssen“, V. 14) völlig unbestimmt und vage-schicksalhaft – Franz Werfel als eine Art religiöser Dichter!? Das zeigt sich in der mystischen Verbundenheit des lyrischen Ichs mit den Opfern der Unterdrückung – eigentlich sollte man die Unterdrücker büßen lassen, statt selber als Stellvertreter  für die einen oder anderen einzuspringen. Auch deshalb ist die Anrede an die Keuchenden (V. 12) bloß literarisches Spiel: Diese Keuchenden und Stampfenden lesen weder Werfels Gedichte noch verständen sie überhaupt, was Herr Werfel hier sagt. Dafür in der Tat musste Franz Werfel (statt des lyrischen Ichs) büßen: 1938 musste er nach Frankreich, später in die USA emigrieren. Untergründig hängt das vielleicht auch damit zusammen, dass er sich in diesem Gedicht mit einer mystischen Buße begnügt, statt nach den Ursachen und Methoden der Unterdrückung zu fragen. Sit venia verbo; in der Rückschau kann man leicht klüger sein als die, deren Fehler man klar erkennt. Vgl. auch dieses Gedicht Werfels!

Sonstiges

http://www.liberley.it/w/werfel.htm (Texte Franz Werfels)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

https://archive.org/stream/verkndigungant00kays#page/n5/mode/2up (Verkündigung. Anthologie junger Lyrik, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921)

http://michaelansel.userweb.mwn.de/dateien/liebesgedichteexpressionismus.pdf (Expressionismus: Liebesgedichte)

http://jhelbach.de/Lit/Expressionismus.pdf (Kleine Textsammlung: Expressionismus)

http://d-nb.info/575379588/04  (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

http://d-nb.info/956759254/04 (Lyrik des Expressionismus, hrsg. von Silvio Vietta, 1998, 4. verbesserte Aufl. 1999: Inhaltsverzeichnis)

http://www.dandelon.com/servlet/download/attachments/dandelon/ids/AT001C2E5251121E98B63C12572AC00483681.pdf (Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Von den Wegbereitern bis zum Dada. Eingeleitet von Gottfried Benn, 1955: Inhaltsverzeichnis)

http://delabar.net/storage/216c27f9Vorlesung_02_Expressionismus.PDF (Lyrik des 20. Jh.: Expressionismus)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.literatur-hausarbeiten.com/lektuere/expressionismus/index.php (zu: Expressionismus)

http://is.muni.cz/th/183873/pedf_b/derneuemensch.doc (Miroslav Janík: Der neue Mensch in der Expressionistischen Literatur, Bachelorarbeit 2009)

http://dspace.library.uu.nl/bitstream/handle/1874/209057/Abschlussarbeit_nieuwe_versie%5B1%5D.pdf?sequence=1 (Rick Duijf: Das Sonett in der expressionistischen Lyrik, Bachelor-Arbeit 2011)

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