Franz Werfel: Trinklied – Analyse

Wir sind wie Trinker…

Text

http://www.magyarulbabelben.net/works/de/Werfel,_Franz-1890/Trinklied (3. und 4. Strophe sind nicht getrennt, kleine Tippfehler – offenbar aus der pdf-Datei kopiert, s.u.)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/66/mode/2up (dort S. 67 f.)

Gottfried Benn hat dieses Gedicht geschätzt. Es steht in der Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1920); wo es vorher veröffentlicht wurde, weiß ich nicht. Der Sprachgestus schwebt zwischen Nachdenklichkeit, Klage und Anklage, Verzweiflung: Teilweise scheint der Ich-Sprecher nur meditierend zu sich selbst zu sprechen, doch spricht er auch ein Du an („Laß du uns leben!, V. 7) sowie  ungenannte „ihr“ (V. 27) und schließlich noch „Tänzerinnen“ (V. 41) ; doch müssen weder das Du noch die Ihr als anwesend gedacht werden.

Es ist ein Trinklied ganz besonderer Art: „Wir sind wie Trinker“ (V. 1), beginnt das sprechende Ich, also mit einem Vergleich, während es die 6. Strophe ohne Vergleich, also metaphorisch sagt: „Trinker sind wir über unserem Mord.“ (V. 36) Worauf läuft diese Metapher hinaus? Mit ihr umschreibt das sprechende Ich (ein lyrisches ist es nicht) unseren Zustand eines dämmernden Wankens (V. 4), trunkener Eitelkeit (V. 10 f.), der Lüge (V. 12) und des Nichtwissens: „Woher wir leben? / Wir wissen’s nicht…“ (V. 14 f.). Dieser Zustand ist sehr bedenklich: Wir sind „wie Trinker, / Gelassen über unsern Mord gebeugt.“ (V. 1 f., vgl. V. 36 und V. 27 f.) Gemeint ist nicht, dass ein Mord geschehen ist, sondern dass wir so dumpf sind wie ein Trinker, der sich gelassen über seinen Mord beugt.

Mit drei Aspekten wird der Zustand der Trunkenheit verdeutlicht: 1. Es ist ein Geheimnis da. (gegen V. 5 ff., vgl. V. 38 f. – man sollte die Möglichkeit bejahen, dass die so sichere Aussage „Nein, nichts da!“, V. 40, ein Selbstbetrug ist: „Wir wollen nicht die Arme sehn, / Die nachts aus schwarzem Flusse stehn.“, V. 18 f.) 2. Wir wissen nichts.  3. „Doch reden wir hinüber, herüber / Zufälliges Zungenwort.“ (V. 16 f.) Diesem Reden entspricht die Lebensweise, „Wir leben hin und her.“ (V. 23)

Selbstbetrug also: „Reich du voll schwarzen Schlafes uns den Krug! / Laß du uns leben nur, / Und trinken laß uns, trinken!“ (V. 24 ff.) Zwar wird im Konjunktiv II die unmögliche Möglichkeit bedacht, dass wir den Selbstbetrug aufgäben: „Doch wenn ihr wachtet! (…) In jedes Feuer würf ich mich, / Schmerzlicher zu zerglühn!“ (V. 27 ff., 5. Str.) Tödlich jedoch wäre die wahre Erkenntnis der eigenen Lage.

Deshalb wendet sich das Ich 1. an das Du, hinter dem man GOTT vermuten kann: „Laß du uns leben! (…) Laß uns die gute Lüge, / Die Wohlernährende Heimat!“ (V. 9 ff.) So kann es nur im Zustand des Selbstbetrugs beten, der mit dem Nomen „Lüge“ indirekt aufgedeckt und widerrufen wird. Doch es kommt aus diesem Zustand nicht heraus: „Nur trinken, trinken laß du uns!“ (V. 45, das letzte Wort des Sprechers) 2. Das Ich wendet sich an seine Genossen: „Kommt denn und singt ihr! (…) Kämpfen wollen wir und spielen.“ (V. 41 ff.) Also weiter wie bisher!

Wer gehört zu diesem Wir der Trunkenen? Sind das die Zeitgenossen Werfels, vielleicht kurz vor dem Ersten Weltkrieg? Sind das alle Menschen, gehört diese Trunkenheit zur Condition humaine?  Das bleibt offen. Das Gedicht ist vom Hauch des Apokalyptischen geprägt, der eine der Eigentümlichkeiten des Expressionismus war.

Die sechs Strophen sind unterschiedlich lang; die Sprache ist gebunden, ohne Versmaß, ohne Reim, doch nicht ohne Rhythmus; das Gedicht lebt von dunklen Andeutungen, bedrückender Bildlichkeit, Wiederholungen und inneren Widersprüchen: Erkenntnis des Selbstbetrugs – Wunsch, darin zu verbleiben; Erkenntnis der Trunkenheit – Wunsch, sie auf immer fortzusetzen. Man muss das Gedicht sprechen, hören, sich gesprochen vorstellen…

Es ist natürlich ein Witz, wenn dieses Gedicht in einer Sammlung von Sauf- und Trinkliedern (Berlin 1920) auftaucht. Auch Wawerzineks Parodie „Trinklied der Wölfe“ wird dem eindrucksvollen Gedicht nicht gerecht, genauso wie meine Analyse ihm nicht gerecht wird – die ganze Dichte der Sprache habe ich nicht beschrieben; die einzige Entschuldigung, die ich vorbringen kann: Es ist die erste Analyse, die es im Netz gibt.

 

FRANZ WERFEL: TRINKLIED

Wir sind wie Trinker,

Gelassen über unsern Mord gebeugt.

In schattiger Ausflucht

Wanken wir dämmernd.

Welch ein Geheimnis da?

Was klopft von unten da?

Nichts, kein Geheimnis da,

Nichts da klopft an.

 

Laß du uns leben!

Daß wir uns stärken an letzter Eitelkeit,

Die gut trunken macht und dumpf!

Laß uns die gute Lüge,

Die wohlernährende Heimat!

Woher wir leben?

Wir wissen’s nicht . .

Doch reden wir hinüber, herüber

Zufälliges Zungenwort.

 

Wir wollen nicht die Arme sehn,

Die nachts aus schwarzem Flusse stehn.

 

Ist tiefer Wald in uns,

Glockenturm über Wipfeln?

Hinweg, hinweg!

Wir leben hin und her.

Reich du voll schwarzen Schlafes uns den Krug!

Laß du uns leben nur,

Und trinken laß uns, trinken!

 

Doch wenn ihr wachtet!

Wenn ich wachte über meinem Mord!

Wie flöhen die Fuße mir!

Unter den Ulmen hier wär‘ ich nicht.

An keiner Stätte wäre ich.

Die Bäume bräunten sich,

Wie Henker stünden die Felsen!

In jedes Feuer würf ich mich,

Schmerzlicher zu zerglühn!

 

Trinker sind wir über unserem Mord.

Wort deckt uns warm zu.

Dämmerung und in die Lampe Sehn!

Ist kein Geheimnis da?

Nein, nichts da!

Kommt denn und singt ihr!

Und ihr mit Kastagnetten, Tänzerinnen!

Herbei! Wir wissen nichts.

Kämpfen wollen wir und spielen.

Nur trinken, trinken laß du uns!

 

Sonstiges

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920: https://openlibrary.org/books/OL23319050M/Menschheits_Dämmerung als pdf-datei)

http://d-nb.info/575379588/04 (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

https://archive.org/stream/verkndigungant00kays#page/n5/mode/2up (Verkündigung. Anthologie junger Lyrik, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921)

http://jhelbach.de/Lit/Expressionismus.pdf (Kleine Textsammlung: Expressionismus)

http://d-nb.info/956759254/04 (Lyrik des Expressionismus, hrsg. von Silvio Vietta, 1998, 4. verbesserte Aufl. 1999: Inhaltsverzeichnis)

http://www.dandelon.com/servlet/download/attachments/dandelon/ids/AT001C2E5251121E98B63C12572AC00483681.pdf (Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Von den Wegbereitern bis zum Dada. Eingeleitet von Gottfried Benn, 1955: Inhaltsverzeichnis)

http://delabar.net/storage/216c27f9Vorlesung_02_Expressionismus.PDF (Lyrik des 20. Jh.: Expressionismus)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.literatur-hausarbeiten.com/lektuere/expressionismus/index.php (zu: Expressionismus)

http://kups.ub.uni-koeln.de/619/1/11w1021.pdf (Angelika Zawodny: „[…] erbau ich täglich euch den allerjüngsten Tag.“ Spuren der Apokalypse in expressionistischer Lyrik, Diss. 1999)

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